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Koranverbrennung Karzais Spiel mit dem Feuer

05.04.2011 ·  Die tödlichen Angriffe auf die UN in Afghanistan sollen von arabischen und tschetschenischen Rebellen ausgeübt worden sein, behauptet Präsident Karzai. Die Folgen der Koranverbrennung in Amerika passen ihm ins Kalkül.

Von Jochen Buchsteiner, Jakarta
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„Steht auf gegen die Feinde des Koran!“, donnerte es am Freitag vom Podium der Blauen Moschee in Mazar-i-Sharif. „Steht auf gegen sie mit Eurem Stift, mit euren Stimmen, mit Euren Waffen!“ Kurz danach setzten sich die Gläubigen in Bewegung, formten sich zum Mob und fanden - nachdem das amerikanische Generalkonsulat als zu gut beschützt empfunden wurde - die Vertretung der Vereinten Nationen als Angriffsziel. Am Ende der Raserei blieben mindestens elf Tote zurück, darunter vier nepalische UN-Wachleute, ein norwegischer Militärattaché, ein junger Schwede, der für Menschenrechte zuständig war und die aus Rumänien stammende Leiterin der politischen Abteilung.

Was in den Stunden der Gewalt geschah, rekonstruierte das „Wall Street Journal“, das am Wochenende in den Besitz von Videomaterial gelangt war und Beteiligte in der Stadt interviewt hatte. Danach wurde die Demonstration vor den Zäunen der UN-Vertretung längere Zeit nicht ernst genommen. Erst als amerikanische Fahnen brannten und erste Steine flogen, wurde dem Personal die Lage bewusst. Die Diplomaten versteckten sich in vermeintlich sicheren Räumen und verständigten die Isaf, deren Soldaten aber erst eintrafen, als sich der Mob schon wieder verzogen hatte. Mazar ist der Hauptstützpunkt der Bundeswehr; für die Sicherheit sorgen überwiegend schwedische Soldaten.

Die afghanische Polizei hatte nur sechzig Beamte abgestellt, um die angemeldete, schließlich an die 3000 Menschen zählende Demonstration zu beaufsichtigen. Als der Mob mit Macht auf das UN-Gelände drängte, nahm das afghanische Wachpersonal offenbar die Beine in die Hand. Auch der „Zweite Verteidigungsring“, der aus nepalischen UN-Sicherheitskräften bestand, war rasch überlaufen; vier von ihnen wurden dabei getötet. Unter Diplomaten wird es als „Fehler“ bezeichnet, dass sich die UN-Vertretung nicht von amerikanischen Soldaten hatte schützen lassen wollen.

Korankenntnisse retteten Leben

Die Eindringlinge brachen einen der Schutzräume auf und fanden dort vier westliche UN-Bedienstete. Einer von ihnen, ein russischer Diplomat, überlebte nur dank seiner Sprach- und Korankenntnisse. Nach Aussagen der UN wurde er gefragt: „Sind Sie Muslim?“, was der mit einer Lüge bejahte. Daraufhin wurde er aufgefordert, das islamische Glaubensbekenntnis zu beten, was ihm gelang. Er kam mit Schlägen davon. Die anderen drei mussten sterben. Nicht entdeckt wurden die UN-Mitarbeiter, die sich in einem anderen Raum versteckt gehalten hatten. Dazu zählte auch eine Deutsche, wie diplomatische Kreise dieser Zeitung bestätigten.

Der Chef der UN-Mission, Staffan de Mistura, sagte nach dem Sturm auf das Gelände, eine Gruppe von sieben bis 15 Aufständischen habe die Menschenmenge infiltriert. Auch von afghanischer Seite wurde betont, dass - vermutlich arabische oder tschetschenische - Scharfmacher die Menschen aufgeputscht hätten. Manche fragen sich gleichwohl, ob diese Sichtweise korrekt ist und die Verantwortung für die maßlose Reaktion auf die Koranverbrennung eines Pfarrers aus Florida allein bei einigen radikalen Mullahs und Rädelsführern zu suchen ist.

Als der amerikanische Prediger Jones im vergangenen Herbst mit der Verbrennung des Koran gedroht hatte, waren wütende Proteste in vielen islamischen Ländern die Folge gewesen. Er ließ damals davon ab. Als nun am 20. März bekannt wurde, dass der Gottesmann seine Drohung verspätet wahrgemacht hatte, wurde aus gegebenen Gründen kaum darüber berichtet. Zwar protestierten einige Diplomaten islamischer Länder, aber zu breiter Aufmerksamkeit verhalfen der Aktion erst die Verurteilungen durch die Staatspräsidenten Pakistans und Afghanistans, Zardari und Karzai.

Gefühl der Unverwundbarkeit bei Karzai

Dass Karzai die Tat des amerikanischen Predigers offenbar zu instrumentalisieren versucht, zeigte sich auch am Wochenende. Obwohl Präsident Obama seinen Landsmann aus Florida scharf kritisiert und ihm „einen Akt extremer Intoleranz und Bigotterie“ vorgehalten hatte, verlangte Karzai am Sonntag medienwirksam auch noch eine Entschuldigung des amerikanischen Kongresses. Beobachter verfolgen schon seit langem mit Unbehagen, dass Karzai mit religiösen Stimmungen Politik macht und auch bei islamistischen Gruppen Punkte zu sammeln versucht. Er folgt darin der Regierung in Pakistan, die ebenfalls vom Westen als Verbündeter betrachtet wird, aber keine Anstrengungen unternimmt, sich von den religiösen Hardlinern abzugrenzen - offenbar in der Hoffnung, so die Machtbasis zu erweitern.

Den „Bruch“ Karzais mit seiner pro-westlichen Haltung datieren Afghanistan-Kenner auf die Zeit vor der Präsidentenwahl 2009. Karzai weiß, dass er politisch nur überlebte, weil Washington keinen hoffnungsvollen Herausforderer aufbauen konnte. Dass er schließlich nach der Wahl trotz massiver Fälschung die Zustimmung des Westens erhielt, muss ihm das Gefühl einer Unverwundbarkeit gegeben haben. Seither stellt er sich immer wieder offen gegen seine Partner, ohne die er sich vermutlich keinen Monat länger im Amt halten könnte.

Im vergangenen Monat, nach einem Zwischenfall mit getöteten Zivilisten, ging Karzai so weit, den Abzug der Nato zu fordern. Das Land sei mit seiner Toleranz am Ende, sagte er vor Stammesführern in Kandahar. Fast wortgleich klang eine Mitteilung, die er wenig später vom Palast herausgeben ließ. Nicht eben verbessert hat sich auch das Verhältnis zu den Vereinten Nationen, die seine Wahlmanipulationen harsch kritisiert hatten. Wohlmeinende Diplomaten erklären Karzais Linie mit der „home consumption“: Mit antiwestlichen Ressentiments versuche der Präsident, bei seinen Landsleuten Sympathien einzuwerben und seine Legitimität als Führer eines souveränen Landes zu stärken. Dies sei „sein gutes Recht“, sagen sie und werten es als positives Zeichen, dass er - gemeinsam mit dem örtlichen Gouverneur - auf die Ausschreitungen in Mazar-i-Sharif rasch und wirkungsvoll reagiert habe. Am Montag war von Dutzenden Festnahmen und ersten Geständnissen die Rede. Karzai sei es jetzt wichtig zu beweisen, dass Mazar-i-Sharif, wie angekündigt, im Sommer in den Sicherheitsverantwortungsbereich Afghanistan übergehen kann, heißt es. Die ausgebrannten Geländewagen im UN-Lager stehen nun als Mahnung dafür, dass Karzais politische Rhetorik einem Spiel mit dem Feuer gleicht.

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.

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