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Konfrontatives Klima Schatten über Ostasien

Mit den neuen Führungen in Japan, China und Südkorea könnte sich das Klima zwischen den drei Ländern endlich verbessern. Doch danach sieht es nicht aus.

© REUTERS Vergrößern Es herrscht kein gutes Klima in Ostasien: Südkoreaner treten auf Japans aufgehende Sonne

Aufsteiger kommen auf ihrer Erfolgskurve schnell in einen Höhenrausch. Das gilt für Menschen und für Nationen. Im Rausch geht zuweilen der klare Blick verloren. Nicht nur sieht es so aus, als könne man selbst alles erreichen, wenn man es nur wolle. Vor allem werden andere Länder, die ihre Rauscherfahrung schon hinter sich haben, in der Wahrnehmung schnell zu Versagern, weil sie das halsbrecherische Tempo weder mitgehen können noch wollen.

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Das alles könnte man als normalen Lauf der Dinge abtun, käme nicht ein Element hinzu, das zu ernsten Komplikationen führen kann. Die politischen Eliten der Aufsteigernationen können sich allesamt noch an die Zeit „davor“ erinnern. Da waren sie entweder Kolonien oder auf andere Weise von anderen Ländern abhängig. Deshalb liegt es nahe, dass auch im Höhenrausch noch Verlustängste mitschwingen, dass man sich und die eigenen Errungenschaften bedroht wähnt.

An diese Szenerie fühlt sich erinnert, wer nach Ostasien schaut. In China, Japan und Südkorea sind neue Führungsleute bestimmt worden. Das Wort Neuanfang ist in allen drei Ländern aber allenfalls für die Innenpolitik angebracht. Denn das politische Großklima in der Region ist weiter konfrontativ. Und es sieht nicht so aus, als sollte sich unter den neuen Herren (China, Japan) und der neuen Dame (Südkorea) das bald ändern.

Bedrohungsängste verhärten sich zur politischen Gewissheit

Japan befindet sich objektiv in einer Krise. Vor einer Generation war man der Aufsteiger schlechthin, jetzt kennzeichnet Stillstand die allgemeine Stimmungslage. Und da man mit wirtschaftlichen Erfolgen in der Welt keinen Respekt mehr ernten kann, meinen maßgebende Akteure in der japanischen Politik, auf andere Art und Weise Aufmerksamkeit erregen zu müssen. Diese Haltung wird noch dadurch verstärkt, dass das Nachbarland China mit zunehmend aggressiveren Methoden die eigenen Interessen durchzusetzen sucht. Zwar ist Japan immer noch eine der führenden Wirtschaftsnationen der Welt. Aber China hat es geschafft, den Nachbarn vor aller Welt „alt“ aussehen zu lassen.

Auch deshalb könnte sich Chinas Führung eigentlich ein wenig zurücklehnen, um sich im Glanz der neuen Bedeutung ihres Landes zu sonnen. Aber eines der hervorstechendsten Merkmale chinesischer Politik ist das Misstrauen gegenüber der Außenwelt. Regierungsmitglieder werden nicht müde, von jener Zeit vor dem Aufstieg zu erzählen, in der China von europäischen Mächten und von den Vereinigten Staaten gedemütigt und ausgenutzt wurde. Man wolle jetzt und in der Zukunft nur noch auf „Augenhöhe“ mit anderen Ländern verkehren, heißt es. Dieses Ansinnen ist legitim. Nur hat in der politischen Praxis die Optik einen Fehler. „Augenhöhe“ nach dem Geschmack der chinesischen Führung bedeutet im Zweifelsfall, dass der „Partner“ das zu tun hat, was China will. Wenn diese Zumutung bei anderen nicht auf Gegenliebe stößt, ist das Erstaunen in Peking immer noch ungewöhnlich groß.

Nach negativen historischen Erfahrungen muss man in Korea nicht lange suchen. Die Erinnerung an die koloniale Unterdrückung durch Japan ist noch (immer) frisch. Ohnehin neigen kleine Nationen dazu, ihren größeren Nachbarn allerlei Böses zuzutrauen. Wenn diese sich dann auch noch so verhalten wie Japan im Inselstreit mit Südkorea und China im Streit mit Japan, verhärten sich diffuse Bedrohungsängste zur politischen Gewissheit.

Bis zum Friedensnobelpreis dauert es noch

Wie kann man diese potentiell gefährliche Situation entschärfen, wie die Konfrontation überwinden? Eigentlich müssten alle Beteiligten „nur“ ihr Verhalten ändern. Das läge in ihrem eigenen Interesse, sind doch die drei Volkswirtschaften eng miteinander verbunden und verflochten. Nur stimmt die theoretisch so einleuchtende Formel, dass enge Handelsverbindungen grundsätzlich friedensstiftend wirkten, in der politischen Praxis leider nicht. Noch herrscht in allen drei Ländern eine Auffassung vor, die an das „Geisterfahrersyndrom“ erinnert: Im Zweifel sind alle anderen in der falschen Richtung unterwegs.

Es wäre unrealistisch, wollte man kurz- und mittelfristig auf nachhaltige Entspannung in der Region hoffen. Langfristig sollte es aber gelingen, allmählich Vertrauen zwischen den Ländern aufzubauen. In diesem Zusammenhang kommt das alte Europa ins Spiel. Dessen Entwicklung seit 1945 taugt sicher nicht als Modell, das Ostasien komplett übernehmen könnte. Ein allgemeines Vorbild freilich könnte Europa schon sein. Denn es hat sich gezeigt, dass das Springen über politische und historische Schatten eben nicht zwangsläufig zu Ansehens- und Gesichtsverlust führt. Zugeständnisse sind nicht unbedingt Ausdruck von Schwäche.

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In der Rückschau sieht vieles von dem, was sich in Europa ereignet hat, leichter aus, als es wirklich war. Aber bei hinreichend gutem Willen lässt sich viel erreichen. Dieser ist bei den Regierungen in den drei ostasiatischen Ländern zur Zeit allenfalls in Ansätzen zu erkennen. Vor allem die chinesische Führung gibt sich lieber ihren Machtphantasien hin. Bis Ostasien einmal den Friedensnobelpreis verliehen bekommt, wird noch viel Zeit vergehen. Aber womöglich passiert es ja doch einmal. Der Beifall aus Europa wäre den Regierungen sicher.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 27.12.2012, 06:35 Uhr

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Von Reinhard Müller

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