18.08.2008 · Anders als es der russische Generalstab in Moskau am Morgen mitgeteilt hatte, ist von einem Abzug der russischen Truppen aus Gori vorerst nichts zu erkennen - und hinein haben die russischen Soldaten niemanden gelassen. Die Panzer haben sich 30 Kilometer vor der georgischen Stadt eingegraben.
Von Christoph Ehrhardt, GoriAm Stadtrand von Gori wehren die russischen Soldaten entspannt den Ansturm der Medien ab. Bei dem, was in der Stadt und ihrer nördlichen Umgebung vor sich geht, wollen sich die Militärs offenbar nicht zusehen lassen. Nur einige Zivilisten, Hilfskonvois und Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen dürfen passieren. Deutlich hörbar ist, dass sich etwas tut. Immer wieder sind in der Ferne Detonationen zu vernehmen. „Wenn sie Einrichtungen sprengen, ist das womöglich ein Zeichen, dass sie gehen“, heißt es dazu lakonisch aus dem georgischen Innenministerium. Aber ob überhaupt – und wenn, was – gesprengt wird ist bis zum frühen Abend auch für die georgischen Behörden nicht auszumachen.
In der Stadt gibt es eine Kaserne und einen Truppenübungsplatz, der sich weit in die Umgebung erstreckt. Es kursieren unbestätigte Augenzeugenberichte, dass sich die Explosionen nicht in der Stadt selbst, sondern in der Umgebung ereignen. Militärs berichten, die russischen Soldaten hätten in den vergangenen Tagen ihre Artillerie an Militärfahrzeugen ausprobiert, die die georgischen Truppen bei ihrer Flucht zurückgelassen hatten.
Der russische Rückzug bleibt aus
So bleibt bis zum Montag abend aus dem strategisch wichtigen Gori eine unabhängige Bestätigung des angekündigten russischen Rückzugs aus. Am Nachmittag hatte der russische Generalstab in Moskau mitgeteilt, der Abzug habe begonnen. „Russische Truppen sind auf dem Weg zurück nach Südossetien“, sagte der stellvertretende Generalstabschef Anatolij Nogowizyn. Zivilisten, die am Nachmittag aus der Stadt kommen, berichten, es seien noch viele russische Soldaten in der Stadt.
Vor der Stadt haben die Truppenbewegungen im Vergleich zum Vortag zugenommen. Gepanzerte Truppentransporte, Schützenpanzer und Lastwagen rollen vorbei. Aus einem Lastwagen lugen Matratzen heraus, die sicher nicht zur Ausstattung der russischen Armee gehören. Aber die Wege der Panzerkolonnen bleiben zunächst im Verborgenen. Sicher ist zu diesem Zeitpunkt nur, dass Moskau sich in Gori viel Zeit lässt mit dem Rückzug, der am Sonntag von Präsident Medwedjew für Montagmittag angekündigt worden war.
Nur wenige Bewohner sind geblieben
Georgische Sicherheitskräfte hatten sich daher am Montagmorgen auf den Weg in Richtung Gori gemacht. Viel Wegstrecke liegt am Ende nicht zwischen ihnen und den russischen Besatzern – ein Kilometer ist es vielleicht. Noch immer stehen die ersten russischen Einheiten bei Igoeti, etwa 50 Kilometer von der georgischen Hauptstadt Tiflis entfernt, etwa dreißig Kilometer vor Gori. Einige Soldaten liegen entspannt in der Sonne, rauchen, hängen Wäsche auf. Die Panzer bleiben am Straßenrand eingegraben. Noch machen sie deutlich, dass Moskau hier das sagen hat. Noch immer entscheidet das russische Militär, wer nach Gori hinein darf und wer nicht.
Am Sonntag war der Weg in die Stadt frei. Sechs Kontrollpunkte waren zu passieren, bevor man ins Zentrum der Stadt gelangen konnte. Junge Soldaten, einige mit schweren Maschinengewehren bewaffnet, kontrollieren mit breitbeiniger Lässigkeit Ausweise und Kofferräume. Manch einer von ihnen hat schon am frühen Nachmittag glasige Augen und eine Alkoholfahne. „Kommt Ihr morgen wieder?“, fragt einer nach etwas Gefrotzel, um durch die Blume hochprozentigen Nachschub anzufragen. Er scheint sich im Geiste noch nicht auf einen baldigen Abzug eingestellt zu haben. Im Stadtzentrum plauderten seine Kameraden mit einigen Einwohnern. Wenige sind geblieben, vor allem Alte. Aber sie trauen sich wieder auf die Straße.
Nicht zerstört, aber verwüstet
Die Stadt wirkt gespenstisch. Der Großteil Goris ist zwar nicht zerstört worden, nur ein sehr kleiner Teil wurde regelrecht verwüstet. Sogar die Straßenbeleuchtung funktioniert. Ausgebrannte Plattenbauten am Stadtrand erinnern an die Bombeneinschläge, viele Fensterscheiben sind zerborsten. Die hohlen Rahmen starren auf leere Straßen. Die Angst scheint viele davor zurückzuhalten in die Stadt zurückzukehren. Schreckensmeldungen der vergangenen Tage über Plünderungen und Misshandlungen, die schweren Bombardements während der Kämpfe haben dazu beigetragen. Auch der Umstand, dass die Stadt mehrere Tagelang vor der Öffentlichkeit abgeriegelt worden war, und die Gerüchteküche so befeuert wurde.
Von den Fensterscheiben des Schachklubs von Gori ist – wie vielerorts – nur noch ein Scherbenhaufen übrig. Dort sitzt am Sonntagnachmittag Guram Mukniaschwili allein vor einem Schachspiel. Es ist ein tristes Stillleben. Ein Stück trockenes Brot liegt auf dem Tisch neben einer zerbeulten Konservendose, die als Aschenbecher dient. Guram Mukniaschwili hat allein dort ausgeharrt. „Tag und Nacht“, sagt er, schließlich sei er als Direktor in der Verantwortung.
Auch die Nebentische sind für Partien hergerichtet, aber außer dem 64 Jahre alten Mann ist niemand mehr dort gewesen in den vergangenen Tagen. Über Plünderungen äußert er sich – wie viele andere – nur zögerlich. Nein, die habe es nicht gegeben, sagt er zunächst, um sich dann wenig später zu korrigieren: Seinem Schachklub sei nichts geschehen. Er habe sogar von russischen Soldaten Konservendosen bekommen. Woanders in der Stadt sei vereinzelt geplündert worden. „Die regulären russischen Truppen haben sich recht anständig verhalten“, sagt eine ältere Frau.
Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung
Vor allem die Banken waren offenbar ein Objekt der Begierde. Die von einer Überwachungskamera aufgenommenen Bilder, die Bewaffnete in Uniform dabei zeigten, wie sie ein Geldinstitut ausräumten, gingen durch die Medien. Die Schaufenster der Banken sind allesamt zerstört, auch wenn Fensterscheiben in den Nebenhäusern unversehrt geblieben waren. Vor allem ossetische Marodeure waren es wohl, die sich den zeitweiligen Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung für ihre Verbrechen zu nutze machten. Womöglich auch Banden von Kriminellen.
Sie sind für Geschichten verantwortlich, wie sie Tijela Achiaschwili erzählt. Die alte Frau liegt im Krankenhaus von Gori. Sie war am Bein verletzt und konnte nicht aus ihrem nördlich der Stadt gelegenen Dorf fliehen. Ossetische Milizionäre hätten den Ort heimgesucht sagt sie. Ihr Nachbar sei von ihnen erschossen worden. Sie und ihr Mann hätten sich dann ihr Leben mit zehntausend Rubel und dem Familienschmuck erkaufen können. Geschlagen wurden sie, „mehr nicht“. Ihr Mann ist zu Fuß nach Tiflis geflohen, sie wurde von einer Nachbarin nach Gori gebracht. Wann sie wieder nach Hause kann, weiß sie nicht.