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Kanzlerkandidat Peer Steinbrück : Groß gewachsen unter kleinen Leuten

Im Mittelpunkt: Steinbrück vor dem Präsidenten des Europäischen Parlaments, Martin Schulz (links), und dem Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel. Bild: REUTERS

Peer Steinbrück hat sich auf den Weg gemacht, sein Ziel ist das Kanzleramt. Er zeigt sich selbstbewusst. Dabei hat der Sozialdemokrat noch keine Wahl gewonnen. Und auch in der eigenen Partei nicht nur Freunde.

          Peer Steinbrück ähnelt am Montag einer unter Volldampf stehenden Lokomotive, bei der endlich die Bremsen gelöst werden. „Vorsicht an der Bahnsteigkante!“, hört man ihn noch rufen, dann setzt sich Steinbrück auch schon in Bewegung: „Wenn ich eine solche Aufgabe als Kanzlerkandidat übernehme, dann nicht halbherzig. Nicht überheblich, aber selbstbewusst.“ Gegrummel unter den Teilnehmern der Pressekonferenz im Willy-Brandt-Haus. Frage Steinbrück: „Können Sie sich jemanden vorstellen, der Kanzlerkandidat ist und der nicht die Macht haben will?“ - „Ja, ja, durchaus“, hört er von den Journalisten, wobei wohl an Frank Walter Steinmeier gedacht wird. Steinbrück: „Ja, dann erleben Sie jetzt vielleicht einen gewissen Wandel.“

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Peer Steinbrück hat sich am Montag auf einen langen Weg gemacht und sogleich noch Ballast abgeworfen: Der designierte SPD-Kanzlerkandidat tritt von einem seiner beiden Aufsichtsratsmandate zurück, demjenigen bei dem Industrieunternehmen Thyssen-Krupp. Im Aufsichtsrat des börsennotierten Fußballvereins Borussia Dortmund bleibt er. Außerdem verspricht Steinbrück, von nun an auf Honorare für Reden und Vorträge zu verzichten. Peer Steinbrücks Ziel ist das Kanzleramt.

          „Keinerlei Ehrgeiz, in eine Führungsposition zurückzukehren“

          „Ich werde da allenfalls als Besucher reingehen“, hat er noch vor einiger Zeit bei einem Spaziergang vor das Kanzleramt einem Journalisten gesagt. Er habe, ergänzte der frühere Finanzminister 2010 an anderer Stelle, „keinerlei Ehrgeiz, in eine Führungsposition zurückzukehren“. War das gelogen? Oder wuchs Peer Steinbrück erst später die Illusion eigener Unentbehrlichkeit so sehr ans Herz, dass er sich spätestens ab 2011 der SPD als Kanzlerkandidat empfahl, ja aufzwang. Anfangs warnte die Generalsekretärin Andrea Nahles vor „Selbstausrufung“ des Hinterbänklers Steinbrück. Nun muss sie, satzungsgemäß, seinen Wahlkampf organisieren.

          Der Illuminierte: Peer Steinbrück bei einer Rede in der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin Bilderstrecke

          Vielleicht will der notorische Schachspieler mit seiner Kandidatur lediglich der großen, traurigen SPD einen Weg zurück in die große Koalition ebnen. Ob er „allenfalls Besucher“ im Kanzleramt bleiben wird, entscheidet sich auch innerhalb der SPD, nachdem der Parteivorstand den fünfundsechzig Jahre alten Steinbrück am Montag einstimmig nominiert hat. Viele in diesem Gremium verzichteten weder vor noch nach der Sitzung darauf, ihre Zweifel am eigenen Kandidaten zu bekunden. Die Sprecherin der Parteilinken, Hilde Mattheis, sprach zur Nominierung von einem „befremdlichen Verfahren“, sie „führe jetzt hier keinen Freudentanz auf“ und Steinbrück müsse „natürlich durch die Gremien gehen“, aber was solle sie anderes machen, als seiner Kandidatur zustimmen - es trete ja sonst niemand an. Mit solch unverblümt gebremster Zustimmung wird Steinbrück noch eine Weile und möglicherweise während des ganzen Wahlkampfes zu ringen haben. Das kann den Mann nicht wundern, der vor einiger Zeit selbst noch die zentralistische Kandidatenfindung in der SPD kritisiert hatte, um sich dann mit dem Segen des Altkanzlers und Schachkollegen Helmut Schmidt („er kann es“) an allen Gremien vorbei und ohne jedes Parteimandat ins Rennen zu werfen.

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