03.10.2007 · Zum ersten Mal kommt ein südkoreanischer Präsident auf dem Landweg in den Norden. Roh Moo-hyuns Reise beginnt mit einem symbolträchtigen Schritt über die Demarkationslinie. Empfangen wird er aber mit mürrischer Miene. Von Petra Kolonko.
Von Petra Kolonko, SeoulNordkoreas Machthaber empfängt den südkoreanischen Präsidenten breitbeinig und mit mürrischer Miene. Ist Kim Jong-il unpässlich oder schlecht gelaunt? Findet der „liebe Führer“ den Besuch Roh Moo-hyuns lästig oder ist er bloß der unendlichen Jubelbekundungen seines eigenen Volkes überdrüssig? Der Auftakt des historischen innerkoreanischen Gipfels ist jedenfalls nicht gerade vielversprechend.
Im Hintergrund am Straßenrand jubeln pflichtschuldig zu Hunderttausenden die Bewohner von Pjöngjang. Die Männer tragen Anzug, die Frauen koreanische Tracht. Alle schwenken unermüdlich rosarote Papierblumen auf und ab. Wohleinstudierte Sprechchöre erklingen. Einige Frauen in der ersten Reihe haben Tränen in den Augen. Sie hüpfen aufgeregt, als wollten sie mit ganzem Körpereinsatz ihre Begeisterung kundtun. Die unbändige Freude scheint eher dem verehrten Führer Kim Jong-il zu gelten als dem Besucher aus dem kapitalistischen Süden. Eine kurze Handbewegung des Führers reicht, um die Begeisterung abzustellen.
Symbolträchtiger Schritt
Die Reise des südkoreanischen Präsidenten Roh Moo-hyun nach Norden beginnt am Dienstag mit einem symbolträchtigen Schritt über die Demarkationslinie, die seit mehr als fünf Jahrzehnten Nord- und Südkorea trennt. In der Mitte des befestigten und wohlbewachten Grenzstreifens, der an die einstige innerdeutsche Grenze erinnert, überschreiten der Präsident Südkoreas und seine Frau ein gelbe Linie in das kommunistische Nordkorea. Von dort setzen sie die Reise in die nordkoreanische Hauptstadt Pjöngjang im Auto fort. „Diese Grenzlinie wird allmählich verblassen“, prophezeit Südkoreas Präsident an der Grenze. „Der Wall zwischen dem Norden und dem Süden Koreas wird eines Tages verschwinden.“
Noch aber trennt die Demarkationslinie zwei Welten. Wenn die triste Landschaft und die leeren Straßen für die Wagenkolonne der Südkoreaner noch nicht genug Anzeichen dafür sind, dass man sich im abgewirtschafteten Reich des Kim Jong-il befand, so sind es die Spruchbänder am Weg - „Es lebe die Solidarität zwischen dem Führer und dem Volk“ oder „Es lebe die Juche-Ideologie“.
Dreieinhalb Stunden dauert die Fahrt von Seoul nach Pjöngjang. Es ist das erste Mal, dass ein südkoreanischer Präsident auf dem Landweg in den Norden kommt - und erst das zweite Mal, dass die Führer des demokratischen und des kommunistischen Korea zusammentreffen. Der erste Korea-Gipfel im Jahr 2000 war der krönende Abschluss der „Sonnenschein-Politik“ des damaligen Präsidenten Kim Dae-jung, der für seine Entspannungspolitik mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Damals wurde vereinbart, dass ein nächstes Treffen in Südkorea stattfinden sollte. Doch der nordkoreanische Führer zeigte keine Neigung, der Einladung in den von den von seiner Propaganda verteufelten kapitalistischen Süden Folge zu leisten.
Zerriebene Hoffnungen
Es ist nicht die einzige Abmachung des ersten Gipfels, die noch auf Verwirklichung wartet. Die großen Hoffnungen, die sich vor sieben Jahren in Südkorea auf die „Sonnenschein-Politik“ setzten, sind verpufft oder haben sich an den Realitäten der Politik des nordkoreanischen Regimes zerrieben. Da war die erhoffte Zusammenführung von mehr als hunderttausend geteilten Familien. Erst 10.000 von ihnen durften sich kurz wieder treffen oder über Video miteinander sprechen.
Da ist auch die heikle Frage der Rückführung von Kriegsgefangenen und Südkoreanern, die in den Norden entführt wurden, die nicht weiterkommt. Dann überschattete der Streit über Nordkoreas Atomprogramm die Entspannungspolitik des Südens. Der Fokus der Korea-Politik verschob sich auf die „Sechs-Länder-Gespräche“ in Peking, an denen auch Südkorea teilnahm. Nordkoreas Atomtest im vergangenen Jahr verpasste allen Einbindungsversuchen des Südens einen Dämpfer. Die Denuklearisierung des Nordens wurde zur Vorbedingung neuer Absprachen mit dem kommunistischen Nordkorea.
Bei den Sechser-Gesprächen wurde immerhin eine Einigung erzielt; ein Aktionsplan liegt nun vor. Er muss jetzt verwirklicht werden. Doch schon allzu oft haben plötzliche Kapriolen des Nordens Fortschritte vereitelt. Daher kritisiert die südkoreanische Opposition, Präsident Rohs Reise komme zu früh. Erst sollte Kim Jong-il alle Zusagen erfüllen. Auch Washington äußerte sich erst in den vergangenen Tagen positiv über die innerkoreanischen Gespräche - als klar war, dass es eine Einigung über die Atomfrage gab.
Dank mit ironischem Unterton
Tatsächlich zeigen der eher kühle Empfang und die nüchterne Atmosphäre, die sich erst im Lauf der Gespräche am Mittwoch ein wenig auflockerte, dass Kim Jong-il derzeit wenig Hoffnungen auf Südkorea und auf die Vereinigten Staaten setzt. Pjöngjang machte bei den Sechser-Gesprächen erst Zugeständnisse, nachdem die Vereinigten Staaten ihre Weigerung aufgegeben hatten, direkt mit dem Regime in Pjöngjang zu reden. Mittlerweile hat der amerikanische Nordkorea-Beauftragte Hill sogar Nordkorea besucht. Und beim Apec-Gipfel hat der amerikanische Präsident Bush Nordkorea, das er vor wenigen Jahren noch zur „Achse des Bösen“ gezählt hatte, sogar einen Friedensvertrag in Aussicht gestellt.
Nordkorea ist vor allem an besseren Beziehungen zu den Vereinigten Staaten interessiert. Trotzdem hätte der Machthaber Kim Jong-il gut daran getan, dies nicht so deutlich zu zeigen und seinen Empfang für den südkoreanischen Gast etwas herzlicher zu gestalten. In Südkorea wurde die kühle Aufnahme von Präsident Roh am Mittwoch sehr wohl registriert und ausführlich kommentiert. Die Kritiker des Gipfels fühlten sich bestärkt: Der Gipfel gebe Vorleistungen an Pjöngjang, die dort nicht gewürdigt würden.
Der südkoreanische Präsident ist nicht mit leeren Händen nach Nordkorea gekommen. Zwar fallen die persönlichen Geschenke für den Machthaber im Norden, die wichtiger Teil des Besuchsrituals in Pjöngjang sind, bescheiden aus. Es sei zu berücksichtigen, heißt es in Seoul, dass nach den noch bestehenden Sanktionen gegen den Norden die Einfuhr von Luxusgütern verboten sei. So bringen die Südkoreaner nur verschiedene Tees, 150 Filme auf DVD aus Südkorea für den Filmliebhaber Kim Jong-il und einen Paravent. Kim Jong-il bedankt sich - nicht ohne ironischen Unterton - für die „wertvollen Geschenke“.
„Frieden, Wohlstand, Versöhnung“
Großzügig dagegen sind die in Aussicht gestellten Energiehilfen und Investitionen. Dem südkoreanischen Präsidenten schwebt eine Wirtschaftsunion mit dem Norden vor. Unter dem Motto „Frieden, Wohlstand, Versöhnung“ will er eine zweite Sonder-Wirtschaftszone für südkoreanische Investitionen in Nordkorea, und er möchte, dass südkoreanische Unternehmen in Infrastrukturprojekte investieren. Wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen dem Norden und dem Süden sei der Weg nach vorn, sagt Präsident Roh in Pjöngjang, nur so könne Korea sich in der Zukunft zwischen Japan und China behaupten.
Mit dem Präsidenten reist denn auch eine Delegation von Unternehmern, darunter die Leiter von Südkoreas größten Industrieunternehmen wie Hyundai, Samsung und LG. Sie ruft der Präsident bei einem Essen in Pjöngjang dazu auf, sich in Nordkorea zu engagieren.
In Südkorea wird nicht gefeiert
In Südkorea wird im Dezember der Präsident gewählt. Kandidaten von Präsident Rohs Partei liegen nach den Umfragen weit hinter der Opposition zurück. Auch in Pjöngjang verfolgt man die südkoreanische Innenpolitik, und man weiß dort, dass der Präsident einen Erfolg in Nordkorea gut brauchen könnte. Pjöngjang habe dem Treffen nur zugestimmt, weil man fürchte, dass sich unter einer konservativen Regierung Südkorea nicht mehr so großzügig gegenüber dem Norden zeigen würde.
In Südkorea, wo die Reise des Präsidenten im Fernsehen verfolgt werden konnte, waren die Reaktionen verhalten. Anders als beim ersten Gipfel im Jahr 2000 gab es keine Feiern auf den Straßen in Südkorea; die Stellungnahmen fielen eher skeptisch aus.
Vielleicht um doch noch einen besseren Eindruck bei den Landsleuten im Süden zu machen, ringt sich Kim Jong-il vor den Kameras am Mittwoch doch noch das ein oder andere Lächeln ab. Und er bittet seinen Gast sogar, doch einen Tag länger zu bleiben. Als Präsident Roh darauf erwidert, dass er dazu erst seine Berater konsultieren müsse, zeigt sich der unumschränkte Herrscher über Nordkorea amüsiert: „Können Sie diese Entscheidung nicht allein treffen?“