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Kommentar : Erdogans Feindbild

Deutschland darf sich von einem Autokraten nicht alles bieten lassen. Doch sollte es auch nicht die Rolle spielen, die er den Deutschen zugewiesen hat.

          Das Reden verbieten! Zur unerwünschten Person erklären! Das Flüchtlingsabkommen kündigen! – Der türkische Staatspräsident Erdogan treibt die Deutschen auf die Barrikaden wie kaum ein anderer ausländischer Potentat zuvor. Selbst Politiker, die früher entschieden für die EU-Vollmitgliedschaft der Türkei eintraten, erkennen in ihr jetzt ein Reich des Bösen. So böswillig wie Erdogan führte sich freilich auch noch kein anderer „Partner“ und Verbündeter auf. Er sucht geradezu die Konfrontation und Eskalation weit jenseits dessen, was noch als Wahlkampfgetöse türkischer Art hingenommen werden könnte.

          Wenn Erdogan nicht verrückt geworden ist oder unter Verfolgungswahn leidet, muss man sich fragen, was der türkische Machthaber, der seine Macht noch weiter vergrößern will, mit seinen grotesken Provokationen bezweckt. Denn das Verhältnis zu Deutschland und der übrigen EU beschädigt er damit schwer und nachhaltig. Und das nur, um ein paar Prozentpunkte mehr aus seiner ohnehin schon treuen Anhängerschaft in Deutschland oder den Niederlanden für seinen Verfassungsstreich herauszukitzeln? Es sieht so aus, als wolle Erdogan bei dieser Gelegenheit neben dem Leitbild der westlichen Demokratie auch gleich noch das Projekt EU-Beitritt beerdigen. Dafür braucht er, weil ihm bei weitem nicht alle Türken blind folgen, ein Feindbild, das er mit immer grelleren Farben malt, bevorzugt mit denen des Nationalsozialismus, die in Deutschland die größte Wirkung haben. In seiner Sammlung der absurden Beleidigungen fehlt eigentlich nur noch der Vergleich Merkels mit Hitler.

          Die Türkei will nicht mehr, und die EU, die nie richtig wollte, kann nicht mehr: Die Sache mit der Vollmitgliedschaft hat sich erledigt. Doch kann dem Westen nicht daran gelegen sein, dass das Land am Bosporus, dessen Möglichkeiten Erdogan hoffnungslos überschätzt, zu einem Spielfeld russischer, chinesischer und islamistischer Interessen wird. Auch wenn es dieser Tage schwerer fällt denn je, sollte man die vernünftigen Türken, die von ihrem Präsidenten übertönt werden, nicht vergessen. Eine Demokratie wie die deutsche darf sich von einem Autokraten wie Erdogan nicht alles bieten lassen. Doch sollte sie auch nicht die Rolle übernehmen, die er ihr in seinem Spiel um die totale Macht zuweisen will. Im Umgang mit Erdogan gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren – und tunlichst zu vermeiden, was ihm am 16. April auch noch helfen würde.

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