03.11.2008 · Die Angst vor den Kämpfern des früheren Generals Nkunda ist den Flüchtlingen anzusehen. Doch sie kehren heim, weil sie auf der Flucht nicht überleben können und ihre Lager abgebrannt sind. Den Rebellen ist es recht: Ohne Flüchtlinge keine lästige internationale Präsenz.
Von Thomas Scheen, RugariZehntausende Menschen quälen sich in endlosen Kolonnen durch den Regen bergauf. Die Frauen tragen Bündel mit ihren wenigen Habseligkeiten auf dem Kopf, die Männer treiben Kühe und Ziegen vor sich her, selbst die Kinder schleppen Kochtöpfe und leere Wasserkanister. Es hat etwas Apokalyptisches, wie sich diese abgemagerten Menschen durch die Virunga-Berge schleppen, vorbei an den Spuren der Kämpfe, die sich die kongolesische Armee und die Rebellen des desertierten Generals Laurent Nkunda vor nicht einmal einer Woche hier geliefert haben. Doch die Menschen auf der Straße nach Rutshuru fliehen nicht mehr vor Kugeln und Granaten. Sie kehren in ihre Dörfer zurück, die jetzt von Nkunda-Kämpfern kontrolliert werden. Der Hunger treibt sie.
Es müssen fürchterliche Kämpfe gewesen sein. Überall am Rand der Straße von Goma nach Rutshuru liegen Hülsen großkalibriger Waffen, von Maschinengewehren bis hin zu Panzergeschossen. Uniformen, die sich die Regierungssoldaten bei ihrem Rückzug hastig vom Leib gerissen haben, flattern in den Sträuchern. Ein Sendemast des Mobilfunkbetreibers Vodacom ist nach einem Volltreffer eingestürzt. Am Eingang zu dem für seine Berggorillas berühmten Virunga-Nationalparks verwest der Leichnam eines Regierungssoldaten im Morast. Die Flüchtlinge ziehen vorbei. Niemand hebt den Kopf.
Zurück in die Ungewissheit
Einer von ihnen ist Jabel Kimase. Einen Monat hatte er an der Stadtgrenze von Goma campiert, zuerst auf einem offenen Feld, dann unter einer Plastikplane. Hilfe hatte er dort keine erhalten, weil die meisten Hilfsorganisationen sich nicht mehr aus Goma heraustrauen. Die wenigen, die sich noch bis an die Front bei Kania-Rutshina acht Kilometer außerhalb der Stadt wagten, konnten angesichts der schieren Masse der Menschen nicht viel ausrichten. 250.000 Leute waren es zum Schluss, als die Rebellen Ende vergangener Woche einen einseitigen Waffenstillstand verkündeten, nachdem die kongolesische Armee geflohen war. Seither hat sich das Leben in Goma zwar weitgehend normalisiert. Um das menschliche Strandgut am Stadtrand aber kümmert sich kaum einer.
Die schweren Regenfälle am Wochenende hätten ihm den Rest gegeben, sagt Jabel. Er will jetzt heim nach Rugari, das von den Rebellen kontrolliert wird. Was ihn und seine zwölfköpfige Familie dort erwartet, weiß er nicht. Den drei kleinen Kindern läuft unentwegt die Nase, so erkältet sind sie. Die jüngere seiner beiden Frauen stillt den Säugling. Sie hat längst keine Milch mehr, doch das Kind ist zum Schreien viel zu schwach. Jabel hofft, dass seine Hütte in Rugari noch steht. „Damit wir endlich aus diesem Regen herauskommen“, sagt er.
Rohstoffvorkommen in Nkundas Gebiet
50.000 Flüchtlinge hatten die Kämpfe nach Goma gespült. 250 .00 weitere hat die Monuc, die Mission der Vereinten Nationen, an der Stadtgrenze gestoppt, weil sie niemand in Goma haben will. Denn die Flüchtlinge sind ausnahmslos Hutus, vertrieben von dem Tutsi Nkunda. Eine solche Konzentration von Hutus in einer Stadt, in der zahlreiche kongolesische Tutsi leben, hätte in einer Katastrophe enden können. Nicht umsonst hatte der britische Premierminister Gordon Brown am Wochenende von der Gefahr eines Genozids wie 1994 in Ruanda gesprochen – zumal der kongolesische Präsident Joseph Kabila offenbar mit einem Volksaufstand gedroht hat, sollte die internationale Gemeinschaft ihm nicht endlich Nkunda vom Hals schaffen. Die habe ihn schließlich im vergangenen Jahr daran gehindert, Nkunda militärisch zu besiegen. Ob das nun zutrifft oder nicht: Angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich europäische und amerikanische Minister nach Kinshasa und Kigali aufmachten, scheint die Drohung Kabilas gewirkt zu haben.
Viel wird über den Grund für den Ausbruch der Kämpfe Ende August spekuliert. Nkunda, ein kongolesischer Tutsi, sagt, es sei die Präsenz der für den Völkermord 1994 in Ruanda verantwortlichen Hutu-Milizen insbesondere im Virunga-Park, die ihn dazu veranlasse, wieder zu den Waffen zu greifen. Zwar sind die Milizen der „Front Démocratique pour la Libération du Rwanda“ (FDLR) ein Machtfaktor in Ostkongo. Doch vermutlich geht es Nkunda um etwas ganz anderes: Die kongolesische Regierung hatte unlängst einen milliardenschweren Vertrag mit China geschlossen, der den Chinesen Rohstoffe im Austausch für die Reparatur der zerstörten kongolesischen Infrastruktur sichert. Unter den zugesicherten Rohstoffquellen sollen sich auch Gold-, Koltan- und Kasseritbergwerke im Osten des Landes befinden – dort, wo Nkunda sich selbst bedient, seine ruandischen Hintermänner mitverdienen lässt und vermutlich im Wort steht bei Investoren, die nicht viel von staatlicher Kontrolle über Rohstoffe halten.
Verängstigte Flüchtlinge
Siebzehn Kilometer vor Rugari hat Sebuki Buka eine Pause eingelegt. Sechs Stunden hat er für die 15 Kilometer von Goma hierher gebraucht. Seine beiden Frauen und die insgesamt 16 Kinder hat der 40 Jahre alte Bauer am Rand von Goma zurückgelassen. Sie seien zu schwach für den Marsch, sagt er. Er will ebenfalls zurück nach Rugari. Er habe genug von dem Hunger in Kania-Rutshina, sagt er. „Ich kann nicht mehr.“ Ob er als Hutu keine Angst vor den Tutsi von Laurent Nkunda habe? Ein Mann in Gummistiefeln tritt hinzu. Er lächelt Sabuki an, doch der zuckt zusammen, als habe ihm jemand ins Gesicht geschlagen. Sabuki fixiert die Gummistiefel des Mannes. Nein, stottert er, vor den Tutsi habe er keine Angst, „wir sind doch alle Kongolesen“. Dann will er gar nichts mehr sagen.
Die Soldaten der Rebellenarmee am Wegesrand tragen die gleichen Gummistiefel, mit denen die ruandische Armee einst quer durch Kongo marschierte, um den Diktator Mobutu zu stürzen. Die Offiziere sehen aus, als ob sie nicht nach Kongo gehören. Groß sind sie und schlank, ganz im Gegensatz zu den kleinen und stämmigen Hutu. Typische Tutsi eben. Fragen beantworten sie nicht – mit dem Hinweis, sie verstünden nur Kinyrwanda. Auch Suaheli wollen sie nicht sprechen. Sie bewachen mit Planen abgedeckte Schnellfeuerkanonen, die die kongolesische Armee bei ihrer Flucht zurückgelassen hatte. Sie hausen in den provisorischen Hütten des Feindes und essen seine Feldrationen. Sie haben gewonnen und geben sich gönnerhaft.
Abgebrannte Lager
Doch das Flüchtlingslager von Kibumba, wo vorige Woche die heftigsten Kämpfe getobt hatten, ist niedergebrannt. Genauso das Lager in Rutshuru, rund 50 Kilometer weiter nördlich. Die Rebellen des „Congrès National pour la Défense du Peuple“ (CNDP), wie sich der Nkunda-Verein großspurig nennt, hatten beide Lager zerstört, um, wie er sagt, die Menschen dazu zu bringen, zurück in ihre Dörfer zu gehen. Keine Flüchtlingslager bedeutet keine Hilfsorganisationen, keine Hilfsorganisationen bedeutet keine lästige Präsenz der Vereinten Nationen.
In Rugari ist gerade Gottesdienst. Die Kirche, aus grobem Holz gebaut, ist brechend voll. Xavier trägt seine beste Kleidung: ein altes Hemd, eine ebenso alte, viel zu große Hose und eine Polyester-Krawatte. Er erinnert sich sofort an den Besucher, der ihn genau vor einem Jahr vor genau dieser Kirche schon einmal befragt hatte. Damals war die Straße nach Rutshuru unter Kontrolle der regulären kongolesischen Armee gewesen, die Hügel ringsum aber in den Händen der Nkunda-Kämpfer, die jeden vertrieben, der nicht Tutsi war.
Damals hat Xavier kein gutes Haar an den Nkunda-Leuten gelassen. Jetzt sagt er, die reguläre Armee sei eine echte Belastung gewesen, „kein Vergleich zu den zuvorkommenden Rebellen“. Er sagt tatsächlich „zuvorkommend“. Dass er seit einem Jahr Wurzeln essen muss, weil er sein Feld nicht mehr bestellen kann, nachdem die Nkundisten dort alles verwüstet haben, hat er zwar nicht vergessen, wie sein schiefes Lächeln verrät. „Die Umstände sind halt, wie sie sind“, sagt er mit Angst in den Augen. Dann verabschiedet er sich hastig. Der Mann in den Gummistiefeln, der ihm über die Schulter geschaut hatte, ist zufrieden.
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
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