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Körperscanner Eine Frage der Technik, eine Frage der Ethik

16.06.2010 ·  Die EU-Kommission befürwortet die Einführung von Körperscannern an Flughäfen. Doch noch immer konkurrieren mehrere Messverfahren miteinander - mit unterschiedlichen Folgen für die Gesundheit. Auch Datenschutzbeauftragte haben Vorbehalte.

Von Kim-Björn Becker
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Geht es nach den Vorstellungen der Europäischen Kommission, dann könnten Körperscanner schon bald die herkömmlichen Metalldetektoren an europäischen Flughäfen ersetzen. Zu diesem Schluss kommt die Kommission in einem Bericht, den sie Dienstag in Brüssel vorstellte. Die Körperscanner sind in der Lage, Gegenstände zu identifizieren, die von Passagieren unter der Kleidung getragen werden. Diese Fähigkeit brachte ihnen die Bezeichnung „Nacktscanner“ ein. Auf diese Weise kann das Sicherheitspersonal feststellen, ob ein Fluggast Waffen oder andere Substanzen wie beispielsweise Plastiksprengstoff mit sich führt, ohne den Passagier zusätzlich von Hand abzutasten. „Heutige Metalldetektoren haben Schwächen beim Aufspüren von nichtmetallischen Gegenständen. Sie können daher eine zusätzliche manuelle Untersuchung der Passagiere nicht ersetzen, um zu vergleichbaren Ergebnissen zu kommen“, bilanziert das Kommissions-Papier.

Doch gibt es nach wie vor große Vorbehalte gegenüber den modernen Scannern. Mehrere technische Verfahren konkurrieren miteinander: Während in den Vereinigten Staaten und Großbritannien vor allem Geräte zum Einsatz kommen, die mit Röntgenstrahlung arbeiten („Backscatter“-Geräte), setzen viele europäische Flughäfen auf Testgeräte mit sogenannter Millimeterwellen-Strahlung. Diese Strahlung liegt mit ihrer Wellenlänge von einem bis wenigen Millimetern im Bereich von Mikrowellen-, Terahertz- oder niedriger Infrarotstrahlung.

Reflektierte Strahlen enthüllen versteckte Gegenstände

Die Funktionsweise ist in beiden Fällen ähnlich: Der zu untersuchende Passagier wird in einer Kabine gezielt einer Strahlung ausgesetzt, deren Wellenlänge so beschaffen ist, dass sie die Textilfasern der Kleidung durchdringt. Die Strahlen werden vom Körper reflektiert, Sensoren messen die Intensität der zurückgeworfenen Strahlen. Trägt die Person einen Gegenstand wie beispielsweise eine Waffe unter der Kleidung, würden die Strahlen dort anders reflektiert als am Rest des Körpers. Für das Sicherheitspersonal wären die Umrisse der Waffe dadurch klar erkennbar. Ähnliches gilt auch für andere Substanzen wie etwa Plastiksprengstoff, den Metalldetektoren nicht erkennen könnten.

Zusätzlich gibt es bei den Körperscannern, die mit Millimeterwellenstrahlung arbeiten, aber noch eine weitere Methode: Im Gegensatz zur aktiven Bestrahlung ist es möglich, über feine Sensoren lediglich die natürliche Strahlung des Menschen zu messen. Dadurch wäre die Strahlenbelastung bei der Sicherheitskontrolle gleich Null, allerdings liefern solche passiven Körperscanner deutlich ungenauere Messergebnisse. Versteckte Waffen oder gefährliche Substanzen würden dem Sicherheitspersonal nur mit einem wesentlich geringeren Kontrast auf dem Bildschirm angezeigt. „Dieses Verfahren ist für Flughäfen ungeeignet“, sagt Andreas Kotowski, Technischer Direktor des amerikanischen Herstellers Rapiscan. Das Unternehmen teilt sich den Weltmarkt mit den Firmen L-3 und Smiths Heimann. In den Vereinigten Staaten hat Rapiscan nach eigenen Angaben einen Marktanteil von etwa 30 Prozent. „Im Hinblick auf die Sicherheit sind Backscatter mit Röntgenstrahlung am besten geeignet, da sie die besten Ergebnisse liefern“, sagt Kotowski.

Was für die Sicherheit optimal ist, kann für die Gesundheit Gefahren bergen. „Bei einer Strahlenbelastung sollte immer der Nutzen gegen das Risiko abgewogen werden“, sagt Anja Schulte-Lutz vom Bundesamt für Strahlenschutz in Salzgitter. „Bei der Röntgenstrahlung sind schädigende Faktoren wissenschaftlich erwiesen, daher sollten sie an Flughäfen nicht zum Einsatz kommen.“ Und die Belastung addiere sich, sagt der Mediziner Jiri Silny, Leiter des Forschungszentrums für elektromagnetische Umweltverträglichkeit an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen: „Je stärker und je länger der Mensch Röntgenstrahlen ausgesetzt ist, desto größer ist die Schädigung der Zellen.“ Röntgenstrahlen haben eine kürzere Wellenlänge als die Mikrowellen- oder Terahertz-Strahlen der Millimeter-Scanner und dringen daher tiefer in die menschlichen Zellen ein. „Dort wird die in der Strahlung enthaltene Energie absorbiert“, sagt Silny. „Ist die Strahlungsenergie größer als die Energie, welche die Moleküle in den Zellen zusammenhält, können Zellinformationen und DNA zerstört werden.“

Gleichwohl arbeiten die vorwiegend in Amerika und Großbritannien eingesetzten Röntgen-Scanner mit einer wesentlich niedrigeren Strahlung als etwa medizinische Röntgengeräte. So sind die Körperscanner beispielsweise nicht in der Lage, den Körper komplett zu durchdringen und Knochen sowie innere Organe zu zeigen. Das britische Verkehrsministerium verglich die Strahlenbelastung durch die am Flughafen in Manchester eingesetzten Körperscanner der Firma Rapiscan mit der durchschnittlichen Belastung beim Fliegen durch natürliche kosmische Strahlung. Der Bericht kam zu dem Ergebnis, dass die Belastung durch sechs Scans in etwa eineinhalb Minuten Flugzeit entspricht.

Millimeterwellen-Strahlung gilt als harmlos

Überdies rechnete das Ministerium vor, dass die atmosphärische Röntgenstrahlung in Großbritannien den menschlichen Körper jedes Jahr so stark belastet wie etwa 16.000 Durchleuchtungen mit einem Röntgen-Körperscanner. Auch der nun präsentierte Bericht der Europäischen Kommission kommt zu dem Schluss, dass die Röntgenstrahlung von Körperscannern der täglichen Belastung weitgehend entspricht. „Dennoch muss die Belastung immer in der Summe betrachtet werden“, kritisiert der Mediziner Silny. „Vielflieger beispielsweise wären dann einer besonderen Belastung ausgesetzt.“

Im Gegensatz zur Röntgenstrahlung hat sich die Millimeterwellenstrahlung als weitgehend ungefährlich erwiesen. Fachleute kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass die von Millimeterwellen-Scannern verwendete Strahlung für den menschlichen Körper harmlos ist. „Es gibt bis jetzt keine Hinweise auf gesundheitliche Wirkungen, da die abgegebene Energie deutlich niedriger ist“, sagt Silny. Nicht auszuschließen sei, dass die Strahlung für die Menschen als leichte Wärme spürbar wird.

Wissenschaftler mehrerer europäischer Universitäten haben sich bereits im Jahr 2001 im Forschungsprojekt „Terahertz-Bridge“ zusammengeschlossen, um die Folgen von Millimeter-Strahlung auf den menschlichen Körper zu untersuchen. In einem Experiment bestrahlten sie Zellkulturen 20 Minuten lang ununterbrochen mit Terahertz-Strahlen - eine Veränderung innerhalb der Zellen konnten die Forscher dabei nicht feststellen. „Innere Organe können durch die Strahlen nicht erreicht werden“, bestätigt auch Anja Schulte-Lutz vom Bundesamt für Strahlenschutz. Die Behörde arbeitet darüber hinaus an einer eigenen Studie, bei der zwei verschiedene Sorten Hautzellen auf mögliche Genschäden durch „Terahertzstrahlung“ untersucht werden. Die Ergebnisse werden für Ende des Jahres erwartet.

Gleichwohl empfiehlt das Bundesamt für Strahlenschutz den Einsatz der passiven Messmethode, bei der bloß die körpereigene Strahlung gemessen wird. „Es ist immer das Verfahren mit der geringsten Belastung vorzuziehen. Im Bereich der Körperscanner wäre das die passive Technik“, sagt Anja Schulte-Lutz. Allerdings sind die Scanner vor allem im passiven Messverfahren wenig zuverlässig. „Die Technik kann leicht manipuliert werden. So kann beispielsweise ein verschwitztes Hemd die Strahlen so ablenken, dass ein darunter getragener Gegenstand auf dem Monitor nicht mehr erkennbar ist“, sagt Silny.

Während in Großbritannien vor allem Röntgen-Scanner eingesetzt werden, haben die übrigen europäischen Länder vorwiegend Millimeterwellen-Scanner im Test-Einsatz. Am Amsterdamer Flughafen Schiphol sind derzeit 17 solcher Geräte des amerikanischen Herstellers „L-3“ im Einsatz. Bis zum Ende des Jahres soll die Zahl auf 75 ansteigen. Seit Anfang Juni steht auch ein weiteres L-3-Gerät am Flughafen in Zürich. Die Passagiere können es im Rahmen der Erprobungsphase bis Ende Juli freiwillig benutzen oder sich nach wie vor konventionell abtasten lassen.

Neben den möglichen gesundheitlichen Folgen sind es vor allem ethische und datenschutzrechtliche Bedenken, die im Zusammenhang mit der Einführung von Körperscannern noch nicht abschließend gelöst wurden. „Da Körperscanner durch die Kleidung hindurch blicken können, ist ihr Einsatz ein größerer Eingriff in die Privatsphäre der Passagiere, als wenn sie weiterhin konventionell abgetastet würden“, sagt Julia Krumm, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsprojekt „Theben“ zur ethischen Begleitung von Terahertz-Detektionssystemen an der Universität Tübingen. „Die Aufnahmen stellen einen Eingriff ins Persönlichkeitsrecht dar, da sie beispielsweise körperliche Gebrechen wie Prothesen oder Implantate offenlegen. Das könnte dazu führen, dass die neue Technik einzelne Bevölkerungsgruppen von Flugreisen ausschließt, weil diese aus Scham keine solche Sicherheitskontrolle über sich ergehen lassen wollen.“ Deshalb fordert der Bericht der Europäischen Kommission alternative Überprüfungsmethoden für Behinderte oder besondere Risikogruppen wie etwa Schwangere und Kinder.

Ein Gerät kostet bis zu 200.000 Euro

Darüber hinaus sind Datenschützer besorgt über die neue Form der Datenerhebung, die mit der Einführung von Körperscannern einhergeht. „Es muss sichergestellt sein, dass die beim Einsatz der Körperscanner erhobenen Daten der Kontrollierten über den Scanvorgang hinaus nicht gespeichert werden. Auch die Anzeige der Körperkonturen gegenüber dem Kontrollpersonal und die Speicherung der erstellten Bilder über den Scanvorgang hinaus sind technisch auszuschließen“, schreiben die Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder in einer gemeinsamen Stellungnahme. Rapiscan-Entwickler Kotowski sieht diese Forderungen bereits erfüllt. „Theoretisch ist eine Speicherung der Daten natürlich machbar. Unsere Geräte verlassen das Werk aber so, dass es nicht möglich ist, die Bilder zu speichern. Dafür müsste die Software umfangreich geändert werden.“ Auch im Hinblick auf die Verfremdung der Nacktaufnahmen verweist Kotowski auf die Werkseinstellung seiner Geräte. Sie würden so ausgeliefert, dass die Bilder der Passagiere automatisch auf einen schematisch gezeichneten Avatar projiziert würden, ohne Einzelheiten zu zeigen. Dennoch sei es in Einzelfällen möglich, diese Einstellung zu ändern. „Dann muss ein Kunde aber schon gute Gründe mitbringen“, sagt Kotowski.

Bislang sind die Körperscanner, die Pro Stück zwischen 100.000 und 200.000 Euro kosten, weitgehend nur im Probebetrieb installiert worden. Nach Ansicht der Europäischen Kommission könnten die Scanner alle bisherigen Kontrollen ersetzen. Ein Scanvorgang dauert dabei pro Passagier zwischen 30 und 45 Sekunden. Fluggesellschaften befürchten aber, dass Körperscanner zusätzlich zu den bisherigen Kontrollen eingesetzt werden könnten und es dann zu Verzögerungen kommen würde. So rechnete der internationale Zusammenschluss der Fluggesellschaften (IATA) aus, dass die zusätzliche Kontrollzeit von 45 Sekunden Verspätungen zwischen drei und fünf Stunden hervorrufen könnte, weil die Passagiere nicht rechtzeitig am Flugsteig seien. „Auch wenn die Körperscanner nur 30 Sekunden brauchten, wäre das zu lang“, sagte ein Sprecher der IATA.

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