Peer Steinbrück ähnelt am Montag einer unter Volldampf stehenden Lokomotive, bei der endlich die Bremsen gelöst werden. „Vorsicht an der Bahnsteigkante!“, hört man ihn noch rufen, dann setzt sich Steinbrück auch schon in Bewegung: „Wenn ich eine solche Aufgabe als Kanzlerkandidat übernehme, dann nicht halbherzig. Nicht überheblich, aber selbstbewusst.“ Gegrummel unter den Teilnehmern der Pressekonferenz im Willy-Brandt-Haus. Frage Steinbrück: „Können Sie sich jemanden vorstellen, der Kanzlerkandidat ist und der nicht die Macht haben will?“ - „Ja, ja, durchaus“, hört er von den Journalisten, wobei wohl an Frank Walter Steinmeier gedacht wird. Steinbrück: „Ja, dann erleben Sie jetzt vielleicht einen gewissen Wandel.“
Peer Steinbrück hat sich am Montag auf einen langen Weg gemacht und sogleich noch Ballast abgeworfen: Der designierte SPD-Kanzlerkandidat tritt von einem seiner beiden Aufsichtsratsmandate zurück, demjenigen bei dem Industrieunternehmen Thyssen-Krupp. Im Aufsichtsrat des börsennotierten Fußballvereins Borussia Dortmund bleibt er. Außerdem verspricht Steinbrück, von nun an auf Honorare für Reden und Vorträge zu verzichten. Peer Steinbrücks Ziel ist das Kanzleramt.
„Keinerlei Ehrgeiz, in eine Führungsposition zurückzukehren“
„Ich werde da allenfalls als Besucher reingehen“, hat er noch vor einiger Zeit bei einem Spaziergang vor das Kanzleramt einem Journalisten gesagt. Er habe, ergänzte der frühere Finanzminister 2010 an anderer Stelle, „keinerlei Ehrgeiz, in eine Führungsposition zurückzukehren“. War das gelogen? Oder wuchs Peer Steinbrück erst später die Illusion eigener Unentbehrlichkeit so sehr ans Herz, dass er sich spätestens ab 2011 der SPD als Kanzlerkandidat empfahl, ja aufzwang. Anfangs warnte die Generalsekretärin Andrea Nahles vor „Selbstausrufung“ des Hinterbänklers Steinbrück. Nun muss sie, satzungsgemäß, seinen Wahlkampf organisieren.
Vielleicht will der notorische Schachspieler mit seiner Kandidatur lediglich der großen, traurigen SPD einen Weg zurück in die große Koalition ebnen. Ob er „allenfalls Besucher“ im Kanzleramt bleiben wird, entscheidet sich auch innerhalb der SPD, nachdem der Parteivorstand den fünfundsechzig Jahre alten Steinbrück am Montag einstimmig nominiert hat. Viele in diesem Gremium verzichteten weder vor noch nach der Sitzung darauf, ihre Zweifel am eigenen Kandidaten zu bekunden. Die Sprecherin der Parteilinken, Hilde Mattheis, sprach zur Nominierung von einem „befremdlichen Verfahren“, sie „führe jetzt hier keinen Freudentanz auf“ und Steinbrück müsse „natürlich durch die Gremien gehen“, aber was solle sie anderes machen, als seiner Kandidatur zustimmen - es trete ja sonst niemand an. Mit solch unverblümt gebremster Zustimmung wird Steinbrück noch eine Weile und möglicherweise während des ganzen Wahlkampfes zu ringen haben. Das kann den Mann nicht wundern, der vor einiger Zeit selbst noch die zentralistische Kandidatenfindung in der SPD kritisiert hatte, um sich dann mit dem Segen des Altkanzlers und Schachkollegen Helmut Schmidt („er kann es“) an allen Gremien vorbei und ohne jedes Parteimandat ins Rennen zu werfen.
Abitur mit 21 Jahren
Peer Steinbrück hat in den vergangenen Jahren an der politischen Butterfahrt der SPD zurück in die sozialfürsorgliche Vergangenheit nicht mitgewirkt. Nach der Wahlniederlage 2009 war er mit einer Wutrede gegen die Linken in der Partei aus der Parteiführung ausgetreten. Im Bundestag saß er ganz weit hinten. Nun aber forderte er von der Partei gleich einmal programmatische Bewegungsfreiheit. Auf Andrea Nahles will er sich auch nicht verlassen und hat angekündigt, ein paar „eigene Leute“ mitzubringen ins Willy-Brandt-Haus. Das kann heiter werden.
Der Kanzlerkandidat der SPD war als Jugendlicher schon arg um „Beinfreiheit“ bemüht. Die in diesen Wochen über ihn publizierten Biographien erinnern an die zahllosen Schwierigkeiten des gebürtigen Hamburgers, sich Anforderungen formaler Bildung zu beugen. Die Tatsache, dass er erst mit einundzwanzig Jahren das Abitur bestand, bezeugt das. Steinbrücks Familie stammt väterlicherseits aus pommersch-wortkargem Protestantismus. In aktuellen Biographien erfährt man von Bankiers und Unternehmern unter den Vorfahren. Mütterlicherseits ist von den dänischen Ahnen einer Tabakshändlertochter die Rede, die als biographisch-geographischer Grund für Ironie und Schlagfertigkeit und Redseligkeit gedeutet werden dürfen.
Selten im Einklang mit dem programmatischen Korsett
Steinbrück, der als Architektensohn in gutbürgerlicher Familie in Hamburg-Uhlenhorst aufgewachsen ist, ging nach Überwindung seiner Mathe-Schwäche und dem Schulabschluss für zwei Jahre zur Panzertruppe der Bundeswehr. Der Wunsch des groß gewachsenen Grenadiers, sich ausgerechnet unter kleinen Männern in engen Panzern zu bewegen, passt in seinem Eigensinn zum Beitritt des Wohlstandskindes bei der damals noch spätsozialistischen Arbeiterpartei. Eng und von eingeschränkter Bewegungsfreiheit ist es für Steinbrück dort immer geblieben. Selten hat man ihn in den folgenden Jahrzehnten im Einklang mit dem programmatischen Korsett der Sozialdemokratie erlebt. Am Schlimmsten war es für ihn, wenn die SPD unter seiner Mitwirkung mit den Grünen zu regieren hatte: In Schleswig-Holstein, wo er Anfang der neunziger Jahre in einer rot-grünen Koalition Wirtschaftsminister war und für eine Autobahn kämpfte, dann, schlimmer noch in Nordrhein-Westfalen, wo er schließlich als Ministerpräsident bei den Wahlen 2005 mit der damaligen rot-grünen Landesregierung unterging.
Der Politiker, der heute als schlagfertiger und glänzend bezahlter Redner das Image des unkonventionellen Querdenkers pflegt, hat allerdings mehr als anderthalb Jahrzehnte als Bürokrat hinter sich gebracht und bis weit nach seinem fünfzigsten Geburtstag erfolgreich vermieden, sich einer Wahl zu stellen. 1970 hatte Peer Steinbrück in Kiel ein Volkswirtschaftsstudium begonnen. Die berufliche Karriere verlief danach lange Jahre auf den Fluren politischer Bürokratien. Steinbrück war persönlicher Referent von Abgeordneten und Ministern, Forschungsreferent im Kanzleramt, Umweltreferent in der SPD-Fraktion, Grundsatzreferent im Umweltministerium in Nordrhein-Westfalen. Dann folgte die Beförderung zum Staatssekretär, erst in Düsseldorf, dann bei der Kieler Landesregierung, schließlich, 1993, die Ernennung zum schleswig-holsteinischen Wirtschaftsminister. Nach etwa zwanzig Jahren (partei-)politischer Arbeit war das nicht gerade eine Blitzkarriere. Doch Steinbrück nutzte Gelegenheiten.
Nach fünf Kieler Jahren wechselte er nach Nordrhein-Westfalen und gelangte dort über das Amt eines Wirtschaftsministers (1998-2000) in das Amt eines Finanzministers des größten deutschen Bundeslandes. Es folgten mehr oder minder glückliche Jahre als Ministerpräsident einer qualvoll agierenden rot-grünen Koalition. Man kann sagen: Partei, Koalitionspartner und Bundesland haben sich an Steinbrück niemals gewöhnt. Den ersten Wahlkampf, den Peer Steinbrück als Politiker in eigener Verantwortung zu bestreiten hatte, verlor er 2005 mit einem vergleichsweise katastrophalen Ergebnis. Wenn es ihm jedoch gelänge, die damaligen 37,1 Prozent in zwölf Monaten als SPD-Kanzlerkandidat zu erreichen, wäre das ein Wunder. Damals hatte Steinbrück verloren, wurde dann aber zum beruflichen Profiteur des SPD-Niedergangs. Nach dem Ende von Rot-Grün auch auf Bundesebene erwarb er sich Ansehen als Bundesfinanzminister der großen Koalition im ersten Kabinett Merkel. „Wir haben ganz gut zusammen gearbeitet“, sagt er über diese Zeit und die Bundeskanzlerin. Das sei „Verantwortungsverpflichtung in der damaligen Krise“ gewesen. Natürlich bleibt Steinbrück in aller Bescheidenheit bis heute der Auffassung, der allerbeste Teil des exzellenten Kabinetts habe damals aus ihm und den SPD-Ministern bestanden. Etwa achtzig Prozent der Wähler sahen das anders.
Kann er sich beherrschen?
Vielleicht auch seine Frau, die ihm von einer Kandidatur abgeraten haben dürfte. Verheiratet ist Peer Steinbrück mit der promovierten Gymnasiallehrerin Gertrud Steinbrück seit rund siebenunddreißig Jahren, das Paar hat drei erwachsene Kinder. Neben dem Schachspiel, das er aktiv betreibt, aber auch zur politischen Profilierung nutzt, ist sein weniger bekannteres Hobby der fitzelig-fummelige Bau von Modellschiffen, der Fingerspitzengefühl und Geduld verlangt. Eigenschaften also, die man dem angriffslustigen SPD-Politiker nicht unbedingt gleich nachsagen würde, der das Nashorn als sein Lieblingstier bezeichnet.
Am Montag sagt Steinbrück, es sei noch zu früh, im Wahlkampf „die Ellbogen auszufahren“ - und gab dann aber gleich das politische Nashorn, als er mit bitterstrengem Mundverzug feststellte, das gegenwärtige Kabinett sei „vielleicht eines der schlechtesten, wenn nicht das schlechteste seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland“. Diese Regierung verdiene „kein Versetzungszeugnis“, sprach Steinbrück. Seit längerem schon gibt er den Oberlehrer. Manche, auch unter SPD-Freunden, fragen sich, wie dieser rüde Ton zu einem Kanzler passen würde oder gar zu einem europäischen Krisengipfel? Und fast bang: Kann der Mann sich eigentlich selbst beherrschen?
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Leider wird er sich verdrehen müssen
Joachim Kampen (alfajoe)
- 02.10.2012, 21:56 Uhr
Das Problem bei großgewachsenen Menschen
Peter Koch (Belziger)
- 02.10.2012, 16:05 Uhr
Auguren: schlechte Medienkritiken, und das weibliche Element
Gottfried Stockinger (gottfried01)
- 02.10.2012, 13:01 Uhr
Zeit für ein neues, modernes Deutschland bzw. Europa
Herr Müller (Huckeltown)
- 02.10.2012, 12:45 Uhr
Ein interessanter Artikel.
Antoine BERBEN (Unweit)
- 02.10.2012, 12:44 Uhr
