http://www.faz.net/-gpf-95f1x

Bedrohung durch Teheran : Ein Krieg Irans gegen Israel wird wahrscheinlicher

  • -Aktualisiert am

Ein iranischer Demonstrant mit Porträt des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu. Bild: AFP

Die bedrohliche Feindschaft könnte eskalieren: Mit der Präsenz iranischer Militärberater in Syrien kann Iran dem Erzfeind Israel an dessen Grenzen gefährlich werden. Ein Gastbeitrag.

          Die Gefahr eines israelisch-iranischen Krieges nimmt fortwährend zu. Ein Waffengang droht auf die gesamte Krisenregion überzugreifen und sich zu einer globalen Bedrohung auszuweiten. Betroffen wären auch Europa und damit Deutschland. Die Gefahr eines strategischen Krieges in Nahost schien nach dem israelisch-ägyptischen Friedensabkommen von Camp David 1978 gebannt. Denn ohne Beteiligung des politisch und militärisch mächtigsten arabischen Landes ist ein Krieg gegen Israel aussichtslos. Die bedrohlichste Feindschaft herrscht seit Jahren aber zwischen Israel und Iran.

          Diese Entwicklung setzte 1979 mit dem Sturz der prowestlichen Pahlewi-Dynastie durch die islamistischen Anhänger Ajatollah Chomeinis ein. Chomeini und seine Gefolgsleute zielten auf eine kompromisslose schiitische Revolution und deren Export in die arabische Welt. Sunnitische Regime in Ländern mit einer starken schiitischen Minderheit oder gar Mehrheit sollten gestürzt, Palästina von den Zionisten befreit und die Vereinigten Staaten aus der gesamten Region vertrieben werden.

          Iran hat Israel im Fokus

          Teheran stabilisierte trotz des amerikanischen Boykotts seine Armee und etablierte die bewaffneten Revolutionsgarden. Das bereits unter dem Schah begonnene Nuklearprogramm wurde wiederaufgenommen und mit Hilfe Pakistans in Richtung auf die Konstruktion atomarer Waffen und Trägersysteme weiterentwickelt. Der entscheidende Machtzuwachs Teherans rührt aber aus den verheerenden strategischen Fehlern Washingtons und seiner Verbündeten. Sie besetzten nach den Anschlägen vom 11. September Afghanistan und später den Irak. Jahre danach war ein gesichtswahrender Rückzug Amerikas nur mit stillschweigender Rückendeckung Irans möglich. Der Preis war ein Nuklearabkommen mit Teheran sowie das damit verbundene Ende des Boykotts und die Freigabe der eingefrorenen Gelder.

          Teheran nutzte die gewonnene Stärke, um seine regionalen Ambitionen zu intensivieren. Iran unterstützt die schiitischen Milizen der Hizbullah im Libanon sowie der Houthis im Jemen. Der Libanon wird bereits von der Hizbullah beherrscht. Vom Jemen führen die Houthis Krieg gegen Saudi-Arabien, dessen Kronprinz Muhammad das Land energisch modernisiert. Der Fokus Teherans richtet sich jedoch gegen Israel. Iran konzentrierte sich zunächst auf die Stabilisierung des Assad-Regimes in Syrien. Mit Hilfe der Hizbullah, Ausbilder und Waffen aus Iran sowie in Abstimmung mit Russland und dessen Luftwaffe verhalf Iran der Baath-Diktatur im Bürgerkrieg gegen das eigene Volk zum Sieg. Der Preis ist die dauernde Präsenz iranischer Militärberater in Syrien. Damit bietet sich Iran erstmals die Gelegenheit, den Erzfeind Israel an dessen Grenzen in die Zange zu nehmen. Das gelang Teheran bislang lediglich mit Hilfe der im Südlibanon dislozierten Hizbullah-Milizen und deren 70.000 Raketen. Im Jahr 2006 hat Israel in einem mehrwöchigen Krieg gegen Stellungen der Hizbullah im Südlibanon deutlich gemacht, dass es nicht bereit ist, einen Beschuss seiner Städte durch die schiitischen Kräfte zu tolerieren. Diese Abschreckung hat bislang gewirkt.

          Politische Unruhen : Mehrere Tote bei Protesten in Iran

          Iran nutzt nun seine Präsenz in Syrien, um auf dem Landweg Raketen mit großer Reichweite zur Hizbullah im Libanon zu schaffen. 2017 begann unter Anleitung iranischer Experten der Bau von Raketenfabriken auf syrischem Gebiet. Seither versuchen Offiziere der iranischen Revolutionsgarden und des Geheimdienstes, israelische Militäreinrichtungen auf den Golan-Höhen von Südsyrien aus zu beobachten. Israel reagierte – in Absprache mit Assads Schutzmacht Moskau – mit massiven Militärschlägen. Die Raketenstellungen, ihre Depots und Werkstätten wurden von der israelischen Luftwaffe zerstört.

          Sobald Assad und seine Verbündeten den Bürgerkrieg vollständig gewinnen, werden sie dank moderner russischer Luftabwehrraketen-Systeme vom Typ S-300 in der Lage sein, Israels Luftwaffe an einer systematischen Vernichtung der Hizbullah-Raketenstellungen in Syrien zu hindern. Das wäre die Voraussetzung für einen konzentrischen Raketenangriff gegen den jüdischen Staat. Israel verfügt zwar über die Luftabwehrsysteme Iron Dome und Patriot. Die können aber lediglich simultan einen Angriff mehrerer Dutzend Raketen abzufangen. Gelingt es der Hizbullah, den Syrern und iranischen Helfern, gleichzeitig mehrere hundert oder gar tausend Geschosse gegen Israel einzusetzen, bleiben dessen Abwehrwaffen weitgehend wirkungslos, wie israelische Militärs bestätigen. Das würde strategische Angriffe auf die Hafenstadt Haifa und das Bevölkerungs- und Wirtschaftszentrum Tel Aviv ermöglichen.

          Countdown – der politische Newsletter der F.A.Z.
          Countdown – der politische Newsletter der F.A.Z.

          Starten Sie den Morgen mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen des Tages. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

          Mehr erfahren

          Israels Regierung und Armee haben wiederholt deutlich gemacht, dass sie es so weit nicht kommen lassen werden. Israel würde in diesem Fall – wie wiederholt zuvor – einen Präventivkrieg beginnen. Einer Invasion Israels auf syrisches Gebiet würden Assads Verbündete in Moskau und Teheran aber nicht tatenlos zusehen. Greifen Russland und Iran ein, sind auch die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten gefordert. Dies gilt trotz Trumps Aversion gegen militärische Auslandseinsätze. Bei diesem Szenario würde die gesamte Region brennen.

          Moskau und Washington wollen verhindern, dass es so weit kommt. Iran liefert unbeeindruckt aber weiterhin seine Raketen an die Hizbullah. Syriens Staatschef Assad wird durch diese Konstellation neue Macht gewinnen. Dies ist im Sinne des Kremls, der jedoch keinen unkalkulierbaren großen Krieg wünscht. Teheran beabsichtigt möglicherweise einen Deal mit Washington. Die Lage bleibt bedrohlich. Auch für die Nato-Staaten wie Deutschland. Die nicht unumstrittene Aussage von Bundeskanzlerin Merkel in Jerusalem von 2008, Israels Sicherheit sei deutsche Staatsräson, gewinnt dabei erschreckende Aktualität.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Proteste bei Besuch von Mike Pence Video-Seite öffnen

          Jerusalem : Proteste bei Besuch von Mike Pence

          Bei seinem Besuch in Israel hat der amerikanische Vizepräsident Mike Pence erneut die international umstrittene Entscheidung von Präsident Donald Trump verteidigt, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen. Im israelischen Parlament protestieren arabische Abgeordnete gegen eine Rede von Pence in der Knesset, sie wurden aus dem Saal gebracht.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Weltwirtschaftsforum : Warum eigentlich gerade in Davos?

          Alljährlich treffen sich führende Politiker und Top-Manager in Davos: Doch, wie entstand das Weltwirtschaftsforum, wer darf teilnehmen – und was ist überhaupt der „Davos Man“? FAZ.NET beantwortet die grundlegenden Fragen zum Forum in den Schweizer Alpen.
          Die KZ-Gedenkstätte Auschwitz

          FAZ Plus Artikel: Deutsche Schüler in Auschwitz : War krass

          Warum wollen junge Deutsche Auschwitz sehen? Was wissen sie darüber? Wäre es nicht einfacher, wenn keiner eine Ahnung hätte, wie Deutsche fabrikmäßig Menschen töteten? Drei Tage in Oświęcim mit Schülern aus einer Kleinstadt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.