29.08.2003 · Die Amerikaner machen im Irak jetzt eine Erfahrung, die so alt wie - als Lehre - banal ist: Es ist leichter, einen Diktator zu stürzen, als ein neues politisches System zu errichten.
Von Günther NonnenmacherDie Amerikaner machen im Irak jetzt eine Erfahrung, die so alt wie - als Lehre - banal ist: Es ist leichter, einen Diktator zu stürzen, als ein neues politisches System zu errichten. Es gibt jedenfalls wenig Anzeichen dafür, daß sich in absehbarer Zeit Erwartungen erfüllen würden, die von der Bush-Regierung oder ihren Beratern vor dem Krieg geweckt worden waren: daß im Irak eine arabische Musterdemokratie aufgebaut werden könne, mit heilsamen Auswirkungen für den Nahen Osten und mit positiver Ausstrahlung auf die ganze islamische Welt.
Denn auch im Jahr 2003, zwölf Jahre nach dem letzten Golfkrieg, da George Bush junior das "unvollendete Geschäft" seines Vaters erledigt, Bagdad eingenommen und Saddam Hussein verjagt hat, sieht es nicht so aus, als ob die Chancen einer Demokratisierung im Irak und einer Neuordnung des Nahen Ostens gut stünden. Vier Monate nachdem der Präsident auf dem Flugzeugträger "Abraham Lincoln" das "Ende der Hauptkampfhandlungen im Irak" ausgerufen hat, sind die Truppen der Anti-Saddam-Koalition, eigener Einschätzung zufolge, in einen Guerrillakrieg verwickelt. In der Besatzungszeit sind schon mehr Soldaten ums Leben gekommen als während des eigentlichen Feldzuges. Neben in den Untergrund abgetauchten kämpfenden Saddam-Anhängern gibt es im Irak inzwischen mehrere tausend aus Nachbarstaaten eingesickerte (oder eingeschleuste) islamistische Terroristen. Wo Ordnungskräfte fehlen, macht sich Banditismus breit, wegen Versorgungsschwierigkeiten brechen spontane Revolten aus. Die Kombination solcher Faktoren - das Zusammenwirken von gezielter Sabotage und allgemeiner Unzufriedenheit - könnte zu einem für die Besatzungsmacht gefährlichen Chaos führen.
Offenbar haben die Planer in Washington die Schwierigkeit, nach dem Zusammenbruch des Saddam-Regimes Ordnung herzustellen, kraß unterschätzt. Naiv war die Hoffnung, daß die Mehrheit der Iraker, die Saddam zweifellos haßte, Amerikaner und Briten schon aus Abneigung gegen den Diktator als Befreier bejubeln und als Besatzer begrüßen werde. Falsch war die Annahme, man könne das Baath-System gewissermaßen enthaupten und mit dessen Rumpfstrukturen eine ordentliche Verwaltung sicherstellen. Pure Propaganda war schließlich die Behauptung, die in sich zerstrittene irakische Exil-Opposition werde nach ihrer Rückkehr als legitime Führung anerkannt werden. Der schnelle Abgang des anfangs vom Pentagon als Verwalter eingesetzten pensionierten Generals Jay Garner war ein Eingeständnis dieses Scheiterns.
Keine Frage: Eine vorläufige Bilanz der Lage im Irak nach dem Krieg fällt negativ aus, und sie wird auch nicht aufgehellt durch Fortschritte auf anderen Gebieten. Das türkisch-amerikanische Verhältnis hat sich dramatisch verschlechtert, der israelisch-palästinensische Konflikt ist, nach einer kurzen Hoffnungsphase, die mit einer internationalen Friedensinitiative ("roadmap") verbunden war, neuerlich eskaliert. Israel hat den Zugewinn an Sicherheit, der durch Saddams Verschwinden vom nahöstlichen Schachbrett entstanden ist, bisher nicht honoriert; die palästinensischen Terrorgruppen sind vom Sturz eines ihrer Sponsoren weder entmutigt noch gelähmt.
Es gibt keinen einfachen Ausweg aus der verfahrenen Lage in Bagdad. Aber es gibt Schritte, welche die Aussichten verbessern könnten. Sicher ist: Die Vereinigten Staaten brauchen Hilfe, und zwar nicht nur von Willigen, aber Mittellosen, sondern auch von jenen ihrer Verbündeten, die dazu wirklich fähig sind: auf militärischem Gebiet, was den zivilen Aufbau angeht, auch was die Kosten betrifft, die ins schier Unermeßliche steigen.
Voraussetzung dafür ist ein Mandat der Vereinten Nationen, das den Streit im Sicherheitsrat beendet und die völkerrechtliche Legitimität der Besatzung im Irak absichert. Washington kann nicht verlangen, daß Verbündete und Partner, die gegen den Krieg waren, diesen durch ihre Hilfe im nachhinein legitimieren. Es besteht ohnehin kein Zweifel daran, daß die Macht Amerikas im Irak vorerst nicht durch die Autorität der Vereinten Nationen zu ersetzen ist - das hat spätestens der verheerende Anschlag auf das UN-Hauptquartier in Bagdad gezeigt. Partner und Verbündete wiederum sollten von der in Bedrängnis geratenen Supermacht keine Demutsgesten oder gar das Eingestehen von Fehlern erwarten. Das Ziel einer UN-Resolution muß es sein, den Weg zu einer einvernehmlichen Irak-Politik zu bahnen, und dazu gehört, daß alle Beteiligten das Gesicht wahren können.
Dann erst kann die schwierigste Aufgabe ernsthaft angepackt werden: das Suchen und Fördern einer irakischen Führung, die in der Bevölkerung Autorität gewinnen und der Schritt für Schritt die Verwaltung des Landes und dann auch die politische Macht übergeben werden kann. Niemand sollte sich Illusionen darüber machen, wie lange ein solcher Prozeß dauern wird in einem Land, das von tiefen Konfliktlinien durchzogen ist und in dem die Machtverhältnisse noch weitgehend ungeklärt sind. Außer Zweifel steht nur - das zeigt der Blick auf den post-jugoslawischen Balkan -, daß die Vereinten Nationen als Legitimationsinstanz sowie die Staaten, welche die UN-Aufgaben faktisch ausführen und finanzieren, Amerika in vorderster Linie, im Irak auf Jahre hinaus gebraucht werden.
Es handelt sich um eine der größten Herausforderungen, vor denen die Völkergemeinschaft je stand. Mit Rechthaberei aller Seiten ist sie nicht zu lösen. Selbst ein Aufblühen des Geistes der Zusammenarbeit wäre noch keine Erfolgsgarantie. Eine wirkliche Bilanz dieses Krieges, seiner Auswirkungen im Irak, in der Region, auf Amerika und auf das westliche Bündnis, wird man erst nach Jahren ziehen können.