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Kongo Leben auf den Killing Fields

27.07.2006 ·  Der Osten Kongos gleicht einem Pulverfaß. Nach Völkermord und jahrelangem Gemetzel versuchen dort die Ethnien ein neues Miteinander. Wenn am Wochenende Präsident und Parlament gewählt werden, nehmen viele Kongolesen auch per Stimmzettel Rache gegen „Ruander“.

Von Thomas Scheen, Uvira
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Die Killing Fields von Uvira sind leicht zu erkennen. Sie sind allesamt kahl - ein paar Kakteen, ein bißchen Buschwerk, aber kaum Gras. „Zuviel Blut im Boden“, sagt Moses Hamimu und zuckt mit den Achseln, „und vermutlich zu viele böse Geister“.

Es gibt viele kahle Stellen rund um Uvira, auf denen während des großen kongolesischen Krieges Menschen gleich zu Hunderten abgeschlachtet wurden. „Es war unglaublich“, erinnert sich der Fischer Hamimu, „die Ruander haben jeden getötet, der ihnen nicht paßte“. Nahezu jeden Abend mußten er und seine Familie die Stadt verlassen, um in den Bergen zu übernachten - „aus Angst vor den Ruandern“, wie er sagt. Doch die Ruander, die er meint, waren nicht alleine die Invasionstruppen aus dem Nachbarland, die 1998 zum zweiten Mal in Folge über Kongo herfielen. Die Ruander, die Hamimu meint, waren seine Nachbarn - jene „Brüder und Schwestern“, die vor langer Zeit aus Ruanda nach Süd-Kivu umgesiedelt waren, längst als Kongolesen galten, sich aber trotzdem während des Krieges auf die Seite der Aggressoren schlugen und begannen, ihre alten Freunde zu massakrieren: die Banyamulenge-Tutsi.

Einst Speerspitze seiner Rebellenarmee

Kongo wählt am kommenden Wochenende einen neuen Präsidenten und ein neues Parlament. Wer diese Wahl gewinnen wird, ist offen. Die großen Verlierer hingegen werden die Banyamulenge sein. Bislang war die bestenfalls 30.000 Menschen zählende Ethnie aus Süd-Kivu in einer komfortablen Lage, da sie mit dem ehemaligen Rebellenführer Azarias Ruberwa einen der vier Vizepräsidenten der Übergangsregierung stellt. Nach den Wahlen aber dürfen sich die Banyamulenge vermutlich glücklich schätzen, wenn auch nur einer der Ihren den Sprung ins Parlament schafft. Zu sagen, die Banyamulenge und ihre Politiker seien in Kongo beliebt, wäre jedenfalls eine grandiose Übertreibung.

Beide Kriege, die Kongo verwüsteten, kamen aus dem Osten, und jedesmal waren die Banyamulenge in der einen oder anderen Form daran beteiligt. Als Laurent-Desire Kabila sich 1996 mit ruandischer Unterstützung anschickte, den Diktator Mobutu zu Fall zu bringen, bildeten Banyamulenge-Kämpfer die Speerspitze seiner Rebellenarmee. Die Banyamulenge, im 19. Jahrhundert aus Ruanda nach Kongo emigrierten Tutsi, hatten gute Gründe, dem alten Diktator zu grollen. Nachdem er sie seit den sechziger Jahren als politischen Spaltkeil im notorisch unruhigen Osten benutzt hatte, wurde ihre kongolesische Staatsbürgerschaft seit Beginn der achtziger Jahre systematisch in Zweifel gezogen. 1995 verabschiedete die kongolesische Regierung ein Gesetz, das die Banyamulenge zu Ausländern machte. Gleichzeitig forderte man die Zugewanderten auf, das Land zu verlassen.

„Wir sind Geächtete“

Kabila hatte die Banyamulenge nicht lange bitten müssen, sich seiner Rebellion anzuschließen. Als er dann den ruandischen Einfluß auf seine Regierung einzudämmen versuchte und die Ruander hinauskomplimentierte, reagierten diese mit der Gründung der Rebellengruppe „Rassemblement congolais pour la democratie“ (RCD), die sich alsbald in Uvira breitmachte und dabei wiederum auf die tatkräftige Mithilfe der Banyamulenge bauen konnte. „Die haben uns sogar das Fischen verboten“, erinnert sich Hamimu, „wir hatten Hunger, und die spielten die dicken Bosse.“

Was heißt es eigentlich, ein Banyamulenge zu sein? Enok Ruhigira lupft kurz die Baseballkappe mit dem „Washington DC“-Schriftzug und streicht sich den grauen Schnauzbart glatt. „Es heißt vor allem, ständig zwischen allen Stühlen zu sitzen“, sagt er. Der als moderat geltende Ruhigira kandidiert als Unabhängiger für das neue Parlament. Er versucht, die Wunden zu heilen, die der Krieg geschlagen hat, doch große Hoffnungen macht er sich nicht. „Wir sind von Ruanda instrumentalisiert worden, und das Ergebnis ist, daß wir Geächtete sind“, sagt er. Er hat versucht, für den Wahlkampf Allianzen mit anderen Parteien zu schmieden. Vergeblich. Niemand will etwas mit den Banyamulenge zu tun haben.

Dabei ist Ruhigira selbst ein Opfer. Schon 1997 hatte er sich von den Rebellen des RCD losgesagt, weil ihm der Einfluß Ruandas zu kategorisch wurde. Damals mußte Ruhigira vor seinen eigenen Leuten fliehen, die ihm für den „Verrat“ nach dem Leben trachteten. Heute fordert er, daß sich die Banyamulenge eindeutig und unwiderruflich zu ihrer kongolesischen Identität bekennen und endlich aufhören, sich ständig als potentielle Opfer künftiger Massaker zu stilisieren. Doch genau damit machen die Hardliner innerhalb der mittlerweile heillos zerstrittenen Banyamulenge-Gemeinschaft längst Wahlkampf. „Wenn keiner von uns den Sprung ins Parlament schafft, machen unsere Hardliner sofort Ärger“, glaubt Ruhigira.

Uvira gleicht einem Pulverfaß

Den Falken unter den Banyamulenge gilt der kommende Machtverlust als Startsignal für die endgültige Vernichtung ihrer Ethnie, und entsprechend kriegerisch gibt sich diese Fraktion. Ihr prominentester Vertreter ist „General“ Laurent Nkunda, ein notorischer Kriegsverbrecher, der sich mit einer auf 1000 bis 2000 Mann starken Truppe irgendwo in Nord-Kivu aufhält und nach Erkenntnis der Vereinten Nationen gerade mit frischen Waffen aus Ruanda versorgt wurde. Er gilt als größte Gefahr für die kommenden Wahlen. Doch Nkunda ist nur einer unter vielen. In Uvira hat es massenhafte Desertierungen von Banyamulenges aus der kongolesischen Armee gegeben, die sich mit Waffen und allem Drum und Dran in die Berge absetzten. Wie explosiv die Lage in Süd-Kivu am Vorabend der Wahlen ist, zeigen alleine zwei Zahlen: 3000 Blauhelmsoldaten aus Pakistan stehen zwischen Bukavu im Norden und Fizi im Süden bereit, um bewaffnete Auseinandersetzungen im Keim zu ersticken. Dazu kommen rund 12.000 Soldaten der kongolesischen Armee. Doch die sind eher Teil des Problems als der Lösung.

Ohnehin gleicht Uvira einem Pulverfaß. Nirgendwo sonst im unruhigen Osten Kongos konzentrieren sich so viele Milizen auf so wenig Raum, und nirgends sonst hat jede dieser Gruppen tausend Gründe, der anderen ans Leder zu wollen. In und um Uvira tummeln sich neben dem bewaffneten Zweig der Banyamulenge deren einstige Gegner, die von der Kabila-Regierung unterstützten Maji-Maji. Die Maji-Maji begegneten dem Schreckensregime der Banyamulenge über Jahre hinweg mit einer Politik des „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Die Toten dieser erbitterten Auseinandersetzung sind noch nicht gezählt worden. Daneben haben große Teile der „Front democratique pour la liberation du Rwanda“ (FDLR), der als „Interahamwe“ zu trauriger Berühmtheit gelangten ehemaligen Völkermörder aus Ruanda, ihre Rückzugsgebiete rund um Uvira.

„Gute“ und „Böse“

Dann sind da noch die burundischen Rebellen der „Forces Nationales de Liberation“, die in regelmäßigen Abständen von Kongo aus in Burundi einfallen, dort Dörfer plündern und die Beute anschließend mit Hilfe der kongolesischen Armee an die FDLR verkaufen. In Uvira, diesem Biotop für Völkermörder, Kriegsgewinnler und sonstige Strolche, hält sich das Gleichgewicht des Schreckens tatsächlich die Waage. Doch niemand vermag zu sagen, wie lange dieser Zustand noch andauern wird.

„Infiltration“ scheint das Lieblingswort von Oberstleutnant Motepeke zu sein, dem Kommandeur der 109. Infanteriebrigade der kongolesischen Armee in Uvira. Motepeke, der als ehemaliger Zivilbeamter auf wundersame Weise an seinen militärischen Grad kam, sieht sich jedenfalls ständig von neuen Wellen kriegslüsterner Tutsi aus Ruanda bedroht. Für Motepeke sind die Banyamulenge folglich ein rotes Tuch. Das allerdings beruht auf Gegenseitigkeit, denn Motepeke gefällt sich in der Rolle des harten Hundes. Seine Sicht der Dinge ist schlicht: Da gibt es „Gute“, womit er die „echten“ Kongolesen meint, und Böse. Banyamulenge sind grundsätzlich böse. „Die Banyamulenge machen immer Schwierigkeiten“, sagt er, „ich glaube denen kein Wort.“ Daß Motepekes Rambo-Methoden ein Spiel mit dem Feuer sind, scheint ihn wenig zu stören.

„Der Verrückte aus Uvira“

Bei der Mission der Vereinten Nationen in Kongo, Monuc, heißt der Offizier mit den Krokodillederschuhen und der gebleichten Haut nur „der Verrückte aus Uvira“, weil er noch jeden Versuch, in Süd-Kivu ein Klima des Vertrauens zu schaffen, mit geradezu kindlicher Freude zu torpedieren wußte. Motepeke provoziert, wo er nur kann: Mal läßt er Banyamulenge-Studenten aus Burundi als „Infiltrierte“ verhaften, obwohl diese nur ihre Familien besuchen wollten. Dann wieder veranstaltet er Razzien, bei denen wie zufällig immer nur Banyamulenge verhaftet werden. „Wenn die Banymulenge wieder einen Krieg beginnen, werden ihre Zivilisten einen hohen Preis zahlen“, droht er unverhohlen. Will heißen: Die brauchen nur zu zucken, dann massakrieren wir sie - schöne Aussichten für die Zeit nach den Wahlen, wenn das Kabila-Lager und damit Figuren wie Motepeke vermutlich die Oberhand in Süd-Kivu haben werden.

Noch jedenfalls ist Motepeke trotz der markigen Sprüche nicht Herr im eigenen Haus. Über das hinter Uvira gelegene Hochplateau hat er jedenfalls keine Kontrolle. Schuld daran habe natürlich Monuc, die ihn daran hindere aufzuräumen, sagt er, weil die „internationale Gemeinschaft“ Angst vor einer neuerlichen Reaktion Ruandas habe. Gleichzeitig aber bestreitet er die Anwesenheit von FDLR-Milizen in Uvira, was schon deshalb Unfug ist, weil die Umgebung der Stadt regelrecht dreigeteilt ist: am Seeufer die kongolesische Armee und die Maji-Maji, auf der ersten Hügelkette dahinter die FDLR und oben auf den Gipfeln die Banyamulenge. Doch würde Motepeke die Präsenz der FDLR zugeben, müßte er sich die Frage gefallen lassen, warum er nicht gegen die Hutu aus Ruanda vorgeht, statt die Banyamulenge aus Kongo zu schikanieren. Vielleicht liegt die Antwort darauf weiter südlich in Fizi - dort, wo nach Erkenntnissen der Vereinten Nationen die lokalen Führer der FDLR längst Teil des kongolesischen Offizierskorps sein sollen.

„Wie vergißt man die vielen Leichenberge?“

Ohnehin ist Motepekes abgerissene Brigade nicht gerade das, was man eine schlagkräftige Truppe nennt. Sein Stellvertreter, ein Banyamulenge, ist längst übergelaufen, womit sich der Oberstleutnant gleich zwei Gegnern gegenübersieht: den Banyamulenge und den Hutu-Extremisten. Zu den Besonderheiten von Uvira gehört es nämlich, daß die FDLR immer dann den Banyamulenge zu Hilfe kommen, wenn denen wieder einmal die Maji-Maji auf die Pelle rücken - Hutu und Tutsi vereint gegen Kongolesen. „Wir haben keinerlei Probleme mit den Hutu“, bestätigt der Parlamentskandidat Ruhigira, was einiges aussagt über das Verhältnis der Banyamulenge zu den legitimen Obrigkeiten des Landes und zu der künftigen Kohabitation in Süd-Kivu.

Die Kongolesen wiederum haben von den „alten“ wie den „neuen“ Ruandern in ihren Bergen die Nase inzwischen gestrichen voll. Denn die Opfer dieser Raserei waren immer nur sie. Am Wochenende werden sie per Stimmzettel endlich Rache nehmen können. Es wird ihnen ein Vergnügen sein. „Man hat uns gesagt, wir sollen die Vergangenheit vergessen“, sagt der Fischer Moses Hamimu. „Aber wie vergißt man die vielen Leichenberge?“

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