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Kriegsfolgen in Italien Es wird weiter geschossen

01.11.2008 ·  Mehr als 60 Jahre nach Kriegsende siegt Italien immer noch: mit juristischen und politischen Mitteln. Jetzt sprach das oberste italienische Berufungsgericht den Angehörigen zweier Opfer von Nazi-Verbrechen Entschädigungen in Höhe von 800.000 Euro zu.

Von Heinz-Joachim Fischer, Rom
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Für manche in Italien ist der Zweite Weltkrieg noch immer nicht zu Ende. Für Staatspräsident Napolitano nicht, und nicht für jene, die es – wie einst japanische Soldaten auf eine verlassene, von Veränderungen unberührte Pazifikinsel – in den Justizpalast von Rom verschlagen hat, einen riesigen Komplex zwischen Tiber und Piazza Cavour aus der vorletzten Jahrhundertwende. In dem Gerechtigkeits-Labyrinth sind die Richter der Cassazione, des obersten italienischen Berufungsgerichts, der Ersten Strafsektion, der Meinung, dass die Kampfhandlungen zwischen dem Deutschen Reich und den „kleinen Italienern“ weitergehen und mit juristischen Mitteln siegreich für Italien abgeschlossen werden müssen.

Giorgio Napolitano, Jahrgang 1925, war am vergangenen Wochenende in der ägyptischen Stadt El Alamein. Anlass war der 66. Jahrestag zweier großer und blutiger Schlachten im Juli und Oktober/November 1942 zwischen den verbündeten Achsenmächten Italien und Deutschland einerseits und den Alliierten unter britischer Führung andererseits. Man erwartete, dass Napolitano die gefallenen Soldaten seines Landes ehren würde, etwa 1800, die im Auftrag des Staates dort ihr junges Leben hatten lassen müssen. Doch als getreues Mitglied des früheren Partito Comunista Italiano, der italienischen kommunistischen Partei, der er von 1945 bis zu deren Umwandlung in die „Linksdemokraten“ 1991 angehörte, führte Napolitano – bald sieben Jahrzehnte nach den Ereignissen – den Krieg mit politischen Mitteln weiter.

Nazi-Faschismus in Italien noch nicht tot genug?

Der italienische Verteidigungsminister La Russa – der einmal der post-faschistischen „Sozialbewegung“ (MSI) angehörte, bis sie sich zu Rechtsnationalen wandelte und schließlich mit der Polit-Bewegung von Ministerpräsident Berlusconi „Forza Italia“ zur „Partei der Freiheit“ fusionierte – schwieg dazu und sagte nur: „Die Worte des Staatspräsidenten kommentiert man nicht, man hört sie an.“ Der wahre Verlierer in El Alamein sei, so sagte Staatspräsident Napolitano, der Nazi-Faschismus wegen seiner „wahnsinnigen Ideologien“ gewesen. Richtig, das war 1942, definitiv 1945. Doch seitdem führt die italienische Linke den Kampf gegen den Faschismus erst richtig, offenbar in der Überzeugung, der Nazi-Faschismus in Italien könne gar nicht so tot sein, dass man ihn nicht weiter verfolgen müsste.

So entschieden in der Woche davor die Richter der Cassazione in letzter Instanz, dass den Angehörigen zweier Opfer von Nazi-Verbrechen im Zweiten Weltkrieg Entschädigungen in Höhe von 800.000 Euro zustünden. Gleichsam eine Freundschaftssumme; es hätte auch mehr sein können. Im Juni dieses Jahres entschied derselbe Kassationshof, dass auch die Klagen der während des Krieges deportierten Zwangsarbeiter und ihrer Angehörigen auf Entschädigungen gegen die Bundesrepublik Deutschland „vollkommen legitim“ seien. Das wäre doch gelacht, signalisiert furchteinflößend der gewaltige römische Justizpalast, größer als jeder deutsche, wenn man „la Grande Germania“ nicht doch noch in die Knie zwänge. Finanzkrise hin oder her.

„Merkel muss zahlen“

Es fehlte in Italien auch nicht an Berichten, die eilig die frohe Botschaft vom möglichen Mannaregen aus dem Norden unter das Volk brachten. 800.000 Euro für zwei Kriegsopfer. Das kann noch eine schöne Summe werden bei Millionen Toten zwischen 1939 und 1945. Einigen schwante zwar, dass solche Rechnungen etwas Unwirkliches haben, dass man den Richtern schonend beibringen müsste, der Krieg sei seit mehr als 63 Jahren beendet. Aber es geht um Nazi-Greuel, und darum, dass, wie die Titel in den Zeitungen laut aufschreien, „Deutschland verurteilt“ ist und „Merkel zahlen muss“.

Auch in Italien war einiges daneben gegangen in jenen vermaledeiten Jahrzehnten zwischen dem Ende des Ersten und des Zweiten Weltkriegs, mit dem Faschismus zum Beispiel. Dann ist auch Grandioses, Heroisches in Rom geschehen, wie die Absetzung des Diktators Mussolini aus eigener Kraft und Überzeugung im Sommer 1943. Aber gerade im Verhältnis zu Deutschland sollten die Italiener ihre jüngste Geschichte etwas genauer betrachten. Ansätze dazu werden gemacht; die sollten ermutigt werden. Aber dann verschwindet alles wieder hinter einem Schleier des Selbstgefallens, und es wird gegen Deutschland die Keule der Nazi-Untaten hervorgeholt.

Nicht nur in der Opferrolle

Es ist jene Keule der verabscheuenswürdigsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, mit denen sich die Cassazione jetzt beschäftigte. Das Urteil bezieht sich auf eine Kriegshandlung am 29. Juni 1944 in dem Ort Civitella bei Arezzo in der Toskana. Als Repressalie gegen die Tötung von drei oder vier deutschen Soldaten durch Partisanen der „Resistenza“ gingen Angehörige der Division Hermann Göring gegen Zivilisten vor und töteten nach italienischen Angaben 203 Personen, darunter Frauen und Kinder. Die Angehörigen von zwei Opfern, Metello Ricciarini und Ranieri Pietrelli, begnügten sich nicht mit den Staatsverträgen über eine generelle Reparationsleistung – so im Vertrag von Bonn 1961 mit 40 Milliarden Lire (264 Millionen Mark damals) –, sondern betrieben über Jahrzehnte hin als Zivilkläger die strafrechtliche Verfolgung der Täter und erreichten schließlich die Verurteilung des damaligen Feldwebels Max Milde, der im Alter von 88 Jahren in Deutschland lebt. Ihnen wurde jetzt das Recht auf Entschädigung zugesprochen.

Die genauere Betrachtung fördert jedoch zu Tage, dass Italien im Verhältnis zu Deutschland nicht nur die Opferrolle einnehmen kann. Mit Begeisterung traten Mussolini und die Italiener am 11. Juni 1940 als Verbündete der Nazis in den Krieg ein, als es galt, Anteil am Sieg gegen Frankreich zu gewinnen. Auf der Piazza Venezia in Rom gellt immer noch der Jubel für den Diktator auf dem Balkon des Palazzo. Mit vollem Recht verloren die Italiener 1943 die Lust am Krieg und entmachteten Mussolini. Doch sie hatten die verbündete deutsche Wehrmacht im Land. Anfang September 1943 schloss die Regierung Badoglio im Süden einen Sonderwaffenstillstand mit den Alliierten; Mussolini im Norden hielt zu den Deutschen, weil er von denen gehalten wurde (mit der Marionetten-Regierung am Gardasee).

Schmeichelhafter Gründungsmythos

Im deutschen Generalstab und unter den einfachen Soldaten der Wehrmacht war Unzufriedenheit über den italienischen Verbündeten weit verbreitet. Überall, so hatten die Landser am eigenen Leib erfahren, in Frankreich, in Afrika, auch in El Alamein, auf dem Balkan, in Griechenland oder der Sowjetunion, habe man „dem Italiener“ aus der Not helfen müssen; die Terminplanung für den Angriff auf die Sowjetunion habe wegen der Hilfen für Mussolini verschoben werden müssen, mit katastrophalen Folgen. Dann begingen sie auch noch „Verrat“ – so die empörten Landser. Und zuallerletzt störten sie die Operationen eines geordneten Rückzugs der Wehrmacht durch sinnlose Anschläge von Partisanen der „Resistenza“, obwohl strenge Repressalien angedroht waren. Doch so sinnlos waren die Attentate nicht, weil die Toten als Opfer und das Entsetzen der Überlebenden einkalkuliert waren. Wurden die Anschläge von der „Resistenza“ im Bewusstsein der Folgen verübt?

Doch hier setzt der Gründungsmythos der Republik Italien nach Kriegsende, nach Faschismus und Monarchie ein. Er besagt, dass man nicht nur Mussolini abgestraft habe, entmachtet und hingerichtet, sondern dass die christlich-demokratischen, sozialistischen und kommunistischen Volkskräfte in heldenmütigen Operationen Italien befreit hätten. Selbst die extremste Grausamkeit der Nazis habe diesen heldenhaften Freiheitskampf nicht besiegen können. Deshalb sind die Orte von „Resistenza“-Aktionen gegen deutsche Soldaten und die darauf folgenden Vergeltungsmaßnahmen heilige Stätten, zu denen Präsidenten und Staatsbesucher pilgern, ihre Namen Symbole des erfolgreichen Widerstands gegen Unmenschlichkeit.

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