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Kelly-Affäre "Irak-Dossier eine Woche vor Veröffentlichung verändert"

12.08.2003 ·  BBC-Journalist Andrew Glligan hat als Zeuge bei der Untersuchung, in der Lordrichter Hutton die Hintergründe des Selbstmords von David Kelly aufhellen soll, seine Vorwürfe gegen die britische Regierung bekräftigt.

Von Bernhard Heimrich, London
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Andrew Gilligan, der BBC-Journalist im Mittelpunkt der Kontroverse um die Informationspolitik der Regierung Blair vor dem irakischen Feldzug, hat am Dienstag in London seine Aufzeichnungen erläutert und seinen Standpunkt bekräftigt. Er war der erste Zeuge am zweiten Tag der Untersuchung, in der Lordrichter Hutton die Hintergründe des Selbstmords von David Kelly am 17. Juli aufhellen soll.

Der Mikrobiologe Kelly, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums, war der Gewährsmann für einen Bericht des BBC-Rundfunks, die Regierung habe Geheimdienstmaterial „nachgebessert", um dem widerstrebenden Parlament und der Öffentlichkeit den Feldzug plausibler zu machen. Eine weitere BBC-Journalistin, die in einer Fernsehsendung ähnlich berichtet hatte, konnte nicht nur eigene Aufzeichnungen vorlegen, sondern auch Mitschnitte von Telefongesprächen mit Kelly. Beide Zeugen beharrten, Kelly sei beunruhigt gewesen über die Art und Weise, wie die Regierung die Hinweise des Geheimdienstes für ihre Öffentlichkeitsarbeit benutzt habe.

Brisante Aufzeichnungen

Bei seinem entscheidenden Gespräch mit Kelly im Mai hatte Gilligan mitgeschrieben: „Verändert eine Woche vor Veröffentlichung. Klassisches Beispiel die 45 Minuten. Campbells Name genannt. Eingefügt gegen unsere Wünsche." Die Stichworte betreffen das Dossier mit Material des Geheimdienstes, das die Regierung Blair am 24. September letzten Jahres veröffentlicht hatte.

Kern dieser Darlegung war die Behauptung, das Regime in Bagdad könne innerhalb von 45 Minuten Massenvernichtungswaffen einsetzen. Nach Gilligans Darstellung hatte Kelly ihm erläutert, diese Behauptung sei entgegen den Vorstellungen des Geheimdienstes in dieser prominenten Weise präsentiert worden, und dabei habe vor allem Premierminister Blairs Kommunikationsdirektor Campbell mitgewirkt.

Widersprüche in Regierungsdarstellung

Die Regierung hat dem von Anfang an heftig widersprochen und dargelegt, sie habe das Dossier nicht „nachgewürzt", und der Geheimdienst stimme mit dem veröffentlichten Text vollständig überein. Dieser Standpunkt hatte freilich schon im Lauf der ersten Befragungen am Montag einen zweifachen Widerspruch erfahren. Nach der einleitenden Befragung eines früheren UN-Waffeninspekteurs, mit dem Kelly 1991 im Irak gearbeitet hatte, hatten leitende Beamte das Wort: Richard Hatfield, der Personalchef des Verteidigungsministeriums; Martin Howard, der stellvertretende Leiter der Geheimdienstabteilung des Ministeriums; Patrick Lamb, der stellvertretende Leiter der Abteilung des Außenministeriums, die sich mit der Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen beschäftigt; und Julian Miller, ein leitender Beamter des Verbindungsstabes zum Geheimdienst im Kabinettsbüro.

Dabei war nicht nur bestätigt worden, daß Kelly ein international anerkannter Fachmann auf seinem Gebiet war und die höchste Sicherheitsstufe des Geheimdienstes besaß. Sogar die amerikanische CIA habe seine Mitarbeit angefordert. Zutage kam auch, daß zwei weitere leitende Mitarbeiter des Geheimdienstes ähnlich beunruhigt waren wie Kelly und ihren Widerwillen gegen die Behandlung des Materials durch die Regierung intern zu Protokoll gegeben hatten. Das widersprach der Version, die am Beginn der Affäre von der Regierung in Umlauf gebracht worden war: Kelly sei ein unwichtiger "mittlerer Beamter", der nicht gewußt haben könne, über was er rede. Inzwischen ist ergänzend angedeutet worden, Kelly sei unzufrieden gewesen, weil er nicht befördert worden sei und seit drei Jahren keine Gehaltserhöhung bekommen habe.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.08.2003, Nr. 186 / Seite 2
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Von Timo Frasch

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