01.09.2003 · Nach dem Abschied seines „Kommunikationsdirektors“ Alastair Campbell wird es allmählich einsam um Tony Blair, den die Vertrauten der ersten Stunde verlassen haben.
Von Bernhard Heimrich, LondonIn der Downing Street wird kein Zimmer frei. Der Wechsel im Amt des "Kommunikationsdirektors" von Alastair Campbell zu David Hill wird so reibungslos inszeniert, wie das politische Gesetz des schönen Scheins es vorschreibt. Der Scheidende wird während der Wochen seiner Kündigungsfrist einige persönliche Dinge vom Schreibtisch einpacken, der Nachfolger wird ein paar neue Staubfänger mitbringen. Doch für Tony Blair wird es in den Iden des Septembers scheinen, als würden sein Haus und seine Regierungszeit ausgeräumt.
Freund Alastair ist der letzte jener Runde von Verschworenen, die einmal aufgebrochen waren, die Labour Party neu zu erschaffen. Allmählich wird es einsam. Genaugenommen ist Alastair natürlich nur der vorletzte, denn über New Labour strahlt ja immer noch das Zweigestirn Tony Blair und Gordon Brown. Gerade das macht es aber nicht einfacher. Der Verlust Campbells läßt den Premierminister und seinen Schatzkanzler oder den Kanzler und seinen Premier einander wieder so nahe kommen wie 1983, als sie gemeinsam in das Unterhaus eingetreten waren. Da hatte sich auch kein Gefolge von Freunden zwischen ihnen getummelt. Aber damals waren sie selbst noch Freunde gewesen.
"Tony's Cronies"
Von "Tony's Cronies" der ersten Stunde amtiert heute nur noch der unbekannteste: Charles Falconer, derzeit Minister für Verfassungsfragen. Tony und Charles waren schon Freunde, als sie in Schottland noch zur Schule gingen. Als Falconer 1997 ebenfalls in die Politik wechseln wollte, scheiterte die Suche nach einem Mandat, denn für die Labour Party von damals war der erfolgreiche Anwalt zu "fein" geworden.
Nach dem Wahlsieg revanchierte sich der junge Premierminister Blair, indem er den Freund auf ebendie feine britische Art kurzerhand zum Abgeordneten machte, nämlich zum Mitglied des Oberhauses. So wurde "Champagner-Charlie" der erste, für den sich das Wort von "Tony's Cronies" einbürgern sollte. Hochdeutsche Übersetzungen klingen ein wenig hölzern, besser trifft das bayerische "Spezi", vielleicht mit einer Beimischung von sinistrer neudeutscher "Seilschaft".
Mandelson, Campbell und die Erneuerung Labours
Wer beim Blick auf die Regierung Blair "sinister" sagte, hatte zuerst Peter Mandelson gemeint, nicht Alastair Campbell. Campbell war zwar schon seit 1994 Pressesprecher des Parteichefs Blair, doch Mandelson hatte zuvor die Intrige angesetzt, die ihn überhaupt erst zum Parteichef machte. In ihrer Rolle bei der Erneuerung Labours sind Mandelson und Campbell so etwas wie Zwillinge. Campbell, dem Journalisten, wird die Idee zugeschrieben, den ominösen "Artikel vier" aus dem Parteiprogramm zu streichen, der hundert Jahre lang die Vergesellschaftung der Produktionsmittel verheißen hatte.
Doch Mandelson, der Werbefachmann, hatte noch früher einen vielleicht noch besseren Einfall gehabt: Er gab der Partei ein neues Markenzeichen, die rote Rose. Nach dem Sieg hat Mandelson die Runde auch als erster verlassen, sogar gleich zweimal. 1998 war eine persönliche finanzielle Angelegenheit der Grund, 2001 eine Affäre wegen eines Passes für einen reichen indischen Gönner der Partei. Doch in der Geschichte New Labours waren das Betriebsunfälle, nicht Schicksalstermine. Da könnte Campbell Mandelson zu guter Letzt doch einmal den Rang ablaufen.
Neuer Elan Mandelsons
Aber vielleicht ist das Rennen jetzt wieder offen. Je länger die Gesichter in der Downing Street werden, um so unbeschwerter scheint der neue Elan, den Mandelson an den Tag legt. Der Sitz auf den Hinterbänken der Fraktion ist von Anfang an zu klein gewesen; allein im vergangenen Jahr hat Mandelson mehr Einladungen in die weite Welt wahrgenommen und mehr Spesen verwirtschaftet als jeder andere Abgeordnete ohne Regierungsamt. Sei es Europa, sei es der Irak, sei es der dritte Weg oder seine spirituelle Nachfolge, das "progressive Regieren" - unermüdlich wirft der getreue Peter sich öffentlich in die Schanze für seinen alten Freund Tony. Hofft er am Ende auf eine dritte Chance, ihn zu enttäuschen? Selbst der Privatmann Mandelson wirkt irgendwie rundumerneuert; kürzlich hat er sich sogar zum erstenmal mit seinem jungen brasilianischen Gefährten zu einem öffentlichen Engagement angesagt.
Ein anderer Abschied von der Downing Street ist schon fast vergessen, und der Name war im Treibhaus von Westminster ohnehin bekannter als in der Außenwelt: Anji Hunter. Doch vielleicht ist der Verlust seiner alten Freundin Anji für Blair immer noch der schmerzlichste von allen. In ihrem heimlichen Rang war Frau Hunter Alastair Campbell ebenbürtig. Frau Hunter und Tony Blair kennen einander seit der Schulzeit und aus Oxford, und als Mitarbeiterin hat sie Blair länger begleitet als jedes andere Mitglied seines Stabes, hauptberuflich seit 1988.
Erster freiwilliger Austritt aus dem Orden um "Tony"
Das Vertrauensverhältnis muß einzigartig gewesen sein, gerade weil Anji und Tony immer nur Freunde waren. Das ist aber auch die einzige Einschränkung ihrer Rolle als "der anderen Frau" in Blairs politischem Lebenslauf. Ungezogene Beobachter hatten seinerzeit allenfalls den Eindruck, sogar Anjis Mann, ein Landschaftsgärtner, sehe aus wie Blair. Ihnen würde jetzt wahrscheinlich auch auffallen, daß Frau Hunter seit dem Abschied mit einem Fernsehjournalisten ausgeht, der dem Premierminister nicht unähnlicher sein könnte.
Auch zwei Jahre nach Frau Hunters lukrativem Wechsel in die Privatwirtschaft hängt dem Vorgang immer noch ein Hauch von rätselhafter Bitterkeit an und auch von Geschichte. Es ist schließlich der erste freiwillige Austritt aus dem Orden um "Tony" gewesen, das erste Zeugnis einer Enttäuschung. Anji, Peter und Alastair waren so etwas wie Tonys drei Musketiere, und Anji ist die erste, die von sich aus den Federhut genommen hat. Man erzählt, der Grund sei ein Zerwürfnis unter den Frauen am Hof der Blairs gewesen, unter den Nornen der Downing Street. Jedenfalls wurde Frau Hunters Kollegin Sally Morgan ihre Nachfolgerin. Aber auch Frau Blair soll nicht halb so bedrückt gewesen sein wie der Premierminister.
Heikles Dreiecksverhältnis
Überhaupt sollte man die Rolle der Frauen nicht leichtfertig abtun. Erst ihr Spiegelbild in den Boudoirs macht eine komplizierte politische Geschichte vollends komplex oder überraschend einfach. Die Rede ist vom heiklen Dreiecksverhältnis zwischen Cherie Blair, Fiona Millar und Cheries "anderer Frau" Carole Caplin. Frau Millar ist die offizielle Beraterin der Frau des Premierministers und von altem Labour-Stamm, ihr Vater war ein Freund von Aneurin Bevan. Frau Caplin dagegen ist unpolitisch, sie pflegt fachlichen Umgang mit Wunderheilerinnen. Cherie bezahlt Carole aus der eigenen Tasche. Verächterinnen nennen sie "Cheries Guru". Als Campbell sie zum erstenmal aus der Dienstwohnung der Blairs herunterkommen sah, sagte er: "Diese Frau kommt mir nicht wieder ins Haus." Sie kam "ihm" aber immer wieder.
Letztes Jahr hatte sie Cherie mit einem mehrmals vorbestraften australischen Betrüger bekannt gemacht. Der Tausendsassa schaffte es nicht nur, Carole zwischen Einreise und Deportation flugs zur angehenden Mutter zu machen, sondern verhalf Frau Blair auch noch zu einem einträglichen Immobiliengeschäft. Die Affäre war vor allem für Tony Blair unermeßlich peinlich.
Kein Schaden für die Freundschaft
Doch die Freundschaft, ja Seelenverwandtschaft zwischen Cherie und Carole hat die Anfechtung ohne Schaden überstanden. Amateurpsychologen wollen sogar einen gewissen Trotz erkennen. Jüngst beim Damenprogramm zum Staatsbesuch des russischen Präsidenten Putin hat die Gattin des Premierministers jedenfalls ihre Freundin Carole zur privaten Modenschau mitgenommen, nicht ihre Freundin Fiona. Kurzum, Fiona Millar hat eines Tages zu Hause verkündet, diesen Job in der Downing Street werde sie aufgeben.
Inoffizielle Familie in Campbells offizieller Version
"Zu Hause" aber ist in diesem Fall Alastair Campbell. Fiona und Alastair haben nie geheiratet, sind aber fast ein Leben lang zusammen. Längst wirft er den größeren Schatten, aber als der angehende Journalist sich noch rundum für Nachtschichten verdingen mußte, war sie die Erfolgreichere gewesen. Fiona und ihre Mutter hatten Alastair auch beschützt, als ein psychischer Zusammenbruch ihn aus der Bahn schleuderte. Heute komplettieren drei Kinder das harmonische Paar. Um diese inoffizielle Familie geht es in Campbells offizieller Version. Sie solle endlich wieder Vorrang haben.
Die größere, politische Geschichte mag handeln von Aufstieg, Hoffart und Resignation eines ruhelosen, mehr von einer Mission als vom persönlichen Ehrgeiz getriebenen Manipulators, der scheitern mußte, weil er schließlich seine Rolle sprengte und dabei das ganze Drehbuch aufs Spiel setzte. Doch vielleicht ist die kleinere Geschichte ebenso wahr. Vielleicht gibt der letzte Musketier seinen Meister auch auf, weil seine Herrin endlich einmal auf den Tisch gehauen hat?