03.02.2006 · Kein Ende im Streit über Karikaturen des Propheten Mohammed: In Jakarta haben aufgebrachte Muslime vor der dänischen Botschaft randaliert. In Qatar hat ein Scheich diesen Freitag zum „internationalen Tag des Zorns“ ausgerufen. Unbeeindruckt druckt die spanische Zeitung „El Pais“ heute eine der Karikaturen auf Seite 1.
Radikale Muslime haben mit Gewalt gegen Bürger aus Staaten gedroht, in denen die umstrittenen Karikaturen des Propheten Mohammed abgedruckt worden waren. In der indonesischen Hauptstadt Jakarta haben Militante am Freitag das Gebäude gestürmt, in dem die dänische Botschaft untergebracht ist. In den palästinensischen Autonomiegebieten drohten Mitglieder der Al-Aqsa-Brigaden damit, Staatsangehörige aus Dänemark, Frankreich, Norwegen und Deutschland zu entführen, falls sich die Regierungen dieser Staaten nicht formell entschuldigten. UN-Generalsekretär verfolgt den Karikaturenstreit mit wachsender Sorge.
In Qatar rief der einflußreiche sunnitische Scheich Jussef el Kardawi den Freitag zu einem „internationalen Tag des Zorns“ aus. Muslimische Demonstranten sind am Freitag in die dänische Botschaft in Jakarta eingedrungen. Sie holten die dänische Flagge herunter und verbrannten sie. Demonstranten bewarfen zudem das Botschaftsgebäude mit Eiern. „Laßt uns in den heiligen Krieg ziehen!“, riefen die Demonstranten. „Wir sind bereit für den Dschihad!“ Auf einem Plakat stand: „Laßt uns den dänischen Botschafter abschlachten!“
Die etwa 300 Moslems der „Islamischen Verteidigungsfront“ (FPI) forderten den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Indonesien und Dänemark sowie die Ausweisung des dänischen Botschafters aus dem Land. Die indonesische Regierung verurteilte inzwischen die Karikaturen.
„El Pais“ mit Karikatur auf Seite 1
Die spanische Zeitung „El Pais“ ist am Freitag der Linie anderer Printmedien in Europa gefolgt und hat eine Mohammed-Karikatur auf ihrer Titelseite abgedruckt. Die Zeichnung war im Original von der französischen Zeitung „Le Monde“ veröffentlicht worden. Darauf ist der Kopf des Propheten Mohammed zu sehen, der sich aus zahlreichen geschriebenen Sätzen zusammensetzt, die auf Französisch sagen: „Ich darf Mohammed nicht zeichnen“.
Am Donnerstag abend wurde in Nablus im Westjordanland ein deutscher Staatsbürger verschleppt, nur wenig später jedoch wieder freigelassen. Nach Augenzeugenberichten hatten Bewaffnete den Deutschen in einem Hotel-Café zum Mitkommen gedrängt. Die Unbekannten hätten sich den Reisepaß des Mannes, dessen Name mit Christoph Kasten angegeben wurde, zeigen lassen. Die Polizei konnte die Entführer umgehend stellen und die Geisel nach weniger als einer halben Stunde wieder befreien. Der etwa 30 Jahre alte Mann ist Englischlehrer an einer Schule in Nablus. Nach Angaben des Sicherheitschefs von Nablus wurden vier Entführer gestellt, zwei von ihnen wurden festgenommen.
Annan fordert friedlichen Dialog
Der Vorfall wurde mit dem Karikaturenstreit in Verbindung gebracht, da laut Angaben von Zeugen militante Al-Aqsa-Brigaden in Nablus gezielt nach Ausländern gesucht haben soll. Sie fragten in Hotels in der Stadt nach, ob sich dort Bürger aus Dänemark, Norwegen oder Frankreich aufhielten, sagte ein palästinensischer Hotelbesitzer. Er sei zudem von zwei Männern aufgefordert worden, Ausländer zu melden. Al-Aqsa-Brigaden im Gazastreifen hatten schon mehrfach Ausländer verschleppt. Die Gruppen sind ein bewaffneter Arm der bisher regierenden Fatah-Organisation.
UN-Generalsekretär Kofi Annan mahnte angesichts der Ereignisse des Tages den gegenseitigen Respekt der Religionen an. Die Pressefreiheit müsse den Glauben aller Religionen respektieren, ließ Annan erklären. Mißverständnisse und Abneigungen müßten durch friedlichen Dialog und gegenseitigen Respekt überwunden werden.
Iran bestellt Botschafter ein
In Gaza-Stadt waren zuvor etwa 50 maskierte, mit Gewehren und Panzerfäusten bewaffnete Palästinenser in den Vorgarten des dortigen EU-Büros eingedrungen und hatten Schüsse abgefeuert. Da die Europäische Union ihre Vertretung wegen des sich verschärfenden Streits aber bereits geschlossen hatte, war das Büro nicht besetzt. Die Aktion wurde am späten Vormittag beendet.
Norwegen stellte die Arbeit in seinem Büro im Westjordanland ein. Auf einer englischen Internetseite wurde indirekt zu politischen Morden aufgerufen. Das iranische Außenministerium bestellte in Teheran den österreichischen Botschafter als Vertreter der EU-Ratspräsidentschaft ein und protestierte formell gegen die Zeichnungen. In Großbritannien und Pakistan wurde zu Demonstrationen aufgerufen. Dem Generaldirektor der Zeitung „France Soir“, die die Karikaturen nachgedruckt hatte, wurde gekündigt. (Siehe auch: „France Soir“-Chefredakteur wegen Mohammed-Bildern entlassen). Kaum 24 Stunden später legte auch dessen Interimsnachfolger das Amt wieder nieder. Die Entlassung sei unpassend zu einem Zeitpunkt, an dem das Blatt (auch wegen finanzieller Probleme) im Rampenlicht steht, lautete die Begründung. Die Belegschaft der Zeitung stellte sich demonstrativ hinter den entlassenen Generaldirektor.
„Angriff auf unsere geistig-moralischen Werte“
Der afghanische Präsident Karzai verurteilte die Karikaturen und mahnte die Europäer, weitere Nachdrucke zu verhindern. Der ägyptische Präsident Mubarak sagte, Pressefreiheit dürfe nicht als Entschuldigung für die Beleidigung der Religion dienen. Der türkische Ministerpräsident Erdogan verurteilte die Karikaturen als „Angriff auf unsere geistig-moralischen Werte“.
Sowohl der schwedische Ministerpräsident Persson als auch der finnische Außenminister Tuomioja kritisierten den dänischen Ministerpräsidenten Rasmussen. Persson sagte, Rasmussen habe „nicht auf die beste Art“ in der Kontroverse über den Abdruck von zwölf Karikaturen des Propheten Mohammed in der Zeitung „Jyllands-Posten“ reagiert. Dänemark hätte von Beginn an „in die Offensive“ gehen sollen. Die dänische Opposition kritisiert, daß Rasmussen von Ende vergangenen Jahres an mehrfach die Bitte von elf Botschaftern muslimischer Staaten um ein Gespräch ablehnte. Für diesen Freitag lud Rasmussen alle ausländischen Botschafter in Kopenhagen zu einem Gespräch ein. In einem 25 Minuten dauernden Interview mit dem arabischen Fernsehsender Al Arabija, das am Donnerstag ausgestrahlt wurde, erläuterte er den dänischen Standpunkt.
„Vernunft und Verstand walten lassen“
Die Vorsitzende der dänischen Sozialdemokraten, Helle Thorning-Schmidt, sagte, es sei nun wichtig, in Dänemark zusammenzuhalten. Falls die Regierung von der Achtung der Meinungsfreiheit abrücke, werde die Opposition handeln und den am Mittwoch erklärten „Burgfrieden“ mit der konservativ-liberalen Regierung beenden. Rasmussen hatte bisher darauf beharrt, daß eine Regierung sich nicht für das Vorgehen einer freien und unabhängigen Zeitung entschuldigen könne und werde.
In Dänemark weigerten sich bisher andere große Zeitungen, die Karikaturen nachzudrucken, wie das in Frankreich und Deutschland geschehen ist. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung veröffentlichte einige schon im vergangenen Herbst. In Schweden begründen die überregionalen Tageszeitungen ihre Entscheidung, das nicht zu tun, damit, daß man in „der aufgeheizten Debatte Vernunft und Verstand“ walten lassen wolle.
Der Islamrat in Deutschland forderte unterdessen, mehr Rücksicht auf die religiösen Gefühle der Muslime zu nehmen. Der Islamratsvorsitzende Ali Kizilkaya sagte, was derzeit in den Medien teilweise stattfinde, sei „reine Provokation“. „Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, das wir alle gemeinsam verteidigen sollten. Aber wir sollten sie nicht mißbrauchen, um andere zu beleidigen.“ Der Zentralrat der Muslime in Deutschland kritisierte die in verschiedenen Zeitungen veröffentlichten Karikaturen über den Propheten Mohammed als „entwürdigend“, verurteilte aber auch die scharfen Reaktionen radikaler Muslime. (Siehe: Zentralrat der Muslime kritisiert Mohammed-Karikaturen)
Die Informationsquellen der meinungsfreien Presse
Angela Mirna (Angela.Mirna)
- 02.02.2006, 18:40 Uhr
Berechtigte Wut? Nur bei den Opfern!!!
Los Närgli (lma666)
- 02.02.2006, 18:56 Uhr
gemeine und widerwärtige Beleidigung, deshalb flippen die Leute aus
Lukas Werth (lukaswerth)
- 02.02.2006, 19:22 Uhr
Gotteslästerlich
Volker Best (vbest)
- 02.02.2006, 19:30 Uhr
Toleranz im Islam, was ist das ??
Eckhardt Kiwitt (Eckhardt_Kiwitt)
- 02.02.2006, 19:42 Uhr