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Kirgistan Fruchtbarer Boden für Tod und Gewalt

15.06.2010 ·  Die Unruhen in Kirgistan drohen nun auch auf die Nachbarländer überzugreifen: Usbekistan will wegen des massiven Flüchtlingsansturms seine Grenzen schließen. Rettung soll aus Russland kommen, das über einen Militäreinsatz berät.

Von Michael Ludwig, Moskau
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Drei Ernten könnten im fruchtbaren Ferganatal jedes Jahr eingefahren werden, weil die Natur es mit dieser zentralasiatischen Region zwischen Tien-Schan-Gebirge im Norden und den Pamir-Alan-Bergen im Süden mit dem Menschen gut meint. Die Böden in diesem Gebiet, in dem auf gut 22.000 Quadratkilometern mehr als 20 Prozent der gesamten Bevölkerung Zentralasiens, hauptsächlich Usbeken, dicht beieinander siedeln, sind fruchtbar und der Fluss Syr Darja spendet reichlich Wasser für die Landwirtschaft. Aber seit Tagen hält in dem Teil dieser Ackerebene, der zu Kirgistan gehört, nur der Tod reiche Ernte. Allein in der Stadt Dschalalabad sollen nach Angaben der usbekischen Gemeinschaft dort seit Samstag etwa 700 Menschen getötet worden sein; in Osch, wo die Ausschreitungen in der Nacht von Donnerstag auf Freitag begonnen hatten, hatten die Usbeken schon am Samstag mehr als 500 gezählt.

Was am Anfang noch wie Kämpfe zwischen Volksgruppen aussah, bekam immer mehr den Charakter von Pogromen eines kirgisischen Mobs an der großen usbekischen Minderheit: Häuser werden angezündet, flüchtende Menschen willkürlich erschossen oder erschlagen. Zehntausende Usbeken sind auf der Flucht in den Teil des Ferganatals, der zu Usbekistan gehört. Ein weiterer Teil des Ferganatals gehört zu Tadschikistan, das ein ebenso fragiler Staat wie Kirgistan ist. Nur Usbekistan, das Land, dem Präsident Islam Karimow seit Jahren mit Gewalt politische Friedhofsruhe verordnet, scheint stabil zu sein. Aber unter der Oberfläche brodelt es dort ebenfalls seit langem. Dass die usbekische Regierung angekündigt hat, keine weiteren Flüchtlinge über die Grenze zu lassen, zeigt die Furcht des dortigen Regimes vor einem Überschwappen der Unruhen. Der usbekische Vize-Ministerpräsident Abdullah Aripow gab an, es seien bisher 45.000 Flüchtlinge aus dem Nachbarland registriert worden, das Internationale Komitee vom Roten Kreuz sprach dagegen von 80.000 Flüchtlingen, von denen 15.000 an der Grenze aufgehalten würden.

Pulverfass Ferganatal

Wenn Kirgistan in Folge der bewaffneten Unruhen im Süden im Chaos untergehe, so wird befürchtet, dann gebe es kein Halten mehr. Das zentralasiatische Pulverfass Ferganatal würde explodieren und auch die Staaten Usbekistan und Tadschikistan, deren Staatsführer sich spinnefeind sind, mit in den Abgrund reißen. Als einzige Macht, die das verhindern könnte, gilt Russland – dass die kirgisische Interimsregierung von Rosa Otunbajewa, die Anfang April in einem Volksaufstand im Norden gegen Präsident Kurmanbek Bakijew und dessen korrupte Sippe an die Macht kam, dazu nicht in der Lage ist, hat sie indirekt eingestanden, als sie schon am Samstag um die Entsendung russischer Truppen bat. Dieser Notruf entbehrte nicht der Ironie: Ausgerechnet Moskau, das von den Nachfolgestaaten der Sowjetunion immer misstrauisch beäugt und verdächtigt wird, Hegemonie anzustreben, wenn nicht gar das untergegangene Sowjetreich unter russischer Führung wiederherzustellen, nun der einzige mögliche Retter zu sein scheint.

Die von Russland geführte „Organisation des Vertrags über Kollektive Sicherheit (OVKS)“ erwägt in diesen Tagen nun auch ein militärisches Eingreifen. Präsident Dmitri Medwedjew sagte, die „derzeitige Situation in Kirgistan“ sei „untragbar“. „Menschen sterben, es fließt immer noch Blut, massive Gewalt wird durch Volkszugehörigkeit begründet“, zitierten ihn russische Nachrichtenagenturen. Die Unruhen seien für die „Region extrem gefährlich“. Deshalb sei es „notwendig, alles Mögliche zu tun“, damit „solche Handlungen“ aufhörten. Auch die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton forderte eine „internationale Antwort“ auf die Krise. In New York wurde der UN-Sicherheitsrat zu Beratungen über den Konflikt zusammengerufen. Das Gremium verurteilte die ethnischen Unruhen und rief zur Ruhe auf. Der Sicherheitsrat unterstütze die Bemühungen von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und regionalen Organisationen, „mit der Situation angemessen umzugehen“, hieß es am Montagabend in New York.

Der stellvertretende kirgisische Regierungschef Asimbek Beknasarow sagte am Montagnachmittag zwar, die Lage im Süden Kirgistans beruhige sich – doch auch in den vergangenen Tagen hatte die kirgisische Regierung immer wieder behauptet, sie sei dabei, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Beknasarow sagte, es sei in Gesprächen zwischen Vertretern der usbekischen und der kirgisischen Bevölkerung und der regionalen Staatsmacht sowie dem Militär gelungen, die kämpfenden Seiten in Dschalalabad und Umgebung dazu bringen, einer Entwaffnung zuzustimmen. Mehr noch: Kirgisen und Usbeken hätten vereinbart, dass in Dschalalabad gemeinsame Patrouillen gebildet werden sollen, die auf den Straßen für Ordnung und Sicherheit sorgen.

Gebrauch der usbekischen Sprache behindert

Doch zu einer dauerhaften Befriedung wäre eine Besserstellung der usbekischen Volksgruppe in Kirgistan der nächste notwendige Schritt, um den Staat zu festigen und Brandstiftern den Boden zu entziehen, die in der Sippe und unter den Anhängern des gestürzten Präsidenten Bakijew vermutet werden. Deren Beweggründe, die Volksgruppen aufeinander zu hetzten und den Staat an den Rand des Abgrunds zu bringen, seien gewesen, dass sie nach dem Sturz Bakijewes ihre Pfründen oder die Möglichkeit verloren hätten, am Drogenschmuggel aus Afghanistan zu verdienen. So wenigstens sehen es Beobachter der Katastrophe im Süden Kirgistans. Einer der Anführer der Unterwelt, die einem der Brüder Bakijews, Achmat Bakijew, bei der Kontrolle des Drogenschmuggels durch Kirgistan geholfen haben sollen, war der berüchtigte Verbrecher Ajbek Mirsidikow, der „Schwarze Ajbek“. Er soll schon bei den Unruhen Mitte Mai in Dschalalabad die Fäden gezogen haben und soll in den letzten Tagen vor seiner Ermordung vergangene Woche auch die Unruhen von Osch mit organisiert haben, die vergangene Woche keineswegs spontan ausgebrochen seien.

Andererseits lassen Analytiker in Kirgistan auch keinen Zweifel daran, dass der Staat bei der Aufgabe versagt habe, die Usbeken gleichberechtigt zu integrieren. So werde der Gebrauch der usbekischen Sprache, der Muttersprache von angeblich einer Million Staatsbürgern, behindert. Darüber hinaus würden die Usbeken sowohl auf regionaler als auch gesamtstaatlicher Ebene bei der Besetzung von Ämtern benachteiligt. Bereits nach dem jüngsten Machtwechsel hatten usbekische Organisationen im Süden Kirgistans gefordert, dass die neue Regierung, der sie Unterstützung zusagten, dies ändern müsse. Usbeken, ganz gleich welcher politischen Couleur, fordern inzwischen Quoten bei der Besetzung von Ämtern, entsprechend der Stärke der einzelnen Volksgruppen. Die Zahl der Usbeken nimmt wegen der höheren Geburtenrate im Vergleich mit den Kirgisen zu; überdies wandern immer mehr Kirgisen aus dem Süden in den Norden des Landes ab, wodurch sich die Balance im Süden zugunsten der Usbeken, die ohnehin schon sowohl in der Landwirtschaft des Ferganatals als auch auf den Märkten der Städte dominieren, noch zusätzlich verschiebt.

Bis an die Zähne bewaffnete Unruhestifter

Vor diesem Hintergrund dürfte es verhältnismäßig leicht gewesen sein, bei Kirgisen Bedrohungsängste zu schüren, die unter offenbar maßgeblicher Beteiligung von angeheuerten und bis an die Zähne bewaffneten Unruhestiftern in Gewalt umschlugen, die schließlich in einen allgemeinen Kampf aller gegen alle mündete.

Die Ereignisse dieser Tage erinnern aber auch an die Kämpfe zwischen Kirgisen und Usbeken vor zwei Jahrzehnten in Osch und Özgen, die allerdings fast ausschließlich sozial-ökonomische Gründe hatten. Damals ging es vor allem um den Besitz von Ackerland im dicht besiedelten Ferganatal.

Hass auf die usbekische Führung

Die Gefahr, die von den Unruhen in Kirgistan für die Nachbarstaaten und die gesamte Region ausgeht, besteht nicht nur darin, dass die Kämpfe von Kirgistan aus übergreifen oder dass Usbekistan, wie schon befürchtet wurde, sich veranlasst sehen könnte, militärisch zum Schutz der Usbeken in Kirgistan einzugreifen. Sowohl die islamische Befreiungspartei Hizb ut-Tahrir al Islami als auch bewaffnete Kämpfer der zu Taliban-Zeiten von Afghanistan aus operierenden Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU) warten auf ihre Chance. IBU-Kämpfer waren bereits 1999 und 2000 über Tadschikistan auf usbekisches und kirgisisches Gebiet im Ferganatal vorgedrungen. Es ging um die Destabilisierung Usbekistans unter dem Regime Karimows und um die Kontrolle der Rauschgiftroute. Im vergangenen Jahr kam es nach verschiedenen Berichten zu Scharmützeln zwischen kirgisischen, usbekischen und tadschikischen Sicherheitskräften mit aus Afghanistan eingedrungenen islamistischen Kämpfern und deren lokalen Bundesgenossen.

Hizb ut-Tahrir, die im gesamten Ferganatal starken Rückhalt in der Bevölkerung besitzt – auch in der usbekischen Bevölkerung im Süden Kirgistans –, propagiert zwar im Gegensatz zu den „Dschihadisten“ der IBU und deren Nachfolgeorganisationen nicht öffentlich Gewalt. Aber sie macht aus ihrem Hass auf die usbekische Führung keinen Hehl und ist für eine Revolution gegen Karimow , der den „wahren“ Islam unterdrücke. Ihr Ziel ist, im Ferganatal ein Kalifat, einen islamischen Gottesstaat, zu errichten. Schon deshalb ist auch Hizb ut-Tahrir am Untergang der bestehenden Staaten, zwischen denen das Ferganatal aufgeteilt ist, in hohem Maße interessiert. Der politische Bankrott der weltlichen Staaten, Instabilität und Chaos erst in Kirgistan und dann in den Nachbarländern der Region sind der Nährboden, auf dem die Prediger von Hizb ut-Tahrir das Kalifat entstehen sehen.

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Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

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