Home
http://www.faz.net/-gq5-tkjn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kommentar Europa wartet auf Moskau

12.12.2006 ·  Polonium zieht seine Spur quer durch Europa. Alle verlangen Aufklärung und schauen dabei erwartungsvoll nach Moskau. Aber die verdächtigen Kreise scheinen sich dem Zugriff zu entziehen. Ein Kommentar von Peter Sturm.

Von Peter Sturm
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Spuren eines den meisten Menschen bis vor wenigen Tagen weitestgehend unbekannten Elementes durchziehen Europa. Mindestens ein Mensch ist bis jetzt der von Polonium 210 ausgehenden Strahlung zum Opfer gefallen. Alle Welt verlangt Aufklärung und schaut erwartungsvoll und forschend nach Moskau. Die russischen Behörden behaupten, sie kooperierten mit ihren Kollegen in anderen Ländern. Aber die Kreise, in denen das sündhaft teure Polonium kursiert, scheinen sich dem Zugriff zu entziehen.

Das kann daran liegen, daß sich mittlerweile eine Menge „Profis“, ehemalige Angehörige des Geheimdienstes, als freiberufliche „Geschäftsleute“ aller Art betätigen. Deren „Geschäftspraktiken“ unterscheiden sich offenbar von denen im normalen Wirtschaftsleben wesentlich. Wenn nicht, wie mittlerweile wohl feststeht, unbeteiligte Dritte geschädigt worden wären, könnte man die ganze Angelegenheit als zwar komplizierten, aber im Grunde auf Unterweltkreise beschränkten Kriminalfall abtun.

Hat der Staat seine Hand im schmutzigen Spiel?

Politisch wird die Sache freilich nicht nur dadurch, daß immer wieder solche „Ehemaligen“ auftauchen. Auch das Mordwerkzeug, Polonium, gehört nicht zu den Gütern, die zum normalen Teil des Welthandels gehören. Das erregt zumindest den Verdacht, es könnten eben doch staatliche Stellen ihre Hand im schmutzigen Spiel haben. Wirklich beunruhigend wird die Angelegenheit dann, wenn man mögliche Konsequenzen bedenkt. Wenn Polonium offenbar in die Hände von Menschen gelangen kann, die es mit Recht und Moral nicht so genau nehmen, wer garantiert dann eigentlich, daß nicht irgendwann Terroristen versuchen könnten, diese Quelle anzuzapfen? Und wer wollte sie aufhalten? Skrupel sind den potentiellen Verkäufern des tödlichen Stoffs sicher nicht zu unterstellen.

Russische Behörden müssen bis auf weiteres damit rechnen, daß ihnen das Ausland mit Mißtrauen begegnet. Die Erfahrungen der britischen Polizisten, die in Moskau waren, sind jedenfalls nicht geeignet, diese zu zerstreuen. Im Rußland des Wladimir Putin steckt noch viel Sowjetunion, mögen der Präsident und sein Freund im Westen, Gerhard Schröder, noch so ausdauernd das Gegenteil behaupten. Der Ausweg liegt nicht in einem Mehr an Kontrolle, sondern in mehr demokratischer Transparenz.

Quelle: F.A.Z., 12.12.2006, Nr. 289 / Seite 1
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1958, Redakteur in der Politik.

Jüngste Beiträge

Von dir die Fregatte, von mir die Drohne

Von Thomas Gutschker

Verteidigung ist eine nationale Angelegenheit? Die Wirklichkeit hat sich längst geändert. Die Armeen der Nato-Partner müssen zusammenarbeiten. Kein Land ist mehr autark. Mehr