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Konflikt mit Syrien Der türkische Kulturschock

 ·  In Antakya in der Südtürkei ist man stolz darauf, weltoffen zu sein. Im Grunde ist jeder willkommen - außer syrischen Flüchtlingen und Christen.

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© AYMAN OGHANNA/The New York Times Syrische Patienten legen sich angeblich sogar mit türkischen Ärzten an.

Gülay Gül ist eine erfolgreiche Unternehmerin, und das zeigt sie auch gern. Geschmückt mit funkelnden Ringen, Broschen und Kettchen, die Prada-Brille lässig ins Haar geschoben, am Handgelenk eine Uhr im Wert einer Einzimmerwohnung in Greifswald, berichtet die Präsidentin des Unternehmerverbands der südtürkischen Stadt Antakya von ihren Geschäften. Sie liefert Hühner nach Iran, betreibt eine Seifenfabrik, exportiert Lorbeer und ist auch sonst geschäftstüchtig. Derzeit aber macht Frau Gül sich Sorgen. Nicht um ihre Geschäfte, die laufen gut. Es geht um die Flüchtlinge. „Bei uns in Antakya leben seit Jahrhunderten mehrere Konfessionen und Kulturen friedlich zusammen. Deshalb werden wir unsere Türen nie verschließen. Aber diejenigen, die gekommen sind, haben eine andere Kultur als wir. Das führt zu Spannungen“, erzählt sie.

In Antakya, dem Antiochien der Bibel, wo Christen erstmals Christen genannt wurden, ist man stolz darauf, weltoffen zu sein. Alawiten, sunnitische Türken, arabische orthodoxe Christen und einige Juden leben hier, außerdem Kurden, sogar ein paar Deutsche. Es ist fast wie in Neukölln. Und kaum ein Gespräch endet ohne einen Hinweis darauf, dass Antakya ein Musterbeispiel für Toleranz sei. Eine Stadt, in der jeder nach seiner Fasson selig werden dürfe.

Ein Kulturschock - vielleicht für beide Seiten

Doch jetzt wird die Toleranz der Antiochier auf eine harte Probe gestellt. Denn über die nahe Grenze sind in den vergangenen Monaten viele tausend syrische Flüchtlinge in die Stadt gekommen. Manche haben in ihrer Heimat gegen den Diktator Assad gekämpft, es sind arabische Sunniten im Dienste der sogenannten Freien Syrischen Armee. Das gefällt vielen in Antakya überhaupt nicht. Dort sind schiitische Alawiten in der Mehrheit.

Man müsse das so sehen, sagt Frau Gül: „Syrien ist in seiner gesellschaftlichen Entwicklung weit hinter der Türkei zurückgeblieben. Die Syrer in den Flüchtlingslagern sind die Ärmsten der Armen. Mit den kulturell höher stehenden Syrern haben wir keine Schwierigkeiten. Aber mit den weniger Entwickelten kommt es zu Reibungen.“ Frau Gül spricht von einem „Kulturschock“, wobei nicht recht deutlich wird, ob ihn die Flüchtlinge oder deren Gastgeber erlitten haben sollen. Vielleicht ja beide Seiten.

So scheint es jedenfalls, wenn Frau Gül Beispiele für die von ihr erwähnten „Reibungen“ aufzählt: „Bei uns laufen die Männer mitunter auch in kurzen Hosen herum. Es kommt vor, dass sie dann von Flüchtlingen beschimpft werden.“ Sie berichtet von Syrern, die spätnachts, das Autoradio bis zum Anschlag aufgedreht, durch die Stadt fahren und die Verkehrsregeln missachten. Frau Gül hat auch von syrischen Patienten in Krankenhäusern gehört, die sich mit Schwestern und Ärzten anlegten. In der Zeitung hat sie gelesen, dass in den vergangenen Monaten 57 Prozent der angezeigten Straftaten von Flüchtlingen begangen wurden. „57 Prozent, das muss man sich einmal vorstellen!“ Für Frau Gül ist klar: „Toleranz ist gut. Aber es gibt auch Regeln und eine Ordnung. Jeder, der gegen diese Regeln und die Ordnung verstößt, wird selbst in einer toleranten und friedvollen Stadt wie Antakya nicht akzeptiert.“

„Unser Leben und unser Blut für dich opfern“

So kann man das von vielen Einwohnern Antakyas hören. Man habe nichts gegen (sunnitische) Syrer, aber irgendwann sei auch mal Schluss, heißt es sinngemäß. Schon zwei große Demonstrationen gegen die Flüchtlinge gab es im Stadtzentrum. Dabei ging es vor allem darum, dass die Flüchtlinge nach Ansicht der Mehrheitsbevölkerung in Antakya auf der falschen Seite stehen: Sie kämpfen gegen Assad. Die Mehrheit in Antakya - Alawiten (Nusairier) wie der syrische Diktator und seine Clique in Damaskus - will keinen Machtwechsel im Nachbarland. „Wir werden unser Leben und unser Blut für dich opfern, Assad“ lautete eine Parole auf den Demonstrationen in Antakya.

Die sunnitischen Flüchtlinge aus Syrien nehmen viele hier als Bedrohung wahr. Deshalb sind sie erleichtert, dass die Polizei etwas unternimmt: In den vergangenen Wochen warfen Polizisten Handzettel in die Briefkästen der von Syrern gemieteten Wohnungen in Antakya, auf denen den Bewohnern mitgeteilt wird, sie hätten die Stadt zu verlassen, um sich in Flüchtlingslagern im Landesinneren der Türkei zu registrieren.

Der Menschenrechtler Mithat Can gehört zu den wenigen in der Stadt, die an dem Bild des friedlichen multiethnischen Miteinanders in Antakya kratzen. Er erzählt von seiner Einschulung im Jahr 1954, als in der ersten Klasse von 36 Kindern 18 Christen, zwei Türken und der Rest Araber waren. „Wenn es wirklich so großartig und tolerant bei uns zugeht, warum wird dann in heutigen Grundschulklassen meist nur noch ein einziges christliches Kind eingeschult oder manchmal auch gar keines? Sind die Christen etwa alle vor der multiethnischen Toleranz geflohen? Oder war da vielleicht etwas anderes?“

Ein Menschenrechtler, der Flüchtlinge abschieben will

Es war. Das weiß Herr Can aus eigener Erfahrung. In der Schule gab es Schläge, wenn arabische Kinder aus Versehen ein Wort in ihrer Muttersprache sagten. Nur Türkisch durfte gesprochen werden. Obwohl Herr Can sich dem üblichen Lobgesang auf das tolerante Antakya also nicht anschließen mag, hat auch er Vorbehalte gegen die Flüchtlinge aus Syrien. Gewiss, es gebe auch Unschuldige unter ihnen. „Aber es gibt viele bewaffnete Gruppen, die nur scheinbar Flüchtlinge sind.“ In Wirklichkeit seien es islamistische Kämpfer, die mit dem Wissen und der Unterstützung der türkischen Regierung in der Türkei ausgebildet werden, um drüben im anderen Land gegen Assad zu kämpfen. „Wir sind dagegen, dass solche Leute sich hier als Flüchtlinge aufhalten dürfen.“

Ein Menschenrechtler, der Flüchtlinge abschieben will - das klingt zumindest ungewohnt. Aber vollkommen unrecht hat Mithat Can natürlich nicht: Die syrischen Kämpfer nutzen die Türkei als Rückzugsbasis. Und wer glaubt, die Freischärler der „Freien Syrischen Armee“ seien grundsätzlich bessere Menschen als die Männer in Diensten des mörderischen Regimes in Damaskus, dem ist wohl nicht zu helfen. „Selbstverständlich muss das syrische Regime ersetzt werden durch eine Regierung, die tatsächlich das Volk repräsentiert“, sagt Herr Can. Nur glaube er eben nicht, dass die Kämpfer der „Freien Syrischen Armee“ ihrem Land den Weg in eine gerechtere Zukunft weisen können oder auch nur wollen. Sie wollen einfach nur das Verhältnis zwischen Unterdrückern und Unterdrückten umdrehen.

Ali Kuseyri, Chef der Handelskammer von Antakya, empfängt in seinem eisgekühlten Büro. Als gebe es eine geheime Absprache, sehen Handelskammerbüros in der türkischen Provinz überall gleich aus. Ein großer Chefschreibtisch, sehr große Polstermöbel und in den Schränken hinter Glastüren lauter Zierteller in mit Samt ausgeschlagenen Köfferchen. Die Teller sind mit den Koordinaten und Wappen anderer Handelskammern verziert. Sie werden nur deshalb hergestellt, damit die Chefs der Handelskammern sich gegenseitig etwas schenken können bei Besuchen. Vor einer solchen Phalanx aus Handelskammerziertellern sitzend, doziert Herr Kuseyri über die Flüchtlingsfrage und Antakya. „Es gibt Leute, die wollen offenbar Unruhe stiften.“ Zunächst will er nicht darüber spekulieren, wer diese „Leute“ sein könnten. Es sei einigen wohl ein Dorn im Auge, dass in Antakya verschiedene Konfessionen friedlich miteinander lebten, sagt er nur. „Wir haben hier eine ähnliche Bevölkerungsstruktur wie drüben Syrien.“

Schließlich äußert sich der Handelskammerchef dann aber doch über seine Vermutungen: „Ich glaube nicht, dass die Bestrebungen, hier Unruhe zu schaffen, von innen kommen. Es sind Ausländer hier, auch ausländische Agenten“, sagt er. Dass unter den Flüchtlingen in Wirklichkeit viele bezahlte Unruhestifter seien, wolle er damit nicht gesagt haben, schränkt Herr Kuseyri ein. Aber das muss er auch nicht gesagt haben, die Botschaft ist deutlich genug. Antakya, die Stadt der Toleranz, macht schwere Zeiten durch.

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Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.

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