08.08.2011 · London sucht nach Ursachen für die Krawalle und findet nur Versäumnisse. Schon seit Jahren häufen sich bei Großeinsätzen die Pannen bei der größten Polizeibehörde des Vereinigten Königreichs.
Von Johannes Leithäuser, LondonDie Londoner Polizei zählt nach den Krawallnächten mehrere Dutzend verletzte Beamte, aber die Verwundung, die ein junger Mob dem stolzen „Scotland Yard“, der Londoner Polizei, insgesamt zugefügt hat, ist ernster. Denn die brutalen Brandstiftungen und Plünderungen, denen die Bereitschaftspolizisten der „Metropolitan Police“ im nördlichen Londoner Stadtteil Tottenham nur mit Mühe Herr wurden, bieten bloß das jüngste Beispiel für mangelhaft organisierte Londoner Polizeieinsätze.
Schon seit Jahren führt die größte Polizeibehörde des Vereinigten Königreiches, die immer noch das Image des „Bobbys“ - also des unbewaffneten Streifen-Wachtmeisters im steifen Helm - hegt und pflegt, ihre Urteils- und Entscheidungsschwäche durch Pannen bei Großeinsätzen vor. Diese traten in den jüngsten Straßenkrawallen besonders hervor, weil viele Briten die Orte der splitternden Scheiben und brennenden Autos noch im Gedächtnis haben: In den Londoner Stadtteilen Tottenham und Brixton brannten vor 26 Jahren schon einmal Autos und Ladenregale; auch damals flogen die Steine in Schaufenster und auf Polizisten.
Irrtümlich für islamistischen Terroristen gehalten
Einen ähnlichen Anlass zur Kritik an der Polizei und für interne Untersuchungen boten die Studentenproteste im vergangenen Herbst: Damals zertrümmerten junge Gewalttäter zunächst die Scheiben des Parteihauptquartiers der Konservativen und versetzten später den britischen Thronfolger Charles und seine Gattin Camilla in Angst, die mit ihrer altmodischen Rolls-Royce-Staatslimousine durch die Innenstadt zu einer Theateraufführung fuhren. Kritisiert wurde die Londoner Polizei vor einigen Wochen auch, als sie die angeblichen Ursachen dafür nannte, dass Indizien für Handy-Abhöraktionen durch Boulevardjournalisten in den Polizeiarchiven verschwanden statt Anlass für Ermittlungen zu sein.
Die Begründung des stellvertretenden Polizeipräsidenten hierfür lautete, seine Truppe habe sich auch um die Abwehr von Terroranschlägen zu kümmern gehabt und sei damit ausgelastet gewesen. Sowohl der Stellvertreter als auch Polizeipräsident Stephenson selbst traten von ihren Positionen zurück - im Falle des Polizeichefs war es der zweite Wechsel binnen zweieinhalb Jahren. Stephensons Vorgänger Ian Blair musste sein Amt abgeben, weil im Jahr 2005 unter seiner Verantwortung Einsatzpolizisten einen unschuldigen Brasilianer, den sie irrtümlich für einen islamistischen Terroristen hielten, verfolgt und schließlich in einem U-Bahn-Waggon erschossen hatten.
Auch die jüngsten Straßenkrawalle entwickelten sich aus einem Vorfall, bei dem Polizisten tödliche Schüsse abgaben. Am vergangenen Donnerstag stoppte die Polizei den farbigen Taxifahrer Mark Duggan, um ihn im Zuge eines Ermittlungsverfahrens festzunehmen. Während dieser Aktion wurde Duggan erschossen. Die Polizei teilte später zwar mit, Duggan sei selbst im Besitz einer Schusswaffe gewesen, doch blieb unklar, ob die Einsatzkräfte in Notwehr gegen ihn vorgingen. Am Montag berichteten britische Zeitungen, ein Polizist, der bei dem Zugriff getroffen wurde, sei durch das Geschoss einer Polizeipistole verwundet worden.
Die Familie des Erschossenen Mark Duggan rief am Samstagnachmittag zu einer Schweigekundgebung vor der Polizeiwache des Stadtteils Tottenham auf. Das war der Auftakt zu den wüstesten Krawallnächten seit einem Vierteljahrhundert. Die Vergleiche mit den Straßenunruhen der Thatcher-Zeit in Tottenham und Brixton hatten am Montag vor allem Oppositionspolitiker sofort zur Hand. Der frühere Londoner Bürgermeister Ken Livingstone, ein unermüdlicher Labour-Linker, der im nächsten Mai nochmals gegen seinen konservativen Nachfolger Boris Johnson kandidieren will, nannte den Sparkurs der konservativ-liberalen Westminster-Koalition als tiefere Ursache für die Straßengewalt.
Aktion „auf Twitter organisiert“
Doch der Abgeordnete des Wahlkreises Tottenham widersprach der Ansicht, die aktuellen Ausschreitungen folgten dem gleichen Mechanismus sozialer Verwahrlosung und Gruppen-Aggression, wie er damals zu beobachten war. Der farbige Labour-Abgeordnete David Lammy, der in der Nähe der verwahrlosten Tottenhamer Sozialsiedlung aufwuchs, die 1985 Schauplatz der Flammen und Gewalttaten wurde, bestritt, dass die Gewaltausbrüche vergleichbar seien: Damals sei es um rassistische Benachteiligungen gegangen, die schwarzen Jugendlichen hätten gegen die Polizei gekämpft. „Ich kannte viele der jungen Steinewerfer, die das Gefühl hatten, ihren Frust nur durch Gewalt loswerden zu können.“ Dieses Mal aber wohnten viele der Festgenommenen gar nicht in Tottenham; dies sei eine Aktion gewesen, „die auf Twitter organisiert wurde“.
Das weist auf Vorwürfe hin, die jetzt die Polizei treffen. Demnach hätten sich die Beamten einige Versäumnisse zu Schulden kommen lassen: Erstens hätten sie nach der tödlichen Festnahme-Aktion die feindselige Stimmung in den örtlichen Jugend-Banden nicht richtig eingeschätzt. Zweitens hätten sie es verpasst, die Verabredungen zu einer gewaltsamen Straßenkrawalle rechtzeitig aufzudecken. Dieser zweite Vorwurf traf die Londoner Einsatzpolizei auch schon anlässlich der Studentenkrawalle im vergangenen Herbst; damals wechselten gewaltbereite Jugendliche mit Hilfe von Internet- und Mobilfunk-Kontakten rasch ihre Standorte, ohne dass die Polizei davon immer rechtzeitig Kenntnis hatte.
Die Vorwürfe von Labour-Politikern, die Straßengewalt sei ein Ausdruck der sozialen Kälte, werden von den Repräsentanten der Regierung gegenwärtig nur spärlich erwidert. Premierminister Cameron, sein Stellvertreter Clegg, der Londoner Bürgermeister Johnson befinden sich im Sommerurlaub. Innenministerin May brach am Montag ihren Urlaub ab und lobte nach ihrer Rückkehr zuerst die Polizei - allerdings nicht die Einsatzführung, sondern die eingesetzten Polizisten, die ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt hätten, um das Hab und Gut der Londoner zu schützen. Der stellvertretende Londoner Bürgermeister Kit Malthouse, in dessen Ressort auch die Öffentliche Sicherheit fällt, war hingegen vor allem um das Image der Hauptstadt in der Welt besorgt. Ein Jahr vor den Olympischen Spielen sähen brennende Autos und Häuser „einfach nicht gut aus“. Es müsse jetzt daran gearbeitet werden, London als „eine der sichersten und tollsten Städte“ der Erde zu präsentieren. Malthouse fügte hinzu: „Wir haben ja eine sehr niedrige Mordrate und auch solche Gewaltausbrüche sind sehr selten“.
Herr Hammer
Dennis Stratmann (d_stra07)
- 10.08.2011, 18:26 Uhr
@Max Meyer (Tommasch)
Carlos Anton (carlosanton)
- 10.08.2011, 10:29 Uhr
@ Herr Anton
Max Meyer (Tommasch)
- 09.08.2011, 20:58 Uhr
@Dennis Stratmann (d_stra07)
Karl Hammer (cromagnon)
- 09.08.2011, 19:38 Uhr
Herr Lotarius
Dennis Stratmann (d_stra07)
- 09.08.2011, 19:07 Uhr