http://www.faz.net/-gpf-8lpnb

Kindesmissbrauch in Australien : An einem verfluchten Ort

Wider das Schweigen: An Kirchen in Ballarat erinnern Bürger mit bunten Bändern an Opfer. Bild: Till Fähnders

Im australischen Ballarat missbrauchten Priester und Lehrer jahrelang reihenweise Kinder. Bis heute weigern sich viele Bürger, der Wahrheit ins Auge zu sehen.

          Das australische Städtchen Ballarat ist auf Gold gebaut. Abenteurer, die auf der Suche nach schnellem Reichtum gekommen waren, hatten die Ortschaft Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet. Die gewaltigen Vorkommen im Buschland nördlich von Melbourne führten damals zu einem fiebrigen Goldrausch. Bis heute zeugen die verschnörkelten Fassaden aus der Zeit der britischen Königin Viktoria von diesem Reichtum. Ein bewaffneter Aufstand in Ballarat im Jahr 1854, mit dem Goldsucher sich mehr Rechte sichern wollten, wird sogar als Ursprung der australischen Demokratie gesehen. Man ist hier stolz auf diese Geschichte.

          Till  Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Jedoch liegt ein anderer Teil ihrer Vergangenheit wie ein dunkler Schatten über der ehemaligen Goldgräbersiedlung im Bundesstaat Victoria. In Ballarat fand einer der schlimmsten sexuellen Missbrauchsskandale in der Geschichte Australiens und der katholischen Kirche statt. Über Jahre hinweg hatten sich Priester, Mönche, Ordensleute, Lehrer und von der Kirche beschäftigte Laien an Minderjährigen vergangen.

          Kirche und Behörden vertuschten das ungeheure Ausmaß des Missbrauchs. Die Beschuldigten kamen nicht vor Gericht, sondern wurden meist nur an andere Orte versetzt. Den Opfern wurde nicht geglaubt, oder sie wurden unter Druck gesetzt. Eine ganze Generation von Kindern war betroffen, Kinder, die heute Erwachsene sind.

          Eines dieser Opfer hat sich als Treffpunkt ein Restaurant ausgesucht, das direkt am Bahnhof von Ballarat liegt. Es trägt den Namen „The Provincial“ und ist in einem Gebäude aus dem Jahre 1909 mit Türmchen auf dem Dach untergebracht. An einem der tischtuchbedeckten Tische sitzt ein kräftiger Mann mit weißem T-Shirt, Glatze und Ohrring. Andrew Collins ist im Alter von sieben bis 14 Jahren von vier verschiedenen Tätern missbraucht worden.

          Es waren ein Lehrer, ein Mönch, ein Priester und ein Mitglied des Laienordens Christian Brothers. Sie haben ihn unabhängig voneinander und zu unterschiedlichen Zeiten anal vergewaltigt, mit dem Finger penetriert oder betatscht. Einer seiner Peiniger setzte ihn zudem über Monate hinweg psychisch unter Druck. „Das war das schwerste Jahr meines Lebens“, sagt Andrew Collins, der heute 47 Jahre alt ist.

          „Wie wir heute sehen, arbeiten Pädophile zusammen“

          Seine Stimme ist sanfter, als man es angesichts seiner Statur erwartet. Jahrelang hatte er seine Geschichte weitgehend für sich behalten, rebellierte stattdessen gegen die Autoritäten. Nicht einmal seine Eltern hätten ihm geglaubt. „Sie sagten: Unsinn! Ein Mann Gottes würde so etwas nie tun“, berichtet Collins. Auch ein Lehrer tat seine Anschuldigungen ab. Doch mittlerweile kann er über seine Erfahrungen reden, auch wenn es weh tut und er danach manchmal tagelang nicht mehr aus dem Bett kommt.

          Als ehemaliges Opfer von Missbrauchsfällen ist Andrew Collins heute Sprecher einer der Opfergruppen, die sich in Ballarat zusammengefunden haben.
          Als ehemaliges Opfer von Missbrauchsfällen ist Andrew Collins heute Sprecher einer der Opfergruppen, die sich in Ballarat zusammengefunden haben. : Bild: Till Fähnders

          „Wenn es um Kindesmissbrauch geht, war Ballarat einer der schlimmsten Plätze auf der Welt“, sagt Collins. „Es gibt kaum eine Schule hier, an der nicht mindestens ein Pädophiler war. In den sechziger, siebziger und achtziger Jahren dürfte jedes Kind in Ballarat in irgendeiner Phase einem begegnet sein. So viele waren es. Wer damals nicht missbraucht wurde, der hat Glück gehabt“, sagt er. Eine Besonderheit sei, dass viele Opfer hier nicht nur von einem Täter angegangen wurden. „In Ballarat wurden die meisten Opfer von mehreren Tätern missbraucht. Manchmal, so wie in meinem Fall, kamen sie sowohl aus der katholischen Kirche als auch von außerhalb“, sagt der Australier.

          Andrew Collins vermutet, dass pädophile Priester und Laien untereinander Informationen austauschten. „Wie wir heute sehen, arbeiten Pädophile zusammen. Heutzutage tauschen sie sich über das Internet aus. Früher trafen sie sich persönlich“, sagt Collins. In seiner Selbsthilfegruppe hätten er und die anderen Opfer nach und nach immer mehr Verbindungen zwischen den verschiedenen Tätern in Ballarat entdeckt. Einige, die sich in Schulen, Waisenhäusern und kirchlichen Institutionen an Kindern vergangen haben, hätten sogar gezielt um Versetzung nach Ballarat gebeten. „Sie müssen gewusst haben, dass in Ballarat ein Ort war, an dem Menschen ungestraft Kinder missbrauchten“, sagt Collins.

          Ausmaß des Missbrauchs war erst durch Kommission bekannt geworden

          Der Australier ist heute Sprecher einer der Opfergruppen, die sich in Ballarat zusammengefunden haben. Um die Kultur des Schweigens zu brechen, hat er im vergangenen Jahr zum ersten Mal vor der Kommission ausgesagt, die von der Regierung mit der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche und anderen Institutionen beauftragt wurde. Eine ähnliche Kommission hatte schon in Irland die dortigen Missbrauchsfälle aufgearbeitet.

          Die australische Kommission hat schon mehr als 6000 private und viele öffentliche Sitzungen mit Opfern abgehalten. Sie ist das Forum, in dem sich Australien der Geschichte des Kindesmissbrauchs im eigenen Land stellt, in Ergänzung zu der juristischen Aufarbeitung.

          Erst durch die Untersuchungen der Kommission war das ganze Ausmaß des Missbrauchsskandals in Ballarat überhaupt bekanntgeworden. Ihr sei es zu danken, dass sich nun mehr Opfer trauten, aufzustehen und über den Missbrauch zu sprechen, sagt Collins. International bekanntgeworden ist die Kommission, als sie im Februar dieses Jahres den australischen Kurienkardinal George Pell per Videolink im Vatikan befragte.

          Der frühere Erzbischof George Pell bestreitet, dass er über Jahre von den Missbrauchsfällen gewusst, aber nicht der Polizei gemeldet hat.
          Der frühere Erzbischof George Pell bestreitet, dass er über Jahre von den Missbrauchsfällen gewusst, aber nicht der Polizei gemeldet hat. : Bild: dpa

          Der frühere Erzbischof von Sydney und Melbourne stammt aus Ballarat und war dort eine Zeitlang als Priester tätig. Er gehörte einst zu einem Kreis von Geistlichen, die den damaligen Bischof bei der Versetzung auffälliger Priester beraten hatten. Da Pell als Verantwortlicher für die Finanzen des Heiligen Stuhls und des Vatikans in der katholischen Kirche über erhebliche Macht verfügt, bekam der Fall mehr Aufmerksamkeit als je zuvor.

          Viele Menschen tun sich schwer, das Leid der Opfer anzuerkennen

          Pell bestreitet, dass er über Jahre von den Missbrauchsfällen gewusst, aber nicht der Polizei gemeldet hat. Collins war mit anderen aus seiner Opfergruppe extra nach Rom gereist, um die Anhörung am Ort zu verfolgen. Die Aussagen des Kardinals enttäuschten ihn. So sprach Pell nur von einem „katastrophalen Zufall“, der zu der Häufung von Missbrauchsfällen in Ballarat geführt habe. Dennoch sei es eine wichtige Erfahrung gewesen, die Missbrauchsgeschichte an diesem für die Kirche so wichtigen Ort zu thematisieren.

          Auch in Ballarat selbst tun sich immer noch viele Menschen schwer damit, das Leid der Opfer anzuerkennen. Seit seiner Aussage vor der Missbrauchskommission habe seine Familie den Kontakt zu ihm vollständig abgebrochen, sagt Collins. Sie hätten ihm vorgeworfen, er habe Schande über sie und die katholische Kirche gebracht. „Sie sind sehr religiös“, sagt er.

          Die Abwendung seiner Familie ist für ihn besonders schmerzhaft. Collins hat schon mehrere Therapien hinter sich. Dabei hat er alles andere als die Ausstrahlung eines gebrochenen Mannes. „Ich habe heute Tage, an denen ich alles tun könnte. Aber an manchen Tagen leide ich unter Depressionen. Ich weiß, dass es vorbeigeht, und erlaube mir selbst die Auszeit. Das Problem ist, dass ich nicht vorher weiß, wann solche Tage kommen“, sagt er. Jahrelang habe er sich in Arbeit gestürzt, teilweise habe er zwei Jobs gleichzeitig gehabt. Das war seine Methode, mit der Vergangenheit umzugehen. „Ich war ein Workaholic.“ Bis es eines Tages zum psychischen Zusammenbruch kam.

          Bunte Bänder sollen dem Schweigen etwas entgegensetzen

          Einen Grund für den schwierigen Umgang mit dem Missbrauch in Ballarat sieht er in der speziellen Atmosphäre seiner Heimatstadt. „Ballarat erinnert mich an eine Stadt der fünfziger Jahre. Es ist sehr traditionell. Man könnte auch sagen provinziell. Der Sohn eines Polizisten wird auch Polizist und dessen Sohn auch und so weiter“, sagt Collins.

          Die Kirche bekomme immer noch eine Menge Respekt und verfüge über Macht, die sie anderswo vielleicht nicht mehr habe. Und so ist von der Missbrauchsgeschichte auch in den historischen Stadtführungen durch Ballarat keine Rede. Sie wird auch nicht in den Broschüren thematisiert und spiegelt sich nicht in der Pracht der mit Tausenden Bäumen gesäumten „Avenue der Helden“, die den Gefallenen des Ersten Weltkriegs gewidmet ist.

          Nur ein Zeichen gibt es, das sich an diversen Orten des Missbrauchs findet. Es sind unzählige bunte Schleifen, die Menschen als Mahnung an die Zäune und Tore katholischer Kirchen, von Schulen und Gemeindeeinrichtungen gebunden haben. Die bunten Bänder, die lautlos im Wind flattern, sollen dem Schweigen etwas entgegensetzen. Es werde aber noch viele Jahre dauern, bis sich wirklich etwas ändert, glaubt Andrew Collins.

          Dutzende frühere Opfer hätten sich in den vergangenen Jahren das Leben genommen. Auch er hat drei Suizidversuche hinter sich. Die Selbstmordgedanken kehrten wieder, als einer der Täter, die ihn missbraucht haben, vor wenigen Tagen festgenommen wurde. Er soll kommende Woche endlich vor Gericht kommen. Ein anderer seiner vier Peiniger wurde bereits verurteilt, zwei sind gestorben, bevor sie angeklagt werden konnten.

          In Goldgräberzeiten habe es kaum Frauen in Ballarat gegeben

          Die Suizidgedanken seien eine der langfristigen Auswirkungen des Missbrauchs, der sich tief in die Psyche des Ortes eingebrannt habe, wie Collins glaubt. „Warum hat ein kleines Städtchen wie Ballarat so hohe Raten an Alkoholismus, Drogenmissbrauch, Gewalt und Kriminalität? All die Misshandlungen, die hier stattgefunden haben, haben einen Effekt. All die Selbstmorde, Toten, all das breitet sich langsam in der Gemeinde aus“, sagt er.

          Als der Ort noch ein Goldgräberstädtchen war, hätten vor allem Männer in den Minen gearbeitet, Frauen habe es kaum gegeben, sagt Collins. Gewalt war weit verbreitet. Auch sonst sei Ballarat gewissermaßen ein verfluchter Ort. In den Minenschächten unter der Stadt lägen noch die Überreste vieler ums Leben gekommener Goldsucher. „Man sagt, in Ballarat spukt es“, sagt Andrew Collins.

          Diese Dinge haben mit dem Kindesmissbrauch zwar wenig zu tun. Doch dass es sich bei der extremen Häufung von Fällen in Ballarat nur um einen Zufall handeln könnte, ist schwer zu glauben. Auf Antworten werden Andrew Collins und die anderen Opfer aber wohl noch warten müssen, bis die australische Kommission Ende des kommenden Jahres ihren Bericht vorlegt. Fast 300 Menschen aus ganz Australien melden sich jede Woche bei der Kommission. Sie hat Zehntausende Anrufe, E-Mails und Briefe bekommen.

          Die Aufmerksamkeit hat dazu geführt, dass selbst gegen den Kurienkardinal Pell mittlerweile Vorwürfe laut wurden. Ein paar Männer behaupten, als Jungen unsittlich von ihm berührt worden zu sein. Die Polizei soll Ermittlungen aufgenommen haben. Aber Collins mahnt zur Vorsicht. Bis das Gegenteil erwiesen sei, gelte die Unschuldsvermutung. Auch gegenüber dem Kurienkardinal aus Ballarat.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Gabriel besorgt um Stabilität des Libanon Video-Seite öffnen

          „Spiel mit dem Feuer“ : Gabriel besorgt um Stabilität des Libanon

          Nach Gesprächen mit seinem libanesischen Amtskollegen in Berlin sagte Gabriel am Donnerstag, der Libanon dürfe nach den Erfolgen der letzten Jahre nicht wieder destabilisiert werden. Der Außenminister rief die Länder der Region dazu auf, „das Spiel mit dem Feuer“ einzustellen.

          Topmeldungen

          Ernennung neuer Bundesrichter : Wie Trump Amerikas Justizsystem umbaut

          Von seinen Wahlversprechen hat Donald Trump noch nicht allzu viel erreicht. Aber seine Regierung verändert das Land schon tiefgreifend. Ein mächtiger Hebel ist besonders nachhaltig – und wird noch andere Präsidenten beschäftigen.

          Naher Osten : Droht ein Krieg gegen Israel?

          In einem Bericht kommen pensionierte Generäle zu dem Schluss, dass ein neuer Waffengang zwischen der Hizbullah und Israel nur noch eine Frage der Zeit sei. Darin wird die Schiitenmiliz als der „mächtigste nichtstaatliche bewaffnete Akteur in der Welt“ bezeichnet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.