23.07.2010 · Die Schaffung eines zweiten albanischen Staates hat in kaum zu überschätzendem Maße zur Stabilität des gesamten Balkans beigetragen. Für Belgrad sollte die Niederlage vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag Anlass sein, seine destruktive Kosovo-Politik zu überdenken.
Von Michael MartensEs ist eine gute Nachricht, dass die Konflikte des Balkans jetzt vor Gericht und nicht mehr auf den Schlachtfeldern ausgetragen werden. Rechtsgutachten sind inzwischen die gefährlichsten Waffen, nicht Granaten. Für Serbien endete der Ausflug vor den Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag allerdings mit einer Niederlage - auch wenn serbische Politiker in den kommenden Tagen das Gegenteil behaupten werden.
Belgrad verfolgt mit seiner Kosovo-Politik das Ziel, die Staatswerdung seiner ehemaligen Provinz auszuhöhlen, wo es nur kann. Von der Anrufung des IGH erhoffte sich Serbien unter anderem, dass der Prozess der Anerkennungen des Kosovos zum Stillstand gebracht werden könne. Es war aber schon vor der Veröffentlichung des Haager Gutachtens zur kosovarischen Unabhängigkeit deutlich geworden, dass diese Rechnung nicht aufgehen würde. Als es Serbien auf der UN-Vollversammlung im Oktober 2008 gelang, eine Mehrheit zur Anrufung des IGH zu organisieren, hatten 48 Staaten das Kosovo anerkannt.
Zur Stabilität des gesamten Balkans beigetragen
Inzwischen sind es 69, und nach der Entscheidung vom Donnerstag dürften es bald erheblich mehr sein. Auch Belgrads Spiel mit der Angst vor regionaler Instabilität erwies sich als Fehlschlag. Bis zum Überdruss behaupteten serbische Politiker, die Unabhängigkeit des Kosovos werde den Balkan zurück in den Abgrund von Krieg und Gewalt stürzen. Doch das Gegenteil ist eingetreten: Die zweieinhalb Jahre seit der Proklamation von Prishtina waren die ruhigsten und stabilsten, die der Region in den vergangenen beiden Dekaden vergönnt gewesen sind. Die Schaffung eines zweiten albanischen Staates hat in kaum zu überschätzendem Maße zur Stabilität des gesamten Balkans beigetragen.
Für Belgrad sollte die Niederlage von Den Haag Anlass sein, eine destruktive Kosovo-Politik zu überdenken. Niemand verlangt, dass Serbien zu den Ländern gehören müsse, die das Kosovo anerkennen. Aber es ist an der Zeit, einen pragmatischeren Kurs zu verfolgen. Der frühere Verhandlungsführer der EU für die Statusfrage des Kosovos, Wolfgang Ischinger, hat schon Ende 2007 den deutsch-deutschen Grundlagenvertrag von 1972 als Idee ins Spiel gebracht, die Belgrad und Prishtina helfen könne, Unüberbrückbares zu verbinden, ohne eigene Positionen aufzugeben. Damals fand dieser Vorschlag kein Gehör. Vielleicht ist es jetzt soweit.
Doch ein Sieg für Serbien!
Gernot Radtke (Autonomus)
- 22.07.2010, 23:46 Uhr
@Gernot Radtke
Heinz Mayer (Bundespraesident)
- 23.07.2010, 10:00 Uhr
Rechtsgutachten - nicht Granaten?
Josef Bujtor (Mramorak)
- 23.07.2010, 15:13 Uhr
Bomben stärker
Frank Garbe (Frank_Garbe)
- 23.07.2010, 16:11 Uhr
@Herr Garbe, man muß nur viele Menschen töten
Josef Bujtor (Mramorak)
- 24.07.2010, 14:30 Uhr
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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