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Russland : Alarm

Feindbild Putin? Schaufenster in Simferopol Bild: REUTERS

Russland ist ein erbärmlich schwaches Land. Nun hat es einen Pfad beschritten, der Stärke und Stolz zurückverspricht. Das ist gefährlich. Doch in Deutschland wimmelt es wieder von Russlandverstehern.

          Man muss sich in den Anderen hineinversetzen, auch in der Politik. Dann kann man besser abwägen, wie man handeln sollte, besser einschätzen, was passieren könnte. Man schützt sich damit auch vor groben Irrtümern, hat einen freieren Blick, freiere Hände und einen freieren Kopf. Aber wenn das Hineinversetzen in falsches Rechtfertigen übergeht, wenn die Empathie schließlich dazu führt, dass man sich selbst und seine eigenen Interessen darüber vergisst, dann sind all diese Vorteile wieder verspielt. Ja, man steht sogar noch schlechter da als ohne ein solches Übermaß an falschem Einfühlungsvermögen. Anders ausgedrückt: Wenn einer mich schlägt, muss ich ihn erst einmal davon abbringen. Warum er es tut, darüber kann ich hinterher nachdenken. Aggression mit Empathie zu begegnen, bedeutet nur, ihr nachzugeben. Bedeutet, dass man verliert. Aber wer tut so etwas schon? Naja – wir.

          In Deutschland wimmelt es wieder von Russlandverstehern, seit Moskau mit einem illegalen Referendum und Waffengewalt der Ukraine die Krim entrissen und die Schwarzmeer-Halbinsel annektiert hat. Seitdem wird in Deutschland dauernd erklärt, wie recht doch Putin damit eigentlich hatte, und dass der Westen ihn gleichsam dazu getrieben habe. Die EU und der Westen sind schuld an Putins politischer Aggression. Man muss sich wirklich enorm verrenken, um das glauben zu können, ist es doch schon auf den ersten Blick offenkundig falsch. Und doch fliegen diese Ideen durchs offene Fenster hinein wie Stubenfliegen. Spätestens, seit der „stern“ die Behauptung in die Welt setzte, der Westen habe seinerzeit Gorbatschow versprochen, dass die Nato sich nicht ausdehnen werde, wenn sein Imperium zerfalle. Das wurde allenthalben nachgedruckt, als sei es eine gesicherte historische Tatsache. Dabei ist es einfach Unfug.

          Ist schon in Vergessenheit geraten – hier, in Deutschland – dass die Mitgliedschaft der Bundesrepublik im westlichen Militärbündnis zuletzt als wichtigstes Hindernis vor der Wiedervereinigung stand? Die SPD brachte damals gewissermaßen die Stalinnote wieder ins Spiel: Man dachte laut darüber nach, ob nun nicht doch noch ein einiges, bündnisfreies Deutschland wiedererstehen könne, wie es der sowjetische Diktator 1952 vorgeschlagen hatte. Den Sozialdemokraten waren solche Überlegungen ohnehin nicht fremd, sie neigten nicht zu knapp seit den siebziger Jahren wieder neutralistischen Ideen zu; das nannte sich „zweite Phase der Entspannungspolitik“. Auch unter National-Konservativen gab es in den achtziger Jahren eine neutralistische Strömung. Warum also nicht als Preis für die Wiedervereinigung zahlen, was man sich sowieso wünschte: endlich raus aus dem Ost-West-Konflikt, blockfrei?

          Doch die Wiedervereinigung kam, wie sie kam, weil Gorbatschow tat, was er tat – und was viele kaum für möglich gehalten hatten: Er nahm die Ausdehnung der Nato hin. Enzensberger hat ihn deshalb unter die „Helden des Rückzugs“ eingereiht. Etwas bodennäher kann man sagen, dass Gorbatschow Realist war. Ihm war die Ausgezehrtheit und Schwäche seines Landes bewusst. So kam ganz Deutschland in die Nato. Und Estland, Lettland, Litauen, Polen, die Slowakei, Tschechien, Ungarn, Kroatien, Bulgarien, Rumänien. Doch jetzt, ein Vierteljahrhundert später, breitet sich ausgerechnet in Deutschland die Legende aus, man habe den Russen etwas ganz anderes versprochen. Wie kommt das? Lieben die Deutschen die Russen so sehr, dass sie für die Krim sogar die eigene Geschichte umschreiben?

          Nicht wirklich. Dann würden sie öfter in Russland Urlaub machen als, beispielsweise, in Amerika. Nein, die Deutschen haben Angst vor den Russen. Wie der Mist im Beet ist diese Angst der Nährboden für solche Legenden. Denn solche Erzählungen beruhigen so schön. Wenn wir, oder besser noch, die EU und die Amerikaner schuld sind am Treiben der Russen in der Ukraine, dann ist im Grunde alles gut. Es hat seine Ordnung. Wir können ruhig schlafen.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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