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Katalonien : Kulturnation ohne Staat

  • -Aktualisiert am

Katalanisch schreibender Schriftsteller: Quim Monzó Bild: Frank Röth

Die meisten Katalanen fühlen sich gleichermaßen als Katalanen und als Spanier. Das Gastland der Frankfurter Buchmesse ist weltoffen und reich und genießt in Spanien große Eigenständigkeit. Ein Vorbild. Wenn da nicht die Separatisten wären. Von Leo Wieland.

          Der „Welttag des Buches“ geht auf einen katalanischen Brauch zurück: In Barcelona und anderswo zwischen Lleida und der Costa Brava schenkt man am 23. April, dem Namenstag des Schutzpatrons Sant Jordi, einem guten Freund oder einer geliebten Frau eine Rose - und ein Buch. Für das Gastland der Frankfurter Buchmesse ist das ein gediegenes Entree. Hinzu kommt, dass Katalonien eine der reichsten und geistig fruchtbarsten Regionen der Iberischen Halbinsel ist. Vielleicht ist das „coole“ Barcelona sogar die spanische Großstadt, die sich am europäischsten fühlt und mit ihrer polyglotten Bevölkerung und ihrem toleranten Charakter im Schatten von Gaudís bizarrer Kathedrale auch so wirkt.

          Der Ruf Kataloniens wäre noch immer der eines Landstrichs, auf dem die Menschen drei Jahrzehnte nach Bürgerkrieg und Franco-Diktatur vorbildlich zusammenleben - gäbe es da nicht die neuerdings auf irritierende Weise erstarkten Lokalseparatisten. Die politischen Vertreter einer Mehrheit von Katalanen mit starken regionalen Wurzeln und gleichzeitiger unbefangener spanischer Identität stehen den Vertretern einer wortmächtigen Minderheit „katalanistischer“ Anhänger der Unabhängigkeit gegenüber.

          Unbehagen über offene Sezessionsgelüste

          Katalonien scheut zu Recht den Vergleich mit dem Baskenland. Gewalt und Terror, die den spanischen Nordwesten auch nach dem Ende der Franco-Zeit noch durch die parlamentarische Monarchie begleiten, waren im Nordosten stets die Ausnahme. Die jüngsten Szenen von der Verbrennung von Bildern des Königs Juan Carlos zeugen aber von einem Stimmungswandel. In einer alten „Kulturnation ohne Staat“ - das Wort „Nation“ wird Katalonien in der Präambel des neuen, mit dem spanischen Ministerpräsidenten Zapatero ausgehandelten Autonomiestatuts ausdrücklich attestiert - mischen sich Unbehagen über das Spanischsein mit offenen Sezessionsgelüsten.

          Bild: F.A.Z.

          Regiert von einer Dreierkoalition aus Sozialisten, radikalen Nationalisten der Partei Esquerra Republicana und grünen Kommunisten, macht Katalonien inzwischen sogar dem gutwilligen Madrider Regierungschef das Leben schwer, der ihnen mehr Eigenständigkeit zugestand, als sie je zuvor besessen hatten. Auch im Vergleich mit den deutschen Bundesländern schneidet Katalonien gut ab, was Steuern, Sprache, Kulturhoheit und Selbstverwaltung angeht.

          Spanisch schreibende Schriftsteller ausgesperrt

          Die Region, in der während der Diktatur das Katalanische - eine spanisch-französische Mischung - unterdrückt wurde, hat so sehr aufgeholt, dass ein zweisprachiges Selbstbewusstsein Ausdruck des Erfolges sein könnte. Stattdessen scheinen sich aber die Minderwertigkeitskomplexe in dem Maß verstärkt zu haben, in dem die regionale Regierung von den Amtsstuben über die Universitäten bis in die Speisekarten der Restaurants ihr Idiom mit einer Art Alleinvertretungsanspruch durchzusetzen versucht.

          Dass in Frankfurt nur katalanisch schreibende katalanische Autoren persönlich präsent sind, ist das Ergebnis einer Posse. Viele der besten katalanischen Schriftsteller, die auf Spanisch schreiben, wurden damit faktisch ausgesperrt. Der Nationalistenführer Carod-Rovira rechtfertigte das damit, dass die Deutschen bei einer entsprechenden Gelegenheit ja auch keine türkischen Schriftsteller einladen würden (siehe auch unseren Kasten). Der ehemalige katalanische Ministerpräsident Jordi Pujol trieb es nicht ganz so weit, sagte aber auf dem Symposion „Für ein offenes Europa“, dass bei einer Präsentation etwa der tschechischen Kultur Rilke und Kafka bestimmt auch draußen vor der Tür blieben.

          „Katalonien ist nicht Spanien“

          Katalonien, das etwa ein Siebtel der spanischen Bevölkerung ausmacht und noch immer zu den wirtschaftlichen Motoren des Landes zählt, hat sich durch den Rückzug in das Labyrinth der „Unverstandenen“ nicht nur bei der spanischen Rechten unbeliebt gemacht. Fast vergessen erscheint die Zeit, als Barcelona im Jahr 1992 mit den Olympischen Spielen ganz Spanien mit wohlorganisierter Grazie im Bewusstsein der Welt verankerte. Jetzt halten die Nationalisten unverdrossen auch bei den Spielen des FC Barcelona ihre stets englischsprachigen Plakate in die Höhe: „Catalunya is not Spain“.

          Jene fanatisierten Jugendlichen, die den König als Puppe an einem Strick aufhängen oder Bilder von ihm anzünden, sind aber nicht repräsentativ für die Region, die als „Exportland“ auch in besonderem Maß von Spanien lebt. Die „Katalanisierung“ stößt wiederum längst an die Grenzen der Einwanderung.

          Nur jeder fünfte Katalane will unabhängigen Staat

          Mindestens eine Million der sieben Millionen Katalanen sind Immigranten aus Lateinamerika, Afrika und Asien. Viele von ihnen haben schon Mühe, Spanisch zu lernen - von Katalanisch ganz zu schweigen. Auch eingewanderte Spanier machten sich oft nicht die Mühe, das lokale Idiom zu erlernen. Zur Sicherheit achten sie jetzt aber meistens darauf, dass ihre Kinder es lernen, weil es ihnen im Staatsdienst und anderswo nützt.

          Noch hat sich das Gros der Bevölkerung von den Sirenengesängen der Sezessionspopulisten nicht hinreichend beeindrucken lassen. Anders als im Baskenland fühlt sich auch nicht jeder zweite Katalane ausschließlich als solcher. Einen unabhängigen Staat will nur jeder Fünfte - allerdings mit steigender Tendenz.

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