Home
http://www.faz.net/-gq5-u8al
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kindersoldaten Die kindlichen Herren der Straße

06.02.2007 ·  Sie tragen Plastikschildchen mit Namen wie „Mr. Cool“ oder „Adolf Hitler“, und oft schließen sie sich aus Armut den Rebellen an. Zwar geht die Zahl der Kindersoldaten in Afrika zurück, doch das Phänomen an sich dürfte noch lange nicht gebannt sein. Von Thomas Scheen.

Von Thomas Scheen
Artikel Bilder (5) Video (2) Lesermeinungen (1)

Sie tragen Plastikschildchen mit Namen wie „Mr. Cool“ oder „Adolf Hitler“. Sie halten verrostete Kalaschnikows in ihren Händen und sind kostümiert mit Sonnenbrillen, Perücken, fingerlosen Handschuhen und großen Messern, die sie nonchalant im Hosenbund tragen. Die Straßensperre, die sie kontrollieren, haben sie mit Totenschädeln „geschmückt“.

Die bekifften Halbwüchsigen mit ihren Marihuana-Beuteln sind seit nunmehr vier Jahren die Herren auf den Straßen im Westen des Bürgerkriegslandes Elfenbeinküste, und mit ihrem ebenso aggressiven wie kindlich-dummen Auftreten erinnern sie in fataler Weise an jene Kindersoldaten, die vor wenigen Jahren Liberia und Sierra Leone in Schutt und Asche legten.

Kindersoldaten in Afrika auf dem Rückzug

Doch nun sind die halbwüchsigen Totschläger der Elfenbeinküste nahezu die letzten ihrer Art in Afrika. Lange Zeit war der Begriff „Kindersoldaten“ fast ausschließlich mit afrikanischen Konflikten verbunden, auch wenn die Zahl der kindlichen Krieger in Südamerika und Asien nicht wesentlich geringer ist. Bis auf die Elfenbeinküste und Norduganda aber ist das Phänomen der Kindersoldaten in Afrika auf dem Rückzug. Das hat freilich weniger mit der Einsicht der Kombattanten zu tun, dass Kinder in Ruhe zu lassen sind, sondern mit der Beilegung einiger großer Konflikte.

In Kongo etwa bediente sich der später ermordete Präsident Laurent-Desire Kabila Ende der neunziger Jahre sogenannter „Kadokos“, Minderjähriger aus dem Osten des Landes, um den Diktator Mobutu zu stürzen. Als dann Kabila gestürzt werden sollte, rekrutierten die Rebellengruppen ebenso ungehemmt Kinder. Heute aber hat Kongo die erste freie und pluralistische Wahl seiner Geschichte hinter sich, und Kindersoldaten trifft man nur noch ganz vereinzelt im Osten und Nordosten Kongos an. Einer der blutrünstigsten Kriegsfürsten aus der nordostkongolesischen Region Ituri, Thomas Lubanga, muss sich gegenwärtig in Den Haag unter anderem wegen der Rekrutierung von Kindern verantworten. Das hat andere vorsichtig werden lassen.

25.000 Kinder von der LRA entführt

In den beiden westafrikanischen Ländern Liberia und Sierra Leone, die in den neunziger Jahren exemplarisch dafür standen, zu welchen Monstern man Kinder machen kann, wenn man ihnen eine Waffe gibt und Drogen verabreicht, herrscht Frieden. Gleiches gilt für Angola wie weitgehend für den Konflikt zwischen Nord- und Südsudan.

Eine Kinderarmee im größeren Umfang unterhält zurzeit lediglich die ugandische Rebellengruppe „Lord Resistance Army“ (LRA), die jahrelang mit der Unterstützung Khartums aus Sudan heraus operierte. Die LRA entführte über Jahre gezielt Kinder aus dem nordugandischen Grenzgebiet, um sie anschließend als Kämpfer einzusetzen. 25.000 Kinder sollen nach Angaben von Unicef von der LRA entführt worden sein. Gleichwohl scheinen die Tage dieser Rebellengruppe ebenfalls gezählt, nachdem das Regime in Khartum dem LRA-Führer Joseph Kony neuerdings die Unterstützung versagt und Kony seither hektisch bemüht ist, Frieden mit Uganda zu schließen.

Armut macht sie zu Rebellen

Auch wenn das massenhafte Rekrutieren von Kindern für bewaffnete Konflikte auf dem Kontinent drastisch nachgelassen hat, dürfte das Phänomen an sich noch lange nicht gebannt sein. Der Grund dafür hängt mit der Armut und der Perspektivlosigkeit in der Mehrzahl der Länder zusammen. Die Hälfte der Bevölkerung Afrikas ist jünger als 18 Jahre und zu einem Leben verurteilt, das im besten Fall aus Handlangerjobs bestehen wird. Ein Jugendlicher indes, der sich als Kämpfer verdingt, verfügt sofort über eine Einnahmenquelle. Entweder er bezieht Sold, oder er hat Plünderungsrecht. In jedem Fall aber bekommt er Gelegenheit, sich und seine Familie zu versorgen.

Auch dafür sind sowohl Kongo als auch die Elfenbeinküste gute Beispiele. Die ersten Jugendlichen, die sich den Rebellen in der Elfenbeinküste anschlossen, waren die Schuhputzer und Laufburschen vom Markt in Korhogo, denen der Krieg die Kundschaft vertrieben hatte. Und wer heute ehemalige Kämpfer in Kongo fragt, warum sie sich dieser oder jener Rebellengruppe angeschlossen haben, wird schnell den Begriff des „rebelle de position“ hören. Will heißen: Man schloss sich halt der Rebellengruppe an, die gerade den Wohnort besetzt hielt und Jobs zu vergeben hatte.

Quelle: F.A.Z., 06.02.2007, Nr. 31 / Seite 7
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.

Jüngste Beiträge

Die halbe Wahrheit

Von Stefan Tomik

Als das Internet auf die Welt kam, wurde es mit Heilserwartungen überfrachtet: die neue Technologie werde die Gesellschaft bessern. Das war naiv. Die Menschen nutzen das Netz für ihre Interessen - und bleiben dabei, wie sie sind - zuweilen heuchlerisch und intrigant. Mehr