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Kongo Die eigene Armee im Stich gelassen

Das Sicherheitsproblem in Kongo rührt daher, daß die Regierung ihre Soldaten oft weder bezahlt noch ernährt. Dagegen verdienen die Milizen im Osten des Landes durch Kindersoldaten Geld - vor allem mit Hilfe der Vereinten Nationen.

© picture-alliance / dpa Vergrößern Leider kein seltenes Bild: Kindersoldat in Kongo

Das Bild grub sich in die Erinnerung: Ein Dreikäsehoch mit Kalaschnikow baut sich vor dem Panzer der UN-Soldaten auf und bedeutet dem in der Luke stehenden Kommandanten, zu verschwinden. Der Uruguayer lacht. Der Junge entsichert seine Waffe. Der Uruguayer schließt hastig die Luke zu und läßt den Panzer wenden. Das war am 22. Mai 2003 in Bunia, Ituri, zu beobachten, also dort, wo die mit 16.000 Mann größte und teuerste UN-Friedensmission Monuc angesichts entfesselter Milizionäre kläglich versagte.

Wenige Wochen später traf eine Streitmacht unter französischer Führung in Bunia ein. Zweck der Operation Artemis war es, die Milizen aus der Stadt zu vertreiben und den UN wieder so etwas wie Handlungsspielraum zu verschaffen. Zum Empfang wurden Handgranaten in das Zeltlager der Franzosen am Flughafen geschleudert. Die Milizen wollten testen, ob sie mit den Franzosen genauso umspringen konnten wie mit den UN-Soldaten. Französische Soldaten jagten den Wagen der Attentäter bis zum Marktplatz von Bunia, wo den Angreifern die Flucht gelang.

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„24 Stunden Zeit, ihre Waffen niederzulegen“

Am darauffolgenden Tag richtete der französische Kommandant das Wort an die Milizionäre: „Messieurs, Sie haben genau 24 Stunden Zeit, ihre Waffen niederzulegen“. Einige der Milizionäre glaubten, das sei wieder eine folgenlose Aufforderung der UN. Sie wurden von französischen Soldaten erschossen, als sie ihre Gewehre auf eine Patrouille richteten.

kongo 2 © picture-alliance/ dpa/dpaweb Vergrößern Konflikte mit UN-Truppen sind an der Tagesordnung

Einer der Toten war ein Kindersoldat. Zu kümmern schien das niemanden - nicht die Franzosen, nicht die westlichen Journalisten und erst recht nicht die Zivilisten in Bunia, die von solchen Jugendlichen seit Monaten terrorisiert wurden. Die Nachricht, daß „die weißen Soldaten“ ernst machen, sprach sich schnell herum. Fünf Tage später war Bunia nicht wiederzuerkennen.

Milizen „produzieren“ immer neue Kindersoldaten

Die mögliche Wirksamkeit europäischer Militäreinsätze in Kongo ist damals bewiesen worden. Doch in Ituri ging es um einen regionalen Konflikt, der im Rest des Landes nicht wahrgenommen wurde. Bei dem zur Diskussion stehenden Bundeswehreinsatz in Kongo aber steht mehr auf dem Spiel. Es geht um die Sicherung der ersten freien Wahlen in der Geschichte des Landes, und zugleich geht es um die Glaubwürdigkeit des europäischen Engagements in Kongo und darüber hinaus.

Sollte die Bundeswehr tatsächlich in Kongo zum Einsatz kommen, wird sie es in dem vorgesehen Einsatzgebiet Kinshasa kaum mit Kindersoldaten zu tun bekommen. Vor allem im Süden und Osten setzen Milizen Jugendliche ein. Insgesamt sind es längst nicht so viele, wie immer angenommen wird. Die Statistiken sehen auch deshalb anders aus, da einige Milizen im Osten immer neue Kindersoldaten „produzieren“, seit die Vereinten Nationen für jeden demobilisierten Jugendlichen Geld zahlen. So verdienen die Milizen Geld.

Beobachter kritisieren europäisches Einsatzgebiet

Gleichwohl ist auch Kinshasa nicht frei von Spannungen, wobei sich das Problem dort eher in Form marodierender, weil nicht bezahlter Soldaten manifestiert. Der Albtraum für ausländische Truppen, die auf Einladung der kongolesischen Regierung in Kinshasa stationiert werden, könnte darin bestehen, daß sie in einer solchen Situation auf kongolesische Soldaten schießen müßten. Abgesehen davon wäre die Aufgabe für die Bundeswehr wohl auch deshalb schwieriger als seinerzeit der französische Einsatz für Frankreich, weil Kinshasa eine frankophone Großstadt ist.

Die größte Gefahr freilich läge in den Geschehnissen außerhalb Kinshasas. Sollte es im notorisch unruhigen Osten Kongos beispielsweise oder in der rohstoffreichen Südprovinz Katanga während oder nach der Wahl zu Auseinandersetzungen kommen, und die Europäer schauen von Kinshasa aus zu, dann würde dies beinah zwangsläufig ihre Glaubwürdigkeit beeinträchtigen. Beobachter bemängeln, daß das Einsatzgebiet der Europäer auf die Hauptstadt eingeschränkt werden soll. Vielmehr müßten Truppen dort stationiert werden, wo es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu Kämpfen kommen wird.

Gleichgültigkeit der kongolesischen Regierung

Zwar bleiben die 16.000 Mann der Monuc auf ihren Posten überall im Land. Das Gros der Soldaten dieser Truppe stammt aus Entwicklungsländern, die UN-Missionen vor allem als lukrative Einnahmequelle für ihre überdimensionierten Armeen verstehen. Keine führende westliche Macht war bereit, Soldaten für die UN-Truppe in Kongo zu entsenden.

In Ituri ist gerade ein gemeinsamer Einsatz von Blauhelmsoldaten und der regulären kongolesischen Armee gegen diverse Milizen an einer Meuterei der Kongolesen gescheitert. Man war ihnen die zehn Dollar Sold pro Monat schuldig geblieben, auch versprochene Lebensmittel waren nie eingetroffen. Darin besteht das eigentliche Sicherheitsproblem in Kongo: Die kongolesische Regierung begegnet denjenigen, die in ihrem Namen den Kopf hinhalten sollen, mit Gleichgültigkeit.

Quelle: F.A.Z., 10.03.2006, Nr. 59 / Seite 4

 
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