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Korea-Kommentar : Eigennützige Signale der Entspannung

Ein Mann verfolgt in einem Bahnhof in Seoul die Neujahrsansprache des nordkoreanischen Machthabers Kim Jon-un. Bild: AFP

Der Wunsch nach Einheit ist in Korea viel ausgeprägter, als er es vor der Wiedervereinigung in Deutschland war. Seoul sollte unbedingt mit dem Norden sprechen – aber ohne Naivität.

          Im geteilten Korea wird von beiden Seiten propagiert, was im geteilten Deutschland spätestens seit den sechziger Jahren nur noch im Westen politisch gewollt war: die Wiedervereinigung. Diese ist in Wirklichkeit zwar mindestens so unrealistisch wie im damaligen Deutschland. Aber der Wunsch nach Einheit ist in Korea viel ausgeprägter, als er hierzulande war. Deshalb war es ein geschickter Schachzug, dass der nordkoreanische Staatsführer Kim Jong-un in seiner Neujahrsansprache zwar einerseits die Vereinigten Staaten verdammt hat, andererseits aber für die Landsleute im Süden und sogar für deren Regierung freundliche Worte fand.

          In Seoul rennt Kim Jong-un mit seinen Avancen weit offene Türen ein. Seit seiner Wahl versucht Präsident Moon Jae-in, den abgerissenen Gesprächsfaden zwischen Süd und Nord wiederaufzunehmen. Bislang hatte ihn der Norden mit Verachtung gestraft, weil man sich dort nur auf Gespräche mit Washington einlassen wollte – sozusagen von Atommacht zu Atommacht. Wenn es jetzt zu Gesprächen käme oder nordkoreanische Sportler an den Olympischen Winterspielen teilnähmen, wären das positive Signale, die einer allgemeinen Entspannung den Weg bereiten könnten.

          Das kann, muss aber nicht so kommen. Und daran ist nicht der Polterer im Weißen Haus schuld, der sich bisher glücklicherweise zurückhält. Die Motive Kim Jong-uns für die Freundlichkeiten gegenüber Südkorea sind alles andere als uneigennützig. Pjöngjang erweckt den Eindruck, als könne es mit dem Süden aus einer Position der (nuklearen) Stärke heraus sprechen, Seoul also zu größeren Zugeständnissen nötigen.

          Es wird zweierlei deutlich. Einmal will Kim Jong-un einen Keil in das Bündnis zwischen Südkorea und den Vereinigten Staaten treiben, was nicht sehr schwer sein sollte, denn beliebt ist Amerika in Korea nicht. Zum Zweiten ist der Annäherungsversuch an Südkorea nur die logische Fortsetzung der atomaren Aufrüstungspolitik mit anderen Mitteln.

          Letztere dient als Lebensversicherung Kims. Sollte der Süden ihm unter die Arme greifen, hätte der Diktator das erreicht, von dem seine Vorfahren träumten: Militärisch unangreifbar, wirtschaftlich alimentiert, stabil an der Macht. Seoul sollte unbedingt mit dem Norden sprechen. Aber es sollte jene Naivität, die die frühere „Sonnenscheinpolitik“ zuweilen prägte, tunlichst vermeiden.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

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