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Kosovo Die UCK und der Organhandel

In einem Bericht legt der Europaratsabgeordnete Marty dar, dass 1999 in der kosovarisch-albanischen Grenzregion zahlreiche Verbrechen vor allem an Serben verübt worden seien. Neben der UCK werden auch der albanische Geheimdienst und die Regierung belastet. Tirana reagiert empört.

© REUTERS Schwere Anschuldigungen: Hashim Thaçi, früherer Kommandant der UCK und aktueller kosovarischer Ministerpräsident, soll am Organhandel beteiligt gewesen sein

Fast hatte es schon den Anschein, als wäre endlich Tauwetter eingetreten in den frostigen Beziehungen zwischen Albanien und Serbien. Im März hatte der damalige albanische Außenminister Ilir Meta zum ersten Mal nach der kosovarischen Unabhängigkeitserklärung Belgrad besucht und mehrere Verträge unterschrieben, darunter sogar einen über die Zusammenarbeit zwischen den Polizeibehörden. Im November stellte die EU-Kommission in ihrem Fortschrittsbericht fest, dass sich die Beziehungen zwischen Tirana und Belgrad trotz der Kontroverse über den Status des Kosovos normalisiert hätten. Davon kann nun nicht mehr die Rede sein.

Karl-Peter Schwarz Folgen:

Am 12. Dezember hatte der Schweizer Europaratsabgeordnete Dick Marty seinen Bericht über den mutmaßlichen Handel der UCK mit Organen vorgelegt, die mehreren hundert serbischen Gefangenen entnommen worden seien. Marty war entsprechenden Hinweisen nachgegangen, die die ehemalige Chefanklägerin des Haager Kriegsverbrechertribunals der Vereinten Nationen, Carla Del Ponte, in ihrem 2008 erschienenen Memoiren gegeben hatte. Der frühere Staatsanwalt und Mafia-Jäger wirft der internationalen Staatengemeinschaft vor, bei der Verfolgung von Kriegsverbrechen einseitig vorgegangen zu sein und die kosovarischen vernachlässigt zu haben. Dabei seien 1999 in der kosovarisch-albanischen Grenzregion, als die UCK auf beiden Seiten die effektive militärische Kontrolle ausübte, zahlreiche Verbrechen an Serben begangen worden. Das Schicksal von 470 Personen - mehrheitlich Serben, aber auch "kosovo-albanische Verräter" - sei bisher nicht geklärt.

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Regierung verweigert Zusammenarbeit

Der Bericht wurde vom Komitee für rechtliche Angelegenheiten und Menschenrechte des Europarates angenommen und soll am 25. Januar in der Parlamentarischen Versammlung debattiert werden. Er belastet nicht nur die UCK und ihren früheren Kommandanten und gegenwärtigen Ministerpräsidenten Hashim Thaçi, der als Chef der kriminellen "Drenica-Gruppe" unter anderem in den Organschmuggel verwickelt gewesen sein soll. Er belastet auch den albanischen Geheimdienst, der mit der UCK zusammengearbeitet habe, sowie die albanische Regierung, die geheime UCK-Lager auf ihrem Territorium geduldet habe, in denen auch Organentnahmen erfolgt seien, und die sich einer "ernsthaften und unabhängigen Untersuchung" sowie der "rückhaltlosen Zusammenarbeit" mit der EU-Polizei- und Justizmission (Eulex) im Kosovo und mit den serbischen Behörden verweigere.

© reuters Video: Kosovo - Thaci erklärt sich zum Wahlsieger

Da Marty annimmt, dass die mutmaßlichen Verbrechen der UCK auf albanischem Territorium begangen wurden, wo er auch Massengräber serbischer Opfer vermutet, hält er die Kooperation der albanischen Regierung für unerlässlich. Nach seinen Angaben habe es mindestens sechs UCK-Lager in Albanien gegeben, in denen serbische Gefangene festgehalten wurden.

„Leichen-Nieren“-Methode

Carla Del Ponte vermutete, dass die Organentnahme im sogenannten "gelben Haus" in der Ortschaft Rripe nahe der zentralalbanischen Stadt Burrel vorgenommen worden seien. Burrel aber eignet sich kaum für solche Zwecke. Es liegt in einer schwer zugänglichen Gebirgsregion, die Fahrt bis zum nächsten Flughafen dauert mehrere Stunden. Marty nimmt an, dass in diesem Haus Serben festgehalten wurden, einige von ihnen seien dort ermordet worden, Frauen und Mädchen sexuell ausgebeutet worden. Auch Bluttests an den künftigen Opfern habe man dort gemacht. Die Organentnahmen seien jedoch post mortem in einer improvisierten Klinik in Fushe-Kruja erfolgt, einer Stadt, die etwa 30 Kilometer nördlich von Tirana in einer Ebene liegt.

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