http://www.faz.net/-gpf-95fw3

Korea-Kommentar : Eigennützige Signale der Entspannung

Ein Mann verfolgt in einem Bahnhof in Seoul die Neujahrsansprache des nordkoreanischen Machthabers Kim Jon-un. Bild: AFP

Der Wunsch nach Einheit ist in Korea viel ausgeprägter, als er es vor der Wiedervereinigung in Deutschland war. Seoul sollte unbedingt mit dem Norden sprechen – aber ohne Naivität.

          Im geteilten Korea wird von beiden Seiten propagiert, was im geteilten Deutschland spätestens seit den sechziger Jahren nur noch im Westen politisch gewollt war: die Wiedervereinigung. Diese ist in Wirklichkeit zwar mindestens so unrealistisch wie im damaligen Deutschland. Aber der Wunsch nach Einheit ist in Korea viel ausgeprägter, als er hierzulande war. Deshalb war es ein geschickter Schachzug, dass der nordkoreanische Staatsführer Kim Jong-un in seiner Neujahrsansprache zwar einerseits die Vereinigten Staaten verdammt hat, andererseits aber für die Landsleute im Süden und sogar für deren Regierung freundliche Worte fand.

          In Seoul rennt Kim Jong-un mit seinen Avancen weit offene Türen ein. Seit seiner Wahl versucht Präsident Moon Jae-in, den abgerissenen Gesprächsfaden zwischen Süd und Nord wiederaufzunehmen. Bislang hatte ihn der Norden mit Verachtung gestraft, weil man sich dort nur auf Gespräche mit Washington einlassen wollte – sozusagen von Atommacht zu Atommacht. Wenn es jetzt zu Gesprächen käme oder nordkoreanische Sportler an den Olympischen Winterspielen teilnähmen, wären das positive Signale, die einer allgemeinen Entspannung den Weg bereiten könnten.

          Das kann, muss aber nicht so kommen. Und daran ist nicht der Polterer im Weißen Haus schuld, der sich bisher glücklicherweise zurückhält. Die Motive Kim Jong-uns für die Freundlichkeiten gegenüber Südkorea sind alles andere als uneigennützig. Pjöngjang erweckt den Eindruck, als könne es mit dem Süden aus einer Position der (nuklearen) Stärke heraus sprechen, Seoul also zu größeren Zugeständnissen nötigen.

          Es wird zweierlei deutlich. Einmal will Kim Jong-un einen Keil in das Bündnis zwischen Südkorea und den Vereinigten Staaten treiben, was nicht sehr schwer sein sollte, denn beliebt ist Amerika in Korea nicht. Zum Zweiten ist der Annäherungsversuch an Südkorea nur die logische Fortsetzung der atomaren Aufrüstungspolitik mit anderen Mitteln.

          Letztere dient als Lebensversicherung Kims. Sollte der Süden ihm unter die Arme greifen, hätte der Diktator das erreicht, von dem seine Vorfahren träumten: Militärisch unangreifbar, wirtschaftlich alimentiert, stabil an der Macht. Seoul sollte unbedingt mit dem Norden sprechen. Aber es sollte jene Naivität, die die frühere „Sonnenscheinpolitik“ zuweilen prägte, tunlichst vermeiden.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Veteranen hoffen auf Verständigung Video-Seite öffnen

          Korea-Gipfel : Veteranen hoffen auf Verständigung

          Am 38. Breitengrad kommen am Freitag erstmals der südkoreanische Präsident Moon Jae-in und Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un zusammen. Seit 65 Jahren schweigen die Waffen auf der koreanischen Halbinsel, doch Kriegs-Veteranen leiden bis heute unter ihren Traumata.

          Zwischen beiden Koreas Video-Seite öffnen

          Treffen der Staatschefs : Zwischen beiden Koreas

          Im Grenzort Panmunjom soll es eine erste Gesprächsrunde geben. Nach Abschluss der Begegnung werden Moon und Kim ein Abkommen unterzeichnen und sich mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit wenden.

          Topmeldungen

           Amazon-Chef Jeff Bezos und seine Ehefrau MacKenzie Bezos in dieser Woche in Berlin

          Handel und Cloud-Dienste : Amazon verdoppelt Gewinn

          Der Online-Händler legt glänzende Zahlen vor, und Vorstandschef Jeff Bezos wird immer reicher. Das ist aber nicht in erster Linie dem traditionellen Kerngeschäft zu verdanken.
          Gute Arbeitsatmosphäre war gestern:  Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg (rechts) neben seinem Innenminister Thomas Strobl (CDU) im Stuttgarter Plenarsaal.

          Grün-Schwarz im Ländle : Verwelkte Anziehungskraft

          Wenn die Grünen der Juniorpartner einer führungsstarken CDU wären, wäre die Kompromissfindung einfacher. Woran liegt das? Eine Analyse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.