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Krieg im Gazastreifen „Hunderttausende haben kein Trinkwasser“

06.01.2009 ·  Israels Militäroffensive fordert immer mehr Opfer, die Krankenhäuser sind völlig überlastet. Tsafrir Cohen von der Hilfsorganisation Medico International schildert gegenüber FAZ.NET die dramatische humanitäre Situation im Gazastreifen. Mit ihm sprach Markus Bickel.

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Tsafrir Cohen ist Vertreter der deutschen Hilfsorganisation Medico International in Israel und den palästinensischen Gebieten. Die vom Europäischen Amt für Humanitäre Hilfe (Echo) finanziell unterstützen Medico-Partnerorganisationen „Health Work Committees“ und „Palestinian Medical Relief Society“ (PMRS) sind im Gazastreifen aktiv. Mit Cohen sprach Markus Bickel.

Herr Cohen, wie dramatisch ist die gesundheitliche Situation im Gazastreifen am elften Tag der israelischen Militäroperation „Gegossenes Blei“?

Es wird immer schlimmer. Nicht nur, weil viele Medikamente fehlen, sondern auch, weil das Gesundheitspersonal mit den komplizierten Notoperationen überfordert ist. Besonders dramatisch ist die Situation der Zivilbevölkerung. Die Menschen können an keinen sicheren Ort fliehen, also harren sie verängstigt in ihren Wohnungen aus. Es gibt keinen Strom, kein Gas zum Kochen und Hunderttausende haben kein Trinkwasser. Für Brot müssen sie oft stundenlang anstehen - worauf viele aus Angst, beim Verlassen ihrer Häuser von Bomben getroffen zu werden, verzichten. Doktor Aed Yaghi von unserer Partnerorganisation Palestinian Medical Relief Society beschreibt es so: „Wir sitzen hier in einem Käfig und werden von allen Seiten bombardiert.“

Hat sich die Situation erst mit Beginn der israelischen Bodenoffensive am Samstag zugespitzt?

Nein. Das Problem ist, dass das Gesundheitssystem schon davor implodiert ist - durch die 18 Monate währende israelische Belagerung des Gazastreifens. Hinzu kommt, dass das palästinensische Gesundheitssystem für das Westjordanland und den Gazastreifen gemeinsam ausgelegt war - einige Spezialkliniken befinden sich deshalb in Jerusalem oder Bethlehem, sind aber durch die israelische Blockade für die Bewohner des Gazastreifens nicht mehr zugänglich gewesen. Historisch betrachtet ist die miserable Lage im Gazastreifen eine Folge des Kolonialsystems, das bis zu den Osloer Verträgen in diesem Sektor herrschte: Das Gesundheitssystem im Gazastreifen war bis Anfang der neunziger Jahre völlig abhängig von der israelischen Seite.

Wie sieht die Arbeit Ihrer Partnerorganisationen in diesen Tagen konkret aus?

Gemeinsam mit zahlreichen Freiwillige arbeiten sie rund um die Uhr in drei Schichten. Sie versorgen Verwundete, bringen sie in die Krankenhäuser - und betreuen die Angehörigen der vielen Toten und Verletzten. Zwei Teams versorgen Verwundete mit mobilen Kliniken dort, wo es keinen Zugang zu medizinischer Versorgung gibt.

Israelische Regierungsvertreter sagen, sie unterstützten die Versorgung Verwundeter im Gazastreifen. Was berichten Ihnen Ihre Partnerorganisationen?

Dass das Gegenteil der Fall ist: Die Israelis tun gar nicht. Oder, anders gesagt: Sie verhindern, dass Hilfe dort ankommt, wo sie ankommen müsste. Um Verwundete sicher vom Süden in den Norden des Gebiets zu bekommen, brauchen wir ja die Genehmigung der israelischen Armee. Aber die lässt manchmal mehr als 24 Stunden auf sich warten. Die Evakuierung ist mit großen bürokratischen Hürden verbunden, obwohl schnelle Nothilfe nötig wäre. Der ständige israelische Beschuss hat dazu geführt, dass in den vergangenen Tagen mindestens sechs Gesundheitsarbeiter ums Leben gekommen sind. Darunter ist auch ein Sanitäter unserer Partnerorganisation „Health Work Committees“. Seine Ambulanz wurde von einem Hubschrauber beschossen.

Wie sieht die Lage in den Krankenhäusern aus?

Die Krankenhäuser sind völlig überfordert. Im ganzen Gazastreifen gibt es ja nur 2500 Krankenbetten. Die Zahl der Verletzten überschreitet diese Zahl bei weitem. Viele leicht und mittel schwer Verletzte müssen wieder nachhause geschickt werden - ebenso wie chronisch Kranke, Herzpatienten oder Schwangere. Die mobilen Klinken müssen deshalb deren Versorgung mit übernehmen.

Wie ließe sich schnelle Hilfe am besten organisieren?

Es muss sofort ein Waffenstillstand ausgehandelt werden, um die israelische Offensive zu stoppen. Um dem Nachdruck zu verleihen, rufen wir die Europäische Union dazu auf, die Heraufstufung der Beziehungen mit Israel aufzuschieben, bis ein Waffenstillstand etabliert ist und die Blockade von Gaza komplett aufgehoben wurde - schließlich sind 99 Prozent der Toten Palästinenser. Israel, die Hamas und andere Beteiligte müssen sofort dafür sorgen, dass der Zugang für humanitäre Güter, für Waren und Personen geöffnet wird. Die Blockade von Gaza muss enden. Man muss sich die Situation so vorstellen wie in Westberlin zu Zeiten der Mauer: Wäre die Stadt damals von allen Seiten bombardiert worden, hätten die Bewohner keine Chance zur Flucht gehabt. So geht es auch den anderthalb Millionen Menschen im Gazastreifen: Weder Häuser, Schulen noch Moscheen sind sicher. Und wo nicht die israelische Armee die Fluchtwege versperrt, sind da das Meer oder Ägypten.

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