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Kommentar : Taugt Labour als radikales Vorbild?

„Oh Jeremy Corbyn“ singen dessen Anhänger heutzutage auf den Parteitagen der Labour Party. Bild: Reuters

Jeremy Corbyn, der Vorsitzende der britischen Labour Party, hat gezeigt, dass ein radikaler Kurs Früchte trägt. Er hat jedoch auch düstere Nebenwirkungen.

          Nach ihrer Wahlschlappe war die SPD zu sehr mit sich beschäftigt, um Beobachter nach Brighton zu schicken. Dort, bei der Labour-Jahreskonferenz, hätten die Sozialdemokraten studieren können, was ihnen fehlt: Die Labour Party strotzt vor Energie, die jungen Leute laufen ihr in Scharen zu und preisen den Vorsitzenden mit lauten Gesängen. Die neue Zuversicht lässt sich an Zahlen ablesen: Vor zwei Jahren zählte die Labour Party 150.000 Mitglieder – heute sind es 600.000. Im selben Zeitraum stieg die Zustimmung im Volk von unter dreißig auf über vierzig Prozent. Gäbe es eine Neuwahl, hätte Jeremy Corbyn gute Chancen, britischer Premierminister zu werden.

          Der Preis, den die Labour Party für ihre „Erneuerung“ gezahlt hat, ist hoch. Nach Corbyns überraschendem Aufstieg war die Partei in bittere Kämpfe verstrickt. Die alten Hoffnungsträger zogen sich auf die Hinterbänke zurück oder verließen die Politik gleich ganz. Kaum einer, der heute den Ton in der Partei angibt, war vor zwei Jahren einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Für einen Teil der bürgerlichen Mitte ist Corbyns Labour Party nicht mehr wählbar.

          Aber nichts ist erfolgreicher als der Erfolg, und den hat Corbyn im Juni eingefahren. Der größte Stimmenzuwachs seit 1945 trug ihn zwar nicht in die Regierung, überzeugte aber die Kritiker in seiner Partei (und nicht nur dort), dass mit einem radikalen Kurs und einem „authentischen“ Kandidaten eine Wahl gewonnen werden kann. Es sind dies die beiden entscheidenden Unterschiede zur Sozialdemokratie: Die Labour Party hat einen Vorsitzenden, der neue, vor allem junge Wähler inspiriert, und ein Programm, das zu Recht als Alternative wahrgenommen wird.

          Manche schwärmen schon von einem neuen Blair-Moment. Als Tony Blair Mitte der neunziger Jahre zum Oppositionsführer aufstieg, veränderte er mit seinem „New Labour Project“ nicht nur die eigene Partei, sondern die europäische Sozialdemokratie. In Deutschland war es Gerhard Schröder, der Blairs „Dritten Weg“ auslotete, die SPD aus der Nähe der Gewerkschaften löste und mit den modernen Formen des (Finanz-)Kapitalismus versöhnte. Es gehe nicht mehr um rechts oder links, sondern um besser oder schlechter, lautete die neue Maxime, die bis heute fortwirkt.

          Nun hat die Konterrevolution begonnen, und wieder nimmt sie ihren Ausgang im Königreich. In Brighton beschwor Corbyn eine Labour Party, die ihre „Wurzeln und Ziele wiederentdeckt“. Diese „moderne, progressive sozialistische Partei“ soll das Wirtschaftssystem nicht mehr reformieren, sondern „ersetzen“. Corbyn sieht den Kapitalismus an sich am Ende und will die „gescheiterte Privatwirtschaft“ zugunsten eines Interventionsstaates zurückdrängen. Verstaatlichungen, kreditfinanzierte Investitionsprogramme und massive Umverteilung sind Instrumente, mit denen er die „Macht zurück in die Hände des Volkes“ legen will.

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          Schon die Wortwahl lässt aufhorchen: Hinter dem Projekt, das so volksnah daherkommt, steckt Klassenkampf im Kleid des Linkspopulismus. Der hat hässliche Folgen. Corbyns Fangemeinde, die von älteren, erbitterten Ideologen gesteuert wird, ist aufgeladen mit Feindbildern: Unternehmer sind „Spekulanten“, Wohlhabende „Steuerhinterzieher“ und Journalisten „Propagandisten“ – die renommierte BBC-Journalistin Laura Kuenssberg konnte sich in Brighton nur noch an der Seite eines Leibwächters bewegen. Dies ist die Schattenseite einer Politik, die auf emotionale Polarisierung setzt.

          Aber die Neuausrichtung hat Wucht. Die konservative Regierung hörte genau hin, als Corbyn die „neue Mitte“ für sich reklamierte. Nirgendwo wird mehr ernsthaft bestritten, dass die Finanzkrise von 2008 und der anschließende Sparkurs das Vertrauen in die Marktwirtschaft untergraben haben. Vor allem die liberalen angelsächsischen Gesellschaften haben sich auf bedrohliche Weise desintegriert. Nicht nur das Heer der „Zurückgelassenen“, sondern eine ganze Generation junger Leute macht die Erfahrung, dass ihr das bestehende System nicht viel zu bieten hat, dass es für sie – anders als für die Eltern – eher bergab geht. Seit langer Zeit war der Boden nicht mehr so fruchtbar für das Versprechen auf radikalen Wandel – und wenn ihn die Linke nicht anbietet, so Corbyns Denken, dann suchen ihn die Menschen bei der extremen Rechten. Es klang fast ein bisschen verzagt, als Theresa May nach Corbyns Rede die Marktwirtschaft als „bestes Mittel für den menschlichen Fortschritt, das je geschaffen wurde“, verteidigte.

          Im Königreich wird wieder um Grundsatzfragen gerungen, nicht nur um seine globale Rolle nach dem Brexit, sondern um seine innere Verfasstheit. Das große Echo auf Jeremy Corbyn verrät, dass er die richtigen Fragen stellt. Ob er auch die richtigen Antworten liefert, steht auf einem anderen Blatt. Für mögliche Nachahmer gibt es jedenfalls eine Menge zu bedenken, auch für eine gedemütigte SPD, die der nächsten Regierung „in die Fresse“ geben will.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

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          Quelle: F.A.Z.

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