10.07.2007 · Das islamistische Terrornetz droht Teheran: Sollte Iran nicht seine Interventionen im Irak beenden, werde Al Qaida gegen Iran einen Krieg führen, lässt Terrorführer Bagdadi verlauten. Die sunnitischen Extremisten schüren die Angst vor einem schiitischen Irak.
Von Rainer HermannAl Qaida hat dem schiitischen Iran mit Krieg gedroht. Sollte Teheran in den kommenden zwei Monaten nicht seine direkten und indirekten Interventionen im Irak beenden, werde Al Qaida gegen Iran den Krieg beginnen, den das Terrornetz schon seit vier Jahren vorbereite, hieß es jetzt in einer Botschaft von Abu Omar al Bagdadi.
Das 50 Minuten dauernde Tonband war das erste Lebenszeichen des Al-Qaida-Führers, seit der amerikanische General Caldwell am 1. Mai den vermuteten Tod des Dschihadistenführers bekanntgegeben hatte. Bagdadi, dessen bürgerlicher Name Abdullatif al Dschubburi lautet, ist das Oberhaupt des sunnitischen „Islamischen Staats Irak“, der sich als Gegenregierung zum Kabinett des schiitischen Ministerpräsidenten Maliki versteht.
Bagdadi warnte zudem die arabischen Staaten vor Geschäften in Iran und die arabisch-sunnitischen Unternehmer vor Kontakten mit Schiiten. Er bezichtigte seine Organisation der Selbstmordanschläge in den kurdischen Städten Arbil am 9. Mai und Machmur am 13. Mai. Bagdadi beschuldigte die Kurdenführer der „Apostasie“, da sie den „Marsch des Islam“ behinderten und statt dessen den „Kommunismus und Säkularismus“ verbreiteten.
Iranischer Einfluss nimmt weiter zu
Damit nehmen die Dschihadisten die Strategie ihres getöteten Führers Zarqawi wieder auf, die Angst vor einer schiitischen Dominanz im Irak und vor dem steigenden Einfluss Irans als den gemeinsamen Nenner der Sunniten im Irak zu nutzen. Sie schüren die Furcht unter Sunniten, in einem schiitischen Staat Bürger zweiter Klasse zu werden.
In der Tat nimmt der iranische Einfluss weiter zu, sowohl in der Wirtschaft wie in der Politik. Iran wies in der vergangenen Woche abermals amerikanische Anschuldigungen zurück, dass innerhalb der Revolutionswächter (Pasdaran) die Eliteeinheiten der „Jerusalem“-(Ghods-)Brigaden schiitische Milizen aus dem Irak bei der Verwendung von Sprengstoffen, Minen und Mörsergranaten ausbildeten sowie in der Durchführung von Entführungen. Ferner versorgten die „Ghods-Brigaden“ ihre „Satelliten“ im Irak mit Waffen und Geldern und hätten amerikanische Soldaten im Südirak einen Bombenfachmann der libanesischen Hizbullah, Ali Moussa Dakduk, verhaftet, hatte der amerikanische General Bergner am 2. Juli gesagt.
Iran will „ehrbaren“ amerikanischen Rückzug
Am Sonntag unterzeichneten Vertreter beider Regierungen einen Vertrag, in dem sich Iran verpflichtet, im Stadtteil Sadr City, der Hochburg des radikalen Schiitenpredigers Muqtada Sadr in Bagdad, ein Kraftwerk mit einer Leistung von 315 Megawatt und Kosten von 150 Millionen Dollar zu bauen. Am 27. Juni hatte der iranische Staatspräsident Ahmadineschad dem irakischen Präsidenten Talabani versichert, Iran kenne in der gemeinsamen Kooperation „keine Grenzen“. Bei seinem Besuch im vergangenen November in Teheran hatte Talabani eine Reihe von Abkommen zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit unterzeichnet.
Mit Hilfe der irakischen Regierung will Iran nun die Freilassung der fünf Iraner erreichen, die die Amerikaner im Januar verhaftet hatten. Nach einer Fürsprache des Irak hatten am Samstag erstmals iranische Diplomaten die Verhafteten in einem Bagdader Gefängnis besucht. Unmittelbar zuvor hatte der stellvertretende Außenminister Araghchi seine Bereitschaft wiederholt, die Gespräche über die Zukunft des Iraks fortzusetzen. Iran sei dazu bereit, weil im Irak die Gefahr der Teilung, die Gefahr des absoluten Chaos und die eines fruchtbaren Bodens für Terroristen bestehe. Zuvor hatte er davon gesprochen, Teheran wolle zu einem „ehrbaren“ amerikanischen Rückzug aus dem Irak beitragen.
Auf die gemäßigten arabischen Sunniten zugehen
Vieles deutet darauf hin, dass Teheran mit der politischen Entwicklung im Irak nicht glücklich ist, da das Land entlang seiner langen Westgrenze von einem Frieden weit entfernt ist. Offenbar arbeitet Teheran daran, seinen wichtigsten Verbündeten im Irak, den „Obersten Rat für die islamische Revolution im Irak“ (Sciri), weniger als einen Vasall erscheinen zu lassen. So hat der Besuch des Chefs des iranischen Nationalen Sicherheitsrats, Laridschani, am 29. April an in Bagdad auch dazu gedient, die Umwandlung der Sciri in eine „irakische Partei“ zu beschleunigen.
Änderungen seiner Satzung kündigte Sciri am 11. Mai an. So soll künftig nicht mehr der iranische Revolutionsführer Chamenei spirituelles Oberhaupt von Sciri sein, sondern der in Nadschaf residierende Großajatollah Sistani. Ferner will Sciri das Wort „Revolution“ aus seinem Namen streichen.
Ohne die Billigung Teherans dürften diese Änderungen kaum möglich sein. Sie dienen letztlich dazu, einen weiteren Schritt auf die gemäßigten arabischen Sunniten zuzugehen. Mit Blick auf eine neue Formel bei der Machtverteilung hat sich als Erster der sunnitische Vizepräsident Haschimi positiv geäußert. Die arabischen Sunniten müssen sich nun entscheiden, ob sie den schiitischen Olivenzweig entgegennehmen oder ihr Heil im dschihadistischen Bombenterror suchen.
Moslems im Bürgerkrieg
José Rodriguez (KW2)
- 10.07.2007, 12:09 Uhr
Merkt der Westen endlich, was los ist?
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 10.07.2007, 14:49 Uhr
Bürgerkrieg im Irak
TOBIAS RÜGER (t.ruger)
- 10.07.2007, 17:38 Uhr
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
Jüngste Beiträge