07.05.2004 · Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat der Nato und der UN im Kosovo vorgeworfen, die Prostitution zu fördern oder ihr zumindest tatenlos zuzusehen.
Von Michael MartensIm Kosovo gehört es in die Kategorie der offenen Geheimnisse und ist doch eines jener Themen, die auffällig beschwiegen werden: Auch "Internationale" - Soldaten der internationalen Schutztruppe Kfor, ausländische Polizisten und Mitarbeiter der die Provinz verwaltenden UN-Mission (Unmik) - gehören zu den Kunden von Bordellen in dem internationalen Protektorat.
Laut einem in dieser Woche veröffentlichten Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International tragen die Ausländer eine Mitschuld daran, daß im Kosovo Frauen gezwungen werden, sich zu verkaufen. Gemeint sind nicht nur UN-Polizisten aus Drittweltstaaten, die für wenige Monate im Kosovo sind und dort die einzige Gelegenheit ihres Lebens nutzen wollen, mit einer weißen Frau zu schlafen - und denen es gleichgültig ist, ob diese Dienste freiwillig angeboten werden oder nicht.
Auch Bundeswehrsoldaten
Schon Ende 1999, wenige Monate nachdem das Kosovo unter internationale Kontrolle kam, berichtete ein in der Studie zitierter UN-Entwicklungsfonds für Frauen von "bedeutender organisierter Prostitution" an Orten in der Nähe von großen Lagern der Kfor: Allein 18 Rotlichtetablissements soll es damals schon in der Gegend von Gnjilane gegeben haben, wo das Hauptlager der Amerikaner liegt. Einschlägige Häuser wurden auch in Prizren registriert, in denen laut Amnesty International auch Bundeswehrsoldaten verkehrten.
In der Umgebung der Lager der italienisch und französisch geführten Einheiten sah es demnach nicht anders aus. Amnesty International hat nach eigenen Angaben seit Beginn des Jahres 2000 viele jener Frauen interviewt, die sich ihren Peinigern durch Flucht entziehen konnten. Gespräche wurden auch geführt mit Mitarbeiten der örtlichen Polizei, mit ausländischen Beamten, Angehörigen der kosovarischen Ministerien und des Justizwesens in der formal weiterhin zu Serbien gehörenden Provinz sowie mit Hilfsorganisationen, die in den Herkunftsländern der Opfer arbeiten.
Verschleppte Frauen
Der Bericht stellt fest, daß das Kosovo seit dem Ende des Luftkrieges der Nato und dem Einmarsch von zunächst mehr als 45.000 Soldaten der Kfor in die Provinz im Sommer 1999 ein Hauptzielgebiet des Menschenschmuggels geworden ist. Ein kleiner, lokaler Markt für Prostitution sei, sozusagen über Nacht, zu einer Industrie geworden, die von organisierten kriminellen Netzwerken bedient werde. Die meisten der Frauen kommen laut den Daten von Menschenrechtsorganisationen aus der Republik Moldau, der Ukraine, Rumänien und Bulgarien. Ihre "Reiseroute" führt offenbar meistens über Serbien in das Kosovo.
Auch innerhalb der Provinz sollen jedoch zum Teil minderjährige albanische Frauen verschleppt und verkauft werden. Nachdem sich die Zahl der registrierten einschlägigen Etablissements im Jahr 1999 noch auf 18 belaufen hatte, standen zu Beginn des Jahres 2001 schon mehr als 70 Lokale auf einer "Off-limits"-Liste der UN-Mission - und waren somit Sperrzone für Angehörige der Unmik. Zu Beginn dieses Jahres standen mehr als 200 Bars, Restaurants und Cafés auf der Liste. Dennoch halten internationale Nichtregierungsorganisationen fest, daß Ausländer durch ihre Nachfrage zwar zu der jetzigen Lage beigetragen haben, die albanische Bevölkerungsmehrheit jedoch die Mehrzahl der Kunden stellt. Laut Angaben der Unmik wurden bei vielen hundert Razzien im Milieu kaum je Angehörige der eigenen Mission aufgegriffen.
Versprechungen der Schlepper
Der Anteil ausländischer "Nutzer" hat laut dem Bericht von Amnesty International sogar stetig abgenommen - allerdings wohl nicht, weil sich die Skrupel vergrößert, sondern weil sich die Missionen verkleinert haben. Die Kfor umfaßt derzeit weniger als die Hälfte ihrer anfänglichen Truppenstärke. Die Leidenswege der Opfer ähneln sich: Die meisten werden nicht, wie bisweilen dargestellt, entführt. Einige Frauen wissen, worauf sie sich einlassen, viele jedoch geben an, in Bukarest, Odessa oder Tiraspol den Versprechungen der Schlepper geglaubt zu haben, auf sie warte im Westen eine Aufgabe als Babysitterin oder Kellnerin.
Sind die jungen Frauen aus Verzweiflung erst auf solche Angebote eingegangen, wartet auf viele großes Leid. Unwillige werden bedroht, geschlagen oder vergewaltigt, doch oft reicht offenbar schon psychischer Druck, um sie gefügig zu machen: Eine Frau gab an, ihr Zuhälter im Kosovo habe damit gedroht, ihr drei Jahres altes Kind in ihrem Heimatland umbringen zu lassen, sollte sie sich nicht in ihr Schicksal ergeben. Einige Frauen berichteten auch, nur eines der Opfer sei, im Beisein der anderen und als warnendes Beispiel, geschlagen worden.
Organisierte Kriminalität
Die Lebensläufe der Opfer ähneln sich schon in ihren Heimatländern. Eine schlechte Schulbildung und mangelnde Aussicht auf Arbeit gehören zu den Eckpunkten einer typischen Opferbiographie. Noch während der Reise an ihren Bestimmungsort werden den Frauen in der Regel ihre Pässe abgenommen, viele werden mißhandelt und eingesperrt. Die "Schmuggelindustrie" ist laut dem Amnesty-Bericht auch durch die zentrale Lage der Provinz als Durchgangsstation begünstigt worden - zwischen den Heimatländern der Opfer und denen der Freier etwa in Deutschland oder Italien.
Deutlich wird an dem Bericht auch, daß eine Forderung der EU an die Staaten der Region - die regionale Kooperation als Vorbedingung zu einem späteren Beitritt - von der organisierten Kriminalität längst erfüllt wird. Verbrecher in Serbien, Mazedonien, Albanien und dem Kosovo arbeiten längst vorbildlich in multiethnischer Gemeinschaft zusammen. Die Unmik hat sich in einer Pressemitteilung gegen einige in dem Bericht aufgestellte Behauptungen zur Wehr gesetzt. Untätig war die Mission tatsächlich nicht.
Seit November 2000 gibt es bei der UN-Polizei eine eigene Einheit, die sich mit der Verfolgung von Menschenschmuggel und Prostitution befaßt. Sie hat die Aufgabe, Beweise zu sammeln, damit gegen die Hintermänner des Geschäfts vorgegangen werden kann. Das Personal von Unmik und Kfor genießt jedoch, aus anderen Gründen, Immunität vor Strafverfolgung, die im Falle der Unmik nur vom UN-Generalsekretär aufgehoben werden kann.
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
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