An der Istanbuler Bahcesehir Universität ist unlängst eine aufschlussreiche Studie über die Werte der Türken veröffentlicht worden. Zunächst bestätigte die Untersuchung Altbekanntes: Die Türken sind nationalistischer als europäische Völker, und der Islam ist ihnen ungleich wichtiger als Deutschen, Bulgaren oder Spaniern ihr Christentum. Drei Viertel der Befragten erklärten, sie seien „sehr stolz“ Türken zu sein. Das ist ein sehr hoher Durchschnittswert angesichts des patriotischen West-Ost-Gefälles der Türkei, in deren kurdisch dominiertem Südosten weniger als ein Viertel der Befragten die Frage mit Ja beantwortet. Die Kurden dort sind nicht stolz darauf, Türken zu sein.
Doch die Studie deutete auch auf signifikante Veränderungen in der türkischen Gesellschaft hin. Hatten 1990 noch weniger als die Hälfte der befragten Türken mit Hochschulabschluss angegeben, dass der Islam ihnen wichtig sei, waren es bei der 2011 und 2012 in der gesamten Türkei erhobenen Befragung mehr als 70 Prozent. Die scheinbare Eindeutigkeit dieser Zahl verführte einige Kommentatoren dazu, darin einen Beleg für ihren Verdacht zu sehen, die Regierung von Ministerpräsident Erdogan wolle das Land „islamisieren“. Abgesehen von der Frage, wie „Islamisierung“ zu definieren ist in einem Land, dessen Bevölkerung offiziell zu 99 Prozent aus Muslimen besteht, lässt sich die Zahl auch anders lesen: In der Türkei haben heute Schichten Zugang zu einem Hochschulstudium, die vor einer Generation noch davon ausgeschlossen waren. Das Herrschaftsjahrzehnt von Erdogans Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) und das seit Jahren anhaltende starke Wirtschaftswachstum hat den „schwarzen Türken“, der im Islam verwurzelten anatolischen Stammklientel Erdogans, eine ungekannte Teilhabe an der Macht verschafft - Aufstiegschancen und Hochschulstudium inbegriffen.
Die Türkei ist ein Land, in dem sogenannte traditionelle Werte - Ehe, Familie, Vaterland - noch vielen Menschen wichtig sind. In Europa sind es zwar vor allem liberale und linke Politiker, die sich vehement für eine Aufnahme der Türkei in die EU einsetzen, doch durch einen Beitritt des Landes würde Europa nicht „linker“ oder „liberaler“. Es würde im Gegenteil nicht nur islamischer, sondern vor allem konservativer. Für die sogenannten alternativen Lebensentwürfe, deren Schutz Europa sich zur Aufgabe gemacht hat, hätte eine Mehrheit der ins europäische Parlament gewählten Abgeordneten aus der Türkei mit Sicherheit keine große Sympathie.
Vision: Machterhalt bis 2023
Doch zur Vorstellung eines Europaparlaments mit türkischen Abgeordneten gehört einstweilen viel Phantasie. Zwar hat Erdogan seinen Auftritt in Berlin zu einem rhetorischen Rundumschlag gegen die angebliche Kurzsichtigkeit der Europäer genutzt, die der großen Türkei den Zutritt zu ihrem Club verwehren. Doch in seinem eigenen Land spielt die Frage eines Beitritts schon seit längerer Zeit kaum noch eine Rolle. Die Mitgliedschaft in der EU war einst das außenpolitische Kardinalziel der AKP. Doch das ist vorbei. Die Vision heißt derzeit: Machterhalt bis 2023. Außenpolitisch will sich die Türkei als regionale Ordnungsmacht etablieren und erfährt angesichts des Krieges in Syrien derzeit vor der eigenen Haustür, welche Schwierigkeiten damit verbunden sind.
Von sich aus wird die AKP die Beitrittsverhandlungen mit der EU vermutlich nicht für beendet erklären. Der Kandidatenstatus ist ein wichtiges politisches Kapital, mit dem sich wuchern lässt, um möglichst viel für das eigene Land herauszuholen. Eigentlich wäre Ankara mit einer privilegierten Partnerschaft zur EU inzwischen wohl zufrieden. Sie dürfte nur nicht so heißen.
Dabei könnte die Türkei die EU weiterhin gut gebrauchen. Erdogan hat in Berlin zwar korrekt festgestellt, dass sein Land seit Jahren zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften gehört. Seine Behauptung, die Türkei habe ihre Reform-Hausaufgaben gemacht, ist aber nur zum Teil zutreffend. Das hohe Wachstum erklärt sich auch aus dem Nachholbedarf eines unterentwickelten Landes, dessen Entfaltung zuvor über Jahrzehnte von einer korrupten Kaste kemalistischer Politiker gehemmt wurde. Diese Fesseln hat die AKP der Türkei abgenommen. Die Türkei hat ein starkes, nun schon seit Jahren anhaltendes Wirtschaftswachstum hinter sich. Das Wachstumstempo hat sich zuletzt zwar auch als Folge der Krise in der Eurozone etwas verlangsamt, aber eine Rezession ist nicht in Sicht.
Doch auch die Regierung Erdogan muss noch wichtige Strukturreformen durchsetzen, damit das Wachstum andauern kann. Diejenigen, die das europäische Projekt auf die Ökonomie reduzieren und wie Erdogan in Deutschland argumentieren, die Türkei werde der EU „Lasten abnehmen“, vergessen: Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in der Türkei liegt auch nach einem Jahrzehnt des Wachstums noch deutlich unter den Vergleichswerten etwa der Slowakei, Polens oder Litauens, und nur knapp über dem von Bulgarien, dem ärmsten Mitgliedstaat der EU.
es ist schon erstaunlich
alois schneider (formal)
- 01.11.2012, 22:40 Uhr
Kemalisten, Kemalismus
Alex Berliner (AlexBerliner)
- 01.11.2012, 14:50 Uhr
Diskrepanzen
Volker Mueller (MrVo)
- 01.11.2012, 12:56 Uhr
Deutscher Michel, beruhige Dich!
Sami Sari (ssari)
- 01.11.2012, 09:29 Uhr
Finde den Fehler: Amerikaner sind nationalistisch, Türken sind patriotisch
Maksut Maksuti (Maksuti)
- 01.11.2012, 08:35 Uhr
