15.05.2009 · Erlebt Pakistan eine islamische Revolution, oder schlägt der Staat die Extremisten endlich zurück? Wie entschlossen Regierung und Armee wirklich sind, wird sich in den Stammesgebieten entscheiden, wo die Taliban ihre Bastion haben.
Von Jochen BuchsteinerErlebt Pakistan eine islamische Revolution, oder schlägt der Staat die Extremisten endlich zurück? Die Frage stellt sich schon deshalb, weil der, der dies am besten beantworten könnte, Staatspräsident Zardari, widersprüchliche Äußerungen macht.
Einerseits porträtiert er Pakistan „im Überlebenskampf“ (und verlangt Unterstützung), andererseits sieht er sein Land unter souveräner Kontrolle des Militärs (und verbittet sich Ratschläge oder konditionierte Hilfe).
Gefangen im Hass auf Amerika
Seit die Armee in das Swat-Tal und andere Teile Malakands einmarschiert ist, will sie an die 800 Taliban getötet haben. Selbst wenn die Zahl übertrieben ist - mehr als 700.000 Flüchtlinge aus der Region bezeugen den Ernst der Operation. Nicht nur die Soldaten schießen diesmal scharf, auch die Öffentlichkeit übt sich neuerdings in Unterstützung.
Ob die Militäroffensive im Nordwesten allerdings den Wendepunkt markiert, ist fraglich. Der Vormarsch der Taliban auf den Distrikt Buner, nur hundert Kilometer von der Hauptstadt entfernt, hat viele Pakistaner aufgeschreckt; sie haben erkannt, dass die Taliban von Spielfiguren zu Spielern geworden sind und einen anderen Staat wollen.
Aber in weiten Teilen wirkt das muslimische Land noch immer so tief in seinem Hass auf Amerika befangen, dass es die Bedrohung von innen in ihrer vollen Dimension nicht zu begreifen vermag. Dies gilt auch für gewisse staatliche Kreise, was das politische Geschäft mit Pakistan erschwert.
Maximales Misstrauen zwischen den Partnern
Als Admiral Mullen, Amerikas oberster Soldat, unlängst mit Außenminister Qureshi vor die pakistanische Presse trat, sprachen sie von einem „Graben“ und wünschten sich „mehr Vertrauen“. Wenn „Strategische Partner“ in der Öffentlichkeit derartige Worte wählen, darf man sie getrost mit „maximalem Misstrauen“ übersetzen.
Hinter den Kulissen werfen sich beide Staaten seit langem vor, eine Lösung des pakistanischen Extremismusproblems zu hintertreiben. Nicht nur in der Armee, in nahezu allen Kreisen der pakistanischen Gesellschaft wird die Wahnvorstellung verbreitet, die Vereinigten Staaten betrieben insgeheim die Destabilisierung des Landes. Sie wollten die muslimische Welt bekämpfen und mit einer Dauerpräsenz in der Region China und Russland eindämmen.
Bis in Militär- und Politikzirkel hinein wird der Verdacht geäußert, Washington habe die Terroranschläge vom 11. September 2001 selbst initiiert. Selbst der Taliban-Anführer Baitullah Mehsud, auf dessen Konto der Mord an Benazir Bhutto mutmaßlich geht, gilt vielen als „Mann Amerikas“.
Extremisten werden nicht verurteilt
Nicht auf Verschwörungstheorien, sondern auf Tatsachen basieren dagegen die Vorbehalte Washingtons. Der für Afghanistan und Pakistan (Afpak) zuständige Sonderbeauftragte Holbrooke musste früh erkennen, dass Islamabads „entschlossenes Vorgehen gegen die Feinde des Staates“ (Ministerpräsident Gilani) nicht in jeder Hinsicht zum Nennwert zu nehmen ist.
Seit Herbst 2001, als Pakistan die Seiten wechselte und offiziell dem internationalen Antiterrorbündnis beitrat, wurde im Land kein einziger Extremist verurteilt, wie der Publizist Ahmed Rashid schreibt. Islamisten, die zumindest unter Arrest stehen, werden aus unerfindlichen Gründen auf freien Fuß gesetzt - wie unlängst der Hassprediger Abdul Aziz, der mit seinem Bruder den mörderischen Extremisten-Aufstand der „Roten Moschee“ angeführt hatte.
Am Tag nach seiner Entlassung zeigte das Fernsehen, wie Aziz in derselben Moschee, bewacht von seiner Privatarmee, die Durchsetzung der Scharia verlangte.
Kostproben pakistanischer Entschlossenheit
Weil Pakistan Täuschung und Budenzauber lange Zeit zur Staatsräson erhoben hat, stimmt manche misstrauisch, dass die jüngste Offensive mit der Amerikareise Zardaris zusammenfiel. Man kennt das noch aus den Zeiten Musharrafs: Sobald politische Begegnungen mit Washington begannen, gab Zardaris Vorgänger Kostproben pakistanischer Entschlossenheit. Entweder wurde ein Mitglied der Al Qaida festgenommen (und wenig später wieder freigelassen), oder Soldaten rückten in die Stammesgebiete aus, um nach Ende der Gespräche wieder in die Kasernen zurückzukehren.
In Washington ist bekannt, dass es in der Armee und in der Politik Leute gibt, die den Dschihad heimlich gutheißen und nicht auf Pakistans „religiöse Ersatzarmee“ verzichten wollen, die in den neunziger Jahren wichtige Dienste im indischen Teil Kaschmirs leistete - und dies bis heute in Afghanistan tut. Wie entschlossen Regierung und Armee wirklich sind, wird sich daher in den Stammesgebieten entscheiden, wo die Taliban ihre Bastion haben. Bislang ist nicht erkennbar, dass dort eingegriffen werden soll.
Dass der einzige islamische Atomwaffenstaat einstweilen undurchschaubar und doppelbödig bleibt, zeigt sich nicht zuletzt in der Empörung über amerikanische Drohnen, die Woche für Woche Terroristenverstecke in den Stammesgebieten bombardieren. Alle, die sich an der öffentlichen Schelte beteiligen, wissen genau, dass die Vereinigten Staaten von niemand anderem als vom pakistanischen Militär mit den notwendigen Zielinformationen versorgt werden. Bis das Vertrauen in das Wort Islamabads wiederhergestellt ist, wird vermutlich noch Zeit vergehen.
Vertrauen in das Wort Islamabads?
Rolf Joachim Siegen (rolfS2)
- 14.05.2009, 19:48 Uhr
@ Siegen
Alex Popa (apopa)
- 15.05.2009, 01:44 Uhr
Die Information, das pakistanische Militär würde den amerikanischen Drohnen
Lukas Werth (lukaswerth)
- 15.05.2009, 09:35 Uhr
Angreifer Siegen
Hendrik Baumann (hendrik68)
- 15.05.2009, 10:04 Uhr
Leser Popa,
Rolf Joachim Siegen (rolfS2)
- 15.05.2009, 15:19 Uhr
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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