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Kongo : Der Herr über die mordenden Kinder

Thomas Lubanga am Mittwoch in Den Haag Bild: REUTERS

Thomas Lubanga war nicht der einzige Kriegsverbrecher in Kongo - aber er war besonders gut organisiert. Nun ist er in Den Haag schuldig gesprochen worden.

          Die Frage, ob er nicht fürchte, sich irgendwann für seine Taten verantworten zu müssen, hatte Thomas Lubanga mit einem Lächeln quittiert. „Wer bitte soll über mich richten?“, hatte er bei einem Gespräch mit dieser Zeitung geantwortet. Das war im Juni 2003 in Bunia, und der Krieg der Hema gegen die Lendu in der nordostkongolesischen Region Ituri war seit zehn Monaten in vollem Gange.

          Thomas Scheen †

          Politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Nairobi.

          Mehr als 50.000 Menschen aus beiden Volksgruppen waren zu diesem Zeitpunkt schon getötet worden - erschossen, in Stücke gehackt und verbrannt. Lubanga als Führer der „Forces patriotiques pour la libération du Congo“ (FPLC), der Hema-Miliz, war bei diesem Gemetzel mit Sicherheit nicht der einzige Massenmörder. Aber der groß gewachsene Psychologe war mit Abstand der am besten organisierte.

          Der Konflikt in Ituri war typisch für die damaligen Verhältnisse in Kongo, das zwei Mal zum Ziel von Angriffskriegen aus Ruanda und Uganda geworden war. Es ging um Rohstoffe, in diesem Fall um Gold, und um das Bestreben der Nachbarländer, sich die Vorkommen anzueignen. Dafür wurde der latent seit mehr als 30 Jahre schwelende Streit um Bodenbesitz zwischen den Hema und den Lendu künstlich angeheizt. Lubanga war dafür der geeignete Mann. Einst hatte er eine wichtige Funktion in einer der zahlreichen Rebellengruppen inne, die entweder von Ruanda oder Uganda unterstützt wurden, um den damaligen kongolesischen Machthaber Laurent-Désiré Kabila unter Druck zu setzen.

          Mit Unterstützung aus Uganda gründete er dann im Jahr 2000 in Ituri die „Union des patriotes congolais“ (UPC), deren militärischer Ableger die FPLC war. Mit dieser Miliz schlug sich Lubanga ab 2002 auf die Seite der Ruander. Dafür wiederum war eine Person verantwortlich, die damals exzellente Verbindungen nach Kigali unterhielt: Bosco Ntaganda, der seit 2008 ebenfalls als Kriegsverbrecher vom Internationalen Strafgerichtshof gesucht wird und gegenwärtig als General in der kongolesischen Armee dient. Bosco Ntaganda war zunächst stellvertretender Kommandant der Hema-Miliz, bevor er sich dem desertierten General Laurent Nkunda anschloss, der weite Teile Nord-Kivus in Schutt und Asche legte.

          Geld, eine Kuh oder einen Jungen

          Die beiden, Lubanga und Ntaganda, gingen in Ituri nach dem Schema des ersten kongolesischen Krieges von 1996 bis 1997 vor: Rekrutiert wurden vor allem Kinder, was Lubanga umso leichter fiel, als er als Hema und erfolgreicher Geschäftsmann hohes Ansehen bei seiner Volksgruppe genoss. Lubanga musste nur an die angeblich existentielle Gefahr für die Hema appellieren und um einen Beitrag für den Krieg bitten: Geld, eine Kuh oder einen Jungen als Kämpfer.

          Mai 2003, Distrikt Ituri: Ein Kindersoldat in Bunia, beobachtet von UN-Soldaten Bilderstrecke
          Mai 2003, Distrikt Ituri: Ein Kindersoldat in Bunia, beobachtet von UN-Soldaten :

          Manche seiner Kämpfer waren so jung, dass sie kaum ihr Gewehr tragen konnten. Die Milizen der beiden Volksgruppen lieferten sich offene Straßenschlachten in Bunia, während uruguayische Blauhelmsoldaten der UN-Truppe Monuc sich in ihren Panzern verkrochen. Für Journalisten, die damals aus Bunia berichteten, galt die Faustregel, sich nur vormittags den Straßensperren mit den Kindern zu nähern, weil die meisten ab Mittag so betrunken oder mit Drogen vollgepumpt waren, dass jederzeit mit Handgreiflichkeiten und schlimmerem zu rechnen war. Allein in Bunia waren etwa 400 Kindersoldaten der Lubanga-Truppe stationiert, die ein fürchterliches Massaker an den Lendu anrichteten. Auf dem Land wiederum waren es die Hema, die vor den Lendu fliehen mussten. Über die Zahl der Opfer kann nur spekuliert werden, weil das Innere Ituris kaum zugänglich ist. Die Schätzungen schwanken zwischen 60.000 und 90.000 Toten.

          In jenem Sommer 2003 war allerdings nicht mehr viel übrig von Lubangas früherer Arroganz. In Ituri hatte „Opération Artemis“, eine europäische Eingreiftruppe unter französischer Führung, endlich aufgeräumt, nachdem die uruguayischen Blauhelmsoldaten nahezu ein Jahr lang dem Schlachten unbeteiligt zugesehen hatten. Lubanga hatte wohl geglaubt, er könne mit französischen Fallschirmjägern genau so umspringen wie mit den Uruguayern, bis die Franzosen drei seiner Kindersoldaten nach etlichen Vorwarnungen erschossen. Danach stand Tag und Nacht ein „Artemis“-Panzer vor Lubangas Haus, während dieser sich im Innern zu rechtfertigen versuchte. Kindersoldaten? „Das waren doch bestenfalls 30 Mann“, sagte er. Massaker an der Volksgruppe der Lendu? „Der Kampf der Hema ist ein nobles Unterfangen.“ Die Tatsache, dass er nur ein Befehlsempfänger ausländischer Mächte sei? „Eine üble Unterstellung“.

          Kurz nach dem Gespräch mit dieser Zeitung floh Lubanga nach Kinshasa, um sich erstens vor „Artémis“ in Sicherheit zu bringen und zweitens auf die versprochene Beförderung zum General der kongolesischen Armee zu warten. Er hielt Hof im „Hotel Intercontinental“, fuhr einen teuren Geländewagen und war häufig Gast im „Concaf“, dem teuersten Restaurant der Stadt. Was Lubanga im Gegensatz zu seinem Spießgesellen Bosco Ntaganda nicht ahnte: Er war von der kongolesischen Regierung in eine Falle gelockt werden, die zusprang, als Lubangas Miliz 2005 in Ituri neun Blauhelmsoldaten erschoss. Prompt wurde Lubanga verhaftet und solange unter Verschluss gehalten, bis der Internationale Strafgerichtshof im Februar 2006 Haftbefehl gegen ihn erließ. Es bedurfte nach der „Opération Artémis“ noch weiterer vier Jahre, bis die kongolesische Armee im Jahr 2007 die letzte der Milizen in Ituri entwaffnen konnte.

          Quelle: F.A.Z.

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