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Weniger Kinder in China : Der Aufschwung als Verhütungsmittel

Sind sie nicht süß? Chinesische Kinder nehmen am 6. August an einem Wassermelonen-Wettessen in einem Kindergarten in der Provinz Hebei teil. Bild: dpa

Das größte Volk der Welt altert rapide. Die Ein-Kind-Politik hat die Staatsführung schon abgeschafft. Nun richtet sie einen verzweifelten Appell an ihr Volk.

          Zweieinhalb Jahre ist es her, dass China seine Ein-Kind-Politik abgeschafft und eine Zwei-Kind-Politik eingeführt hat. Doch der erhoffte Effekt blieb aus. Chinas städtische Jugend denkt gar nicht daran, mehr Kinder in die Welt zu setzen. Im vergangenen Jahr fiel die Zahl der Geburten – nach einem Anstieg im Jahr 2016 – um 630.000.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Die Sorge vor den demographischen Folgen der rasant alternden Gesellschaft hat die Partei nun zu einem bemerkenswerten Schritt bewogen: In der „Volkszeitung“ rief sie in dieser Woche zu mehr Geburtenfreudigkeit auf. „Ein Kind zu bekommen ist eine Familienangelegenheit, aber auch eine Staatsangelegenheit“, lautet der Titel des Kommentars im Sprachrohr der KP – immerhin der gleichen Partei, die Menschen noch vor wenigen Jahren zu hohen Geldstrafen oder Abtreibungen zwang, wenn sie gegen die Ein-Kind-Politik verstießen.

          Die Autorin warnt in dem Text vor den wachsenden Kosten für die sozialen Sicherungssysteme und den damit einhergehenden Arbeitskosten. Sie mahnt „institutionelle Mechanismen“ an, ohne ins Detail zu gehen. Tatsächlich werden in zahlreichen Provinzen längst Anreize erwogen, um Paare dazu zu ermutigen, mehr Kinder zu bekommen. Die Provinz Liaoning zum Beispiel denkt darüber nach, steuerliche Vorteile und Zuschüsse für Bildungs- und Gesundheitskosten zu gewähren. Die Kommentatorin der „Volkszeitung“ hält aber auch einen Bewusstseinswandel für notwendig. Weil sie sich dabei auch kritisch über Kinderlose äußerte, zog sie den Zorn vieler junger Internetnutzer auf sich. Kein Kind zu wollen, so schrieb sie, sei lediglich ein „passiver Umgang mit dem Stress des modernen Lebens“.

          „Die meisten von uns sind Einzelkinder“, schäumte daraufhin eine junge Frau, die der Generation der nach 1990 Geborenen angehört. „Wir müssen nach der Hochzeit für vier alte Menschen aufkommen. Und jetzt verlangst du von mir, dass ich noch mehr beitrage?“

          Fällt nun auch die Zwei-Kind-Politik?

          Ein Internetnutzer stellte ironisch fest: „Hohe Immobilienpreise sind natürliche Verhütungsmittel.“ Viele junge Leute sind überzeugt, dass es erst nach dem Erwerb eines eigenen Hauses sinnvoll sei, ein Kind zu bekommen. Zudem klagen sie über die hohen Kosten für Bildung, wobei viele Privatunterricht im harten Wettbewerb um gute Jobs für unerlässlich halten und lieber einen Überflieger als zwei mittelmäßig ausgebildete Kinder wollen. Auch die Gesundheitskosten sind hoch, weil viele Mittelklasseeltern wegen zahlreicher Skandale chinesischen Produkten nicht trauen und teure ausländische Lebensmittel kaufen oder für die Impfung ihrer Kleinkinder extra außer Landes oder nach Hongkong reisen.

          So ist auch ein Kommentar im sozialen Netzwerk Weibo zu verstehen: „Habt ihr dafür gesorgt, dass es sichere Impfungen gibt? Und wie war das noch mit dem Milchpulver (ein Verweis auf einen Skandal von 2008)? Und den Immobilienpreisen? Der Lebensmittelsicherheit? Der Verschmutzung von Luft und Wasser?“ Eine andere Frau klagt über den Mangel an Kinderbetreuungsplätzen: „Wenn Geburten eine nationale Angelegenheit sind, gilt das auch für das Großziehen von Kindern?“

          Hinter den Kulissen gibt es derweil längst eine Diskussion über eine Abschaffung der Zwei-Kind-Politik, so dass jede Familie künftig so viele Kinder bekommen können soll, wie sie will. Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete kürzlich unter Berufung auf Regierungskreise, die Änderung werde wohl noch in diesem oder Anfang des kommendes Jahres verkündet.

          Womöglich kommt der Schwenk aber zu spät: Schon Ende des Jahrhunderts wird Schätzungen zufolge jeder dritte Chinese mehr als 60 Jahre alt sein. Die Renten der heute arbeitenden Bevölkerung sind wohl nicht sicher.

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