30.07.2008 · Die kolumbianische Guerrilla-Organisation Farc existiert seit 40 Jahren. Nach der Befreiung Ingrid Betancourts scheint sie geschwächt wie nie zuvor. Kolumbien hofft, sie endlich besiegen zu können.
Von Josef Oehrlein, Buenos AiresDie „Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens“ (Farc) haben in diesem Jahr so schwere Schläge einstecken müssen wie nie zuvor in ihrer vierzigjährigen Existenz. Deshalb ist die kolumbianische Regierung offenbar mehr denn je überzeugt, die Guerrilla-Organisation endlich besiegen zu können.
Außenpolitisch hat Bogotá daher eine neue Strategie eingeschlagen: Europäische Vermittlung ist nicht mehr erwünscht. Nach der vom kolumbianischen Militär raffiniert eingefädelten Befreiung Betancourts, dreier amerikanischer Staatsbürger und elf weiterer Geiseln Anfang Juli muss die kolumbianische Regierung keine Rücksicht mehr auf Frankreich nehmen. Die französische Regierung hatte stets verlangt, nichts zu unternehmen, was das Leben Betancourts gefährden könnte.
Harsche Absage an die Vermittlertätigkeit
So hat sich der neue kolumbianische Außenminister Jaime Bermúdez bei seinem Besuch in Paris in diesen Tagen zwar für französische Hilfsangebote höflich bedankt, aber zugleich betont, dass Frankreich nicht länger benötigt werde, um mit der Guerrilla zu verhandeln.
Das war einerseits eine Reaktion auf manche Ungeschicklichkeit der französischen Regierung bei früheren gescheiterten Versuchen, Ingrid Betancourt und die anderen Geiseln aus der Gewalt der Farc zu befreien; andererseits aber auch eine harsche Absage an die Vermittlertätigkeit dreier Personen aus Frankreich, Spanien und der Schweiz, die Kontakte zur Guerrilla unterhalten und versucht hatten, eine Freilassung der Geiseln zu erwirken.
Ein Netz von Informanten
Bogotá wirft dem französischen Mittelsmann Noël Sáez und dem Schweizer Jean-Pierre Gontard vor, unter dem Einfluss der Farc gestanden zu haben. Gontard soll nach Äußerungen des kolumbianischen Verteidigungsministers Juan Manuel Santos gar als Geldbote für die Terrororganisation bei der Zahlung von Lösegeld in einem Entführungsfall im Jahr 2000 tätig gewesen sein. Bewiesen ist all das bislang nicht, die Hinweise auf derlei mögliche Aktivitäten Gontards, eines Genfer Professors, stammen aus den Computern des Guerrilla-Anführers Raúl Reyes, die bei dem Angriff auf ein Farc-Lager Anfang März in Ecuador sichergestellt worden waren.
Die kolumbianische Regierung gibt Informationen aus den Datenträgern des Guerrilla-Chefs nur tröpfchenweise und wie es ihr opportun erscheint preis. Die jüngsten Enthüllungen sollen offensichtlich demonstrieren, in welchem Maß es Reyes gelungen war, in Europa ein Netz von Informanten und Sympathisanten zu unterhalten, meist unter dem Deckmantel gemeinnütziger ziviler Organisationen. So will die kolumbianische Regierung die Verbindungen der Guerrilla mit ihren europäischen Stützpunkten kappen.
Argwohn auf die Schweiz
Die Erkenntnisse aus den Rechnern von Reyes haben kürzlich zu der Verhaftung einer Farc-Repräsentantin in Spanien geführt und ein allem Anschein nach recht inniges Verhältnis der Guerrilla zur spanischen Terrororganisation Eta offenbart. Die Enttarnung eines Verbindungsmanns in der Schweiz hat darüber hinaus gezeigt, dass sich dort eine regelrechte Drehscheibe der Farc befand, über die die Guerrilla ihre europäischen Sympathisantengruppen finanzierte und sich möglicherweise auch Waffen beschaffte. Ein 39 Jahre alter vorgeblicher kolumbianischer Philosophieprofessor mit dem Decknamen Lucas Gualdrón wird von den kolumbianischen Behörden beschuldigt, auch bei den Kontakten zwischen Farc und Eta Mittelsmann gewesen zu sein.
In der Schweiz vermuten die kolumbianischen Geheimdienste noch mindestens fünf weitere Farc-Verbindungsleute. Das Land ist ein wichtiger Brückenkopf für die kolumbianische Guerrilla-Organisation geworden, weil es nicht zur EU gehört und deshalb auch nicht dem Verdikt unterliegt, die Guerrilla-Organisation als terroristische Vereinigung betrachten zu müssen. Schon deshalb richtet sich der Argwohn Bogotás auf die Schweiz. Die Anschuldigungen gegen den Vermittler Gontard werden von einigen Beobachtern als eine Art Repressalie gegenüber den Eidgenossen angesehen. Gontard wird von Kolumbien inzwischen auch verdächtigt, als Kurier zwischen den Farc und dem Gewährsmann Gualdrón tätig gewesen zu sein.
Angriffe als Ablenkungsmanöver
Die beiden Vermittler aus Frankreich und der Schweiz hatten bei der spektakulären Befreiungsaktion mit dem Decknamen „Schach“, die Betancourt und den anderen 14 Geiseln die Freiheit brachte, allerdings eine möglicherweise entscheidende Rolle gespielt - freilich ohne es zu wissen. In Kolumbien war bekannt, dass beide einige Tage zuvor mit den Farc über die mögliche Freilassung von Entführten gesprochen hatten. Die in die Farc eingeschleusten Militärs konnten daher den Bewachern der Geiseln glaubhaft machen, die Entführtengruppe müsse zum neuen obersten Anführer Alfonso Cano gebracht werden, um die Modalitäten für einen Austausch gegen gefangene Guerrilleros auszuhandeln. Diese Finte ermöglichte es, die Geiseln zu befreien.
Alain Délétroz, Europa-Vizepräsident der Nichtregierungsorganisation „International Crisis Group“, hält die Angriffe Bogotás auf den Schweizer Verbindungsmann für ein Ablenkungsmanöver. Die Vermittler seien vom kolumbianischen Militär regelrecht missbraucht worden, um die Operation als humanitäres Unternehmen zu kaschieren und die Farc-Kommandanten zu täuschen, sagte der Beobachter einer Schweizer Zeitung. Die Regierung Uribe versuche überdies, die Öffentlichkeit noch von anderen Manövern abzulenken, mit denen die Befreiungsaktion getarnt worden war, wie etwa der missbräuchlichen Benutzung der Embleme des Roten Kreuzes und der Fernsehgesellschaft „Telesur“.
Verrat zweier Anführer
Sogar Kritiker des konservativen Präsidenten Uribe und seiner Regierung sind jedoch geneigt, diese Tricks als illegale Mittel anzusehen, die der hehre Zweck der Geiselbefreiung schließlich geheiligt habe. Die Farc selbst bemühen sich, die Operation als Verrat zweier ihrer Anführer darzustellen, die Betancourt und die anderen Entführten bewacht hatten. Damit versucht die Guerrilla auch zu suggerieren, dass möglicherweise Geld geflossen sei oder dass die Behörden den beiden sonstige Vorteile gewährt hätten.
Die Zustimmung zu der Militäroperation war weltweit ungeteilt. Sogar der venezolanische Präsident Hugo Chávez, einer der schärfsten Kritiker Uribes, zollte Beifall. Die kolumbianische Regierung will den Sieg über die Guerrilla als ihr ureigenes Verdienst feiern. Auch das erklärt ihre Aversion gegen ausländische Mittelsleute, hatte doch Chávez demonstriert, wie der Selbstdarstellungsdrang eines Vermittlers mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen kann.
„Operation Schach“
Während der kolumbianische Verteidigungsminister betonte, die Befreiungsoperation sei zu hundert Prozent kolumbianisch gewesen, meinen viele Beobachter, dass Kolumbien ohne ausländische Hilfe den Coup der Geiselbefreiung nicht hätte zustande bringen können. Das Militär des Landes ist in den vergangenen Jahren vor allem durch die Vereinigten Staaten ausgerüstet und von amerikanischen Spezialisten trainiert worden. Bei der „Operation Schach“ wurde wahrscheinlich amerikanische Abhörtechnik benutzt. Zusätzlich sollen israelische Geheimdienstleute mit elektronischem Gerät die Stimmen von Farc-Kommandanten imitiert und damit die Bewacher der Geiseln getäuscht haben.
Der Schachzug der Befreiungsaktion könnte Präsident Uribe und seine Regierung glauben machen, die Farc-Guerrilla sei endgültig mit militärischen Mitteln zu besiegen. Das befürchten auch solche Beobachter, die den Erfolg des kolumbianischen Militärs bei der Zerschlagung der Organisationsstrukturen der Guerrilla sehr wohl anerkennen. Das „Sekretariat“, die Führungsgruppe der Farc, hat tatsächlich längst nicht mehr alle ihre „Fronten“ unter Kontrolle. Einige Einheiten wurden durch die Streitkräfte inzwischen regelrecht aufgerieben.
Geld aus dem Drogengeschäft
Die Farc-Führung versucht währenddessen, ihre Leute mit Durchhalteparolen bei der Stange zu halten. „Die wirklichen Kämpfer tauschen nicht die Berge des Vaterlandes und auch nicht ihre Überzeugungen gegen eine erniedrigende Verbannung in Übersee“, heißt es in einem Kommuniqué, in dem die Farc-Führung bestreitet, dass die Guerrilla besiegt sei. Sie lehnt den Vorschlag ab, bei einer Freigabe der restlichen 26 Geiseln im Austausch gefangene Guerrilleros ins Ausland ausreisen zu lassen. Frankreich hat sich bereit erklärt, die Rebellen aufzunehmen.
Die Farc haben ihre Kapazität, Nachwuchs zu rekrutieren, trotz aller Rückschläge nicht eingebüßt. Aber der Aderlass an erfahrenen Kämpfern, die reihenweise desertieren, hinterlässt immer deutlichere Spuren. Der Zerfall der Farc in eine Reihe marodierender Gruppierungen scheint sich kaum aufhalten zu lassen. Ein Teil der Guerrilla will sich offenbar dadurch retten, dass er sich als führende Kraft einer politischen Linksbewegung aufspielt; andere Fraktionen werden versuchen, wie bisher mit Geld aus dem Drogengeschäft zu überleben, und wieder andere werden als rein kriminelle Vereinigungen fortbestehen.
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
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