16.07.2003 · Das zweitärmste Land der Welt ist der drittgrößte Uranproduzent: Der Verdacht, Uran an den Irak geliefert zu haben, trifft den einzigen nennenswerten Devisenbringer des Landes.
Von Thomas Scheen, MonroviaSeit der amerikanische Präsident Bush eingestanden hat, die Vorwürfe gegen Niger, das verdächtigt worden war, insgesamt 500 Tonnen konzentriertes Uran ("Yellow Cake") an den Irak geliefert zu haben, seien haltlos, überlegen Regierungsstellen in Niger, eine offizielle Entschuldigung der Vereinigten Staaten zu fordern.
Zugleich wirft die nigerische Opposition dem Präsidenten Mamadou Tandja Opportunismus vor, weil er nach Dakar gereist war, um Bush auf dessen erster Station seiner Afrika-Reise zu treffen. Zwar hatten offizielle Stellen in Niger die vermeintlichen Uranlieferungen in den Irak umgehend dementiert und als "Lüge" bezeichnet. Der Protest war aber angesichts der Schwere der Vorwürfe vergleichsweise verhalten ausgefallen.
Drittgrößter Uranproduzent
Der Grund dafür ist klar: Niger, das von den Vereinten Nationen als das zweitärmste Land der Welt bezeichnet wird, ist von Geberländern abhängig. Das Wüstenland ist nach Kanada und Australien international der drittgrößte Uranproduzent. Was aber bei der Frage, ob Niger das Embargo gegen den Irak gebrochen hat oder nicht, ungleich schwerer wiegt: Niger ist der größte muslimische Uranproduzent.
Die Reaktion auf Bushs Geständnis kam prompt. Obwohl der sich aus Nigeria ausbreitende Fundamentalismus außer in einigen südnigrischen Städten bislang keine Anhänger finden konnte, haben die gefälschten Beweise doch denjenigen in Niger Auftrieb gegeben, die Amerika immer schon für den "großen Satan" gehalten haben.
Einziger nennenswerter Devisenbringer
Dabei hatte der Verdacht, Uran an einen "Schurkenstaat" geliefert zu haben, den einzigen nennenswerten Devisenbringer des Landes getroffen. Nahezu 70 Prozent seiner ausländischen Einnahmen erzielt Niger mit dem Export von Uran. Gleichzeitig hat die nigerische Regierung bei dieser Auseinandersetzung über illegale Uranexporte und damit der Verteidigung ihres wichtigsten Exportgutes von Anfang eine ausgesprochen schlechte Figur abgegeben, als sie zurückliegende Uranlieferungen in den Irak bestritt. Dabei waren 1981 und 1982 umfangreiche Lieferungen nach Bagdad gegangen, was zum damaligen Zeitpunkt legal war. Französische Firmen waren dabei, im Irak ein Kernkraftwerk zu bauen, und es lag nahe, das Uran in einer ebenfalls französischen Mine zu kaufen.
Die beiden nigerischen Minen von Arlit und Akouta in der Aïr-Wüste werden als Joint-Venture zwischen staatlichen Gesellschaften und verschiedenen ausländischen Privatunternehmen geführt. Tatsächlich aber hat die Betreiberfirma, das französische Unternehmen Cogema, das Sagen. Der größte Teil der Förderung wird ohnehin nach Frankreich und Japan geliefert. Früher wurde das Uran 2500 Kilometer weit über Straßen bis in den Hafen von Cotonou in Benin transportiert, heute ersetzen Flugzeuge zum Teil die Lastwagen.
Im Vergleich zu den nigerischen Uranminen, deren Reserven zusammengenommen auf etwa 90 000 Tonnen geschätzt werden, sind die restlichen Uranminen in Afrika relativ unbedeutend. Zwar verfügt die im Süden Kongos liegende Mine Shinkolowe über geschätzte Vorkommen von fünf Millionen Tonnen Mineral, dessen Urangehalt indes als gering gilt. Zudem ist die Mine seit ihrer Schließung 1965 geflutet, was einen illegalen Abbau von 500 Tonnen - die Menge, die der Irak angeblich zu kaufen versucht hat - unmöglich macht. Die Vorkommen in Gabun gelten als weitgehend erschöpft, die in der Zentralafrikanischen Republik sind noch unerschlossen. Bleibt Namibia, wo die britische Firma Rio Tinto den Abbau kontrolliert.
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
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