08.07.2005 · Mit seinem Parteifreund Tony Blair lag Londons Bürgermeister Ken Livingstone, genannt „roter Ken“, meist über Kreuz. Die Anschläge haben die beiden Labour-Politiker einander nun nähergerückt.
Von Bernhard Heimrich, LondonSeit dem Anschlag vom 11. September 2001 auf New York hatten die Londoner darauf gewartet, daß „es“ auch hier passiert. Als der böse Tag kam, war der damalige New Yorker Oberbürgermeister Rudi Giuliani ganz zufällig in London und der Londoner Oberbürgermeister Livingstone nicht ganz zufällig in Singapur.
Giuliani hörte sogar den ersten Knall beim englischen Frühstück in seinem Hotel in der Nähe von Londons „Ground Zero“. Der New Yorker nahm die Gelegenheit wahr, den Londonern seinen Rat von damals zu wiederholen: „Leben Sie normal! Lassen Sie die Terroristen nicht gewinnen!“ Die U-Bahn, jetzt Schauplatz des Terrors vom „Siebten Siebten“, hatte die beiden Stadtoberhäupter schon früher einander nähergebracht. Livingstone hatte New York den Verkehrsfachmann Kiley ausgespannt. Er soll ihm helfen, den notleidenden Londoner Untergrundbetrieb zu erneuern. Der olympische Sieg und die akut gewordene terroristische Drohung haben diese Aufgabe gleich zweimal dringender gemacht. Sie werden überhaupt das ganze Londoner System bis zum Zerbrechen testen.
Der „rote Ken“
Auch einem anderen Politiker hat das gemeinsame Unglück Livingstone plötzlich nähergerückt: dem Premierminister Blair. Ken Livingstone, der „rote Ken“, ist ein eigensinniger Sohn Labours, der immer mal wieder verlorengeht und immer mal wieder zurückkehrt. Den farbigen Namen hatte er sich verdient, als ganz Labour noch rot war und beispielsweise der von Labour regierte Londoner Stadtteil Lambeth, in dessen Palast der Erzbischof von Canterbury amtiert, eine „atomwaffenfreie Zone“ wurde.
„Red Ken“, ein gestandener Linker mit ungefälschtem Stammbaum, Sohn eines Fensterputzers und einer Platzanweiserin, hatte vor Jung Tonys „drittem Weg“ und dieser ganzen Schickeria so wenig Ehrfurcht, daß er Blairs „New Labour“ sein eigenes Idealbild der Partei entgegenstellte: „Newt Labour“. Denn der Newt, der Molch, ist sein Lieblingstier.
Gegen die Partei gewonnen
Zum offenen Bruch kam es, als Livingstone sich bei der Wiedererweckung des Amtes des Londoner Oberbürgermeisters 2000 gegen die Partei stellte, deshalb ausgeschlossen wurde - und dennoch gewann. Oder besser, er hatte gerade deshalb gewonnen, denn der Überdruß der Öffentlichkeit am Kontrollzwang des Labour-Parvenüs Blair hatte ein Ventil gesucht.
Betreten haben Blair und die Partei den roten Ken vier Jahre später wiederaufgenommen, damit er Labour bei seiner unvermeidlichen Wiederwahl nicht zum zweitenmal blamierte. Seither haben Ken und Tony einander immer wieder einmal falsch angelächelt. Die Erschütterungen dieser Woche, die freudige wie die düstere, machen daraus vielleicht zum erstenmal ein authentisches Gefühl der Zusammengehörigkeit.
Über den Privatmann Livingstone weiß man wenig. Auch die drei Frauen seines Lebens - eine Ehefrau bis 1982, eine Partnerin bis 2001 und eine andere seither, die den Siebenundfünfzigjährigen zum Vater machte - sind verschwiegen. Und seine Lieblingsfarbe ist gar nicht das kämpferische Rot, sondern ein unentschlossenes Graubeige, wie seine notorischen elefantenfarbenen Anzüge.