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Kanzlerin Merkel in Amerika Große Aufgaben für Adenauers Erbin

03.11.2009 ·  20 Jahre nach dem Mauerfall spricht Angela Merkel an diesem Dienstag in Washington vor beiden Kammern des Kongresses - eine Einladung von größter Bedeutung. Beim ersten Besuch der wiedergewählten Kanzlerin bei Präsident Obama wird es freilich nur am Rande um Geschichtliches gehen.

Von Matthias Rüb, Washington
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Vor der Gegenwart kommt die Geschichte. Wie sollte es anders sein, da sich in wenigen Tagen der Fall der Mauer zum zwanzigsten Mal jährt? Deshalb wird Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrer Rede vor beiden Kammern des Kongresses an diesem Dienstag ausführlich den Beitrag der Vereinigten Staaten zur Verteidigung der Freiheit in Deutschland und Europa im Zweiten Weltkrieg sowie bis zum Ende des Kalten Krieges im „annus mirabilis“ 1989 würdigen.

Sie wird die Rolle der Vereinigten Staaten bei der Wiedererlangung der deutschen Einheit schon im Jahr nach dem Mauerfall hervorheben. Und sie wird die unverbrüchliche deutsch-amerikanische Freundschaft preisen, die auch in Zeiten der Globalisierung und dem Aufstieg Asiens ein Grundpfeiler der atlantischen Partnerschaft und Wertegemeinschaft bleiben wird.

Solche Lobpreisung gehört zum guten deutschen Ton in Washington, zumal da Frau Merkel die besondere Ehre zuteilwird, vor einer gemeinsamen Sitzung des Repräsentantenhauses und des Senats zu sprechen. Selbst für den eigenen Präsidenten kommen die 435 Abgeordneten und 100 Senatoren in der Regel nur einmal jährlich im Plenum des Repräsentantenhauses zusammen, wenn er sich zur „Lage der Nation“ äußert.

Eine Einladung von größter Bedeutung

Als einziger deutscher Bundeskanzler hat bisher Konrad Adenauer – am 28. Mai 1957 – vor Abgeordneten und Senatoren gesprochen, seinerzeit freilich bei einem Empfang im Kongress, nicht bei einer protokollarisch bedeutsameren gemeinsamen Sitzung beider Häuser. Nach Adenauer wurden die Bundespräsidenten Theodor Heuss (1958), Walter Scheel (1975), Karl Carstens (1983) und schließlich Richard von Weizsäcker (1992) zu Ansprachen vor gemeinsamen Sitzungen des Senats und des Repräsentantenhauses eingeladen.

Als relativ junge Republik haben die Vereinigten Staaten naturgemäß wenige Symbole zu bieten, die eine tiefe Geschichtsverwurzelung des Gemeinwesens vergegenwärtigen. Gemeinsame Sitzungen der beiden Kammern der Volksvertretung sind ein solches Symbol, und deshalb ist die Einladung der „Sprecherin“ des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, an Frau Merkel von größter Bedeutung.

Seit dem Amtsantritt Barack Obamas im Januar hat bisher nur der britische Premierminister Brown vor den Mitgliedern beider Kongresskammern gesprochen. Auch dass Angela Merkel im „anderen“ Teil Deutschlands aufgewachsen ist und 20 Jahre nach dem Mauerfall nun das vereinte Deutschland repräsentiert, gibt dem Anlass besondere Bedeutung.

Gespräch mit Obama in Weißen Haus

Am anderen Ende der Pennsylvania Avenue, beim Gespräch mit Barack Obama im Weißen Haus, wird es freilich nur am Rande um Geschichtliches gehen - Gegenwärtiges und Künftiges werden im Mittelpunkt stehen. In Berlin und Washington werden gerne Gerüchte kolportiert, wonach das Verhältnis zwischen Barack Obama und Angela Merkel einfach nicht so innig sein könne wie jenes zwischen der deutschen Kanzlerin und George W. Bush.

Von der Rückenmassage Bushs beim G-8-Gipfel in Sankt Petersburg im Juni 2006 bis zur Einladung Frau Merkels und ihres Mannes Joachim Sauer auf die „Prairie Chapel Ranch“ nach Crawford in Texas 2007 hat Bush sich stets bemüht, ein betont freundschaftliches Verhältnis zur deutschen Kanzlerin zu unterhalten. Schließlich waren sich der amerikanische Präsident und die Bundeskanzlerin auch weltanschaulich nahe - Republikaner und Christliche Demokraten sind nach der herkömmlichen politischen Farbenlehre auf derselben Seite des Spektrums.

Vielleicht zu viel Aufhebens wurde auch um die Tatsache gemacht, dass Kanzlerin Merkel den damaligen Präsidentschaftskandidaten Obama im Juli 2008 nicht vor dem Brandenburger Tor seine „Berliner Rede“ halten ließ, so dass Obama und seine bis zu 200.000 Fans mit der Siegessäule vorliebnehmen mussten. Inzwischen werden Obamas Berliner Auftritt und sogar der Zwist zwischen Kanzlerin und Kandidat um den Austragungsort weithin nur noch als winzige Fußnote im Buch der Zeitgeschichte betrachtet.

Eine beiläufige Bemerkung

Denn Obamas Wahlsieg vor ziemlich genau einem Jahr hatte weit mehr mit der Finanzkrise, mit der Kriegsmüdigkeit und dem Überdruss der Amerikaner an der republikanischen Regierung zu tun als mit einem Abstecher vom Wahlkampfpfad nach Berlin.

Als vollends ausgeräumt kann jegliche persönliche Reserviertheit zwischen Obama und Merkel seit einer scheinbar achtlos hingeworfenen Bemerkung des Präsidenten beim letzten Besuch der Kanzlerin im Weißen Haus gelten.

Damals, Mitte Juli, parlierten Obama und Merkel beim Gang zur Pressekonferenz, und Frau Merkel erzählte von der heißen Phase des deutschen Wahlkampfs, der alle ihre Kräfte in Anspruch nehmen werde. Worauf Obama sagte: „Ach, Sie haben doch schon gewonnen. Ich weiß gar nicht, worüber Sie sich aufregen.“

Für den damaligen Vizekanzler und Außenminister Frank-Walter Steinmeier war Obamas scheinbar achtlos hingeworfene Bemerkung ein schwerer Schlag: Er hatte gehofft, auch er und die erblasste SPD würden im geliehenen Glanz des Wahlsieges Obamas miterstrahlen. Und hatte Steinmeier - anders als Merkel - nicht damals das Ansinnen der Wahlkampfmanager Obamas unterstützt, den Kandidaten vor dem Brandenburger Tor sprechen zu lassen?

Jedenfalls werden sich beim ersten Besuch der wiedergewählten Kanzlerin bei Präsident Obama, der ein Jahr nach seinem Wahlsieg mitten in den Mühen der politischen Ebene steckt und daheim schon lange nicht mehr so viel vom Glanz des angeblichen Neuanfangs verstrahlt wie in Europa, zwei politische Führer wiederbegegnen, die sich in ihrer analytischen, fakten- und ergebnisorientierten Herangehensweise an den politischen Prozess gut verstehen. Und die sich inzwischen schätzen und vertrauen.

Dieses solide Fundament werden sie für ihre künftige bi- und multilaterale Zusammenarbeit brauchen. Denn im Streit über die Klima- und Umweltpolitik angesichts der Kopenhagener Beratungen, über den Einsatz in Afghanistan, über weitere Schritte bei der Reform der internationalen Finanzmärkte, über den Umgang mit dem nuklear ambitionierten Mullah-Regime in Teheran oder auch über den Sinn des Verbleibs amerikanischer Atomwaffen in Deutschland und Europa sprechen die atlantischen Partner keineswegs mit einer Stimme.

Wenn das Wetter mitspielt, wird es am Dienstag eine gemeinsame Pressekonferenz Obamas und Frau Merkels im Rosengarten des Weißen Hauses geben. Auch ein Symbol: keine Rose ohne Dorn.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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