19.05.2006 · Nach allem, was sie in der Kongo-Debatte über Kindersoldaten, Straßenschlachten und Ebola zu hören bekamen, werden die Bundeswehrtruppen vermutlich überrascht sein, wenn sie Ende Juli in Kinshasa eintreffen. In Kongos Hauptstadt ist der Krieg fern.
Von Thomas ScheenNach allem, was sie in der deutschen Kongo-Debatte über Kindersoldaten, Straßenschlachten, Malariamücken und Ebola zu hören bekamen, werden die Soldaten der Bundeswehr vermutlich überrascht sein, wenn sie Ende Juli in Kinshasa eintreffen.
Viele werden staunen über die gut sortierten Restaurants in der Stadt von acht Millionen Einwohnern, über das pulsierende Nachtleben im Viertel Matonge, das süffige Bier der Marke „Primus“, über das alte flämische Kopfsteinpflaster in Gombe und die Polizisten, die mit gelben Hemden und weißen Handschuhen den Verkehr zu regeln versuchen. Und manche werden den ebenso attraktiven wie lebenslustigen Kongolesinnen hinterherblicken.
Der Krieg ist in Kinshasa fern
Die Stadt am Kongo-Strom ist zwar nicht mehr „Kin, la belle“ (Kin, die Schöne), wie die Stadt noch in den siebziger Jahren hieß. Trotzdem ist sie nicht einmal halb so gefährlich wie etwa die nigerianische Wirtschaftsmetropole Lagos. Was anderswo seit Jahren nicht mehr möglich ist - nämlich abends zu Fuß durch die Straßen zu schlendern - ist in Kinshasa zwar nicht üblich, aber auch nicht lebensgefährlich. Dabei ist die Bevölkerung von Kinshasa mit Sicherheit ärmer als die von Lagos.
Als die Vereinten Nationen Europa um die Entsendung einer Schutztruppe für die Hauptstadt baten, galt ihr Augenmerk weniger Kinshasa als der Situation im Osten des Landes. Dort begannen die beiden Kriege, die Kongo verwüsteten, und dort sorgen diverse Milizen nach wie vor für Unsicherheit. Die 17.000 Blauhelmsoldaten werden dort, im Osten, dringend gebraucht und erhalten zusätzlich Unterstützung von rund 2000 UN-Soldaten, die aus dem benachbarten Burundi nach Ostkongo wechseln werden. In Ostkongo gibt es, im Gegensatz zu Kinshasa, auch Kindersoldaten. Aber diese Region ist von der Hauptstadt ungefähr so weit entfernt wie Warschau von Lissabon.
„Für den riskiert keiner mehr irgendwas“
Das schlimmste, wenngleich eher unwahrscheinliche Szenario für Kinshasa sieht Auseinandersetzungen zwischen der Präsidentengarde von Joseph Kabila und den Kämpfern des ehemaligen Rebellen und jetzigen Vizepräsidenten Jean-Pierre Bemba um den Wahlausgang voraus. Daß Bemba tatsächlich noch 5000 Milizionäre in der Nähe der Hauptstadt stehen haben soll, ist ein hartnäckiges, aber unbewiesenes Gerücht.
Fest steht dagegen, daß auf einer Farm der Familie Bemba außerhalb der Stadt zwei- oder dreihundert seiner alten Kämpfer mehr dahinvegetieren als leben. Ob von ihnen eine echte Bedrohung ausgeht, ist zweifelhaft. Denn Bemba pflegt seine Leute nicht zu bezahlen. „Für den riskiert kein Mensch mehr irgend etwas“, sagt ein seit vielen Jahren in Kinshasa lebender Niederländer.
Auf der anderen Seite verfügt Präsident Kabila mit seiner auf mehrere tausend Mann geschätzten Präsidentengarde über eine ergebene Streitmacht. Ihre Mitglieder stammen wie Kabila und alle seine Berater aus der Südprovinz Katanga. Dieser „Katanga-Mafia“ genannte Klüngel könnte im Falle einer Wahlniederlage durchaus versucht sein, das Ergebnis auf der Straße anzufechten.
Respekt gegenüber Europäern
Europäische Diplomaten mußten mit Engelszungen auf Kabila einreden, um ihm die Entsendung der europäischen Soldaten schmackhaft zu machen, denn Kabila hält das Militärmission für eine ausschließlich gegen ihn gerichtete Aktion. Da Bemba die Präsenz der Europäer ähnlich interpretiert, scheint zumindest zweierlei garantiert zu sein: die Unparteilichkeit der „Eufor“ genannten europäischen Streitmacht und der Respekt, den die kongolesischen Protagonisten ihr vorab zollen.
Es gibt viele Beispiele dafür, daß selbst kleine Kontingente europäischer Streitkräfte mit einem Minimum an Gewalt Konflikte in Schwarzafrika zu einem guten Ende bringen konnten: die Briten in Sierra Leone, die Franzosen in der Elfenbeinküste, die europäische Streitmacht „Artemis“ in der kongolesischen Unruheregion Ituri. Gegenüber entschlossenen Europäern haben afrikanische Krieger bisher wenig Tapferkeit bewiesen; brutal sind sie eher im Kampf gegen unbewaffnete Zivilisten.
Die Armee - ein Schatten ihrer selbst
Die kongolesische Armee ist trotz aller Anstrengungen unter anderem der belgischen Regierung, sie auszubilden, nur ein Schatten ihrer selbst. Bislang verdiente ein Soldat zehn Dollar im Monat, wobei selbst dieser Sold meistens noch von den Vorgesetzten unterschlagen wurde. Vor diesem Hintergrund sind die Meldungen über plündernde Soldaten zu sehen, die in der Debatte über den Einsatz einer europäischen Truppe immer wieder auftauchen.
Das Büro der Europäischen Union in Kinshasa hat die Auszahlung der Soldaten an sich gezogen. Zudem bekommen die Soldaten nunmehr 25 Dollar Sold, was in etwa dem der als diszipliniert geltenden angolanischen Armee entspricht und die Zahl der Plünderungen vermindern dürfte. Kinshasa war trotz der wechselvollen Geschichte des Landes nie Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen. Plünderorgien von Soldaten, die teilweise ein Jahr lang nicht bezahlt worden waren, brachten ihr den schlechten Ruf ein.
Dabei fließt durchaus Geld nach Kongo. Mehr als eine Milliarde Dollar erhält das Land jährlich von der Weltbank, dem Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Union zur Reparatur der Infrastruktur. Viel von diesem Geld bleibt freilich in diversen Regierungsbüros „hängen“. Endeten die Wahlen aber in einem Chaos, würde der Geldfluß rasch versiegen.
Deutsche Militärdoktrin
Sergej Schukov (Resident7)
- 19.05.2006, 13:14 Uhr
Wunderbare Scheinwelt
Christian Erb (schukow)
- 19.05.2006, 14:10 Uhr
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
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