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Kaczynski in Berlin Regenschirme wie Maschinenpistolen

10.03.2006 ·  Mißtrauen prägte den Besuch des polnischen Präsidenten Kaczynski in Berlin. Seine Rede an der Humboldt-Universität wurde von Demonstranten gestört, die ihn als „Schwulenhasser“ titulierten. Die Bodyguards wichen nicht von seiner Seite.

Von Johannes Leithäuser, Berlin
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Wahrscheinlich hat der polnische Staatspräsident Kaczynski ein verärgertes Ironiesignal setzen wollen, als er den Ort seiner Rede, „das Auditorium Maximum einer großen, traditionsreichen Universität“, eigens lobend hervorhob. Die Simultandolmetscherin übersetzte den Satz allerdings ohne distanzierende Betonung. Doch die Szene widersprach den Worten des Präsidenten auch so deutlich genug: Kaczinsky war auf der Bühne umgeben von vier schwarz gewandeten, reglosen Leibwächtern, die gleichfalls große schwarze Regenschirme wie Maschinenpistolen seitwärts nach unten gerichtet in ihren Händen hielten.

Dem Podium gegenüber, an der Stirnseite des Saales, verausgabte sich eine Schar homosexueller Aktivisten in rhythmischen Schreien und Tretereien gegen die Holzverkleidung der Einlaßtür - nach einigem Hin und Her gebändigt von einem Trupp der Bereitschaftspolizei. Und neben Kaczynski am Pult ein hilflos lächelnder Gastgeber, Professor Pernice, Direktor des Instituts für Europarecht, der offenbar vorgewarnt worden war, daß es Proteste geben würde, mit der Lage aber dennoch nicht umgehen konnte.

„Bitte zum Podium“

Pernice unterbrach seine einführenden Worte, nachdem er der Lautstärke wegen ohnehin nicht hätte fortfahren können. Zunächst suchte er die Demonstranten leutselig zu beruhigen: „Einen kleinen Moment, Leutchen.“ Dann suchte er den geladenen Gästen im vollbelegten Saal mit der Bemerkung zu imponieren, „wir müssen wahrscheinlich das Hausrecht gebrauchen“. Kurz darauf überließ er doch lieber den Protestierern sein Mikrofon: „Ich brauche einen Sprecher der Demonstranten, bitte zum Podium.“

Zwar fand sich aus deren Reihen nach mehrfacher Aufforderung niemand, aber der Leiter eines Homosexuellenmagazins nutzte die Gelegenheit und ging ans Pult, um dem Publikum, dem Gastgeber und den polnischen Gästen die Ansicht mitzuteilen, es sei doch „beschämend, daß der polnische Präsident hier heute reden“ dürfe, denn „dieser Mann verhetzt das polnische Volk, er schürt den Katholizismus“.

Der gastgebende Professor kehrte schließlich ans Pult zurück und sah den Beweis erbracht, daß diese Universität „ein Ort des Diskurses“ sei, an dem auch die jeweils „andere Haltung akzeptiert“ werde. Vielleicht wolle der Herr Staatspräsident ja jetzt selber ein Wort zu den gehörten Vorwürfen sagen?

Mißtrauische Reserviertheit

Kaczynski aber hob sich das für später auf und stellte an den Anfang seiner eigenen Rede lieber den Hinweis, er habe selber einst lange Jahre als Universitätsdozent unterrichtet, „wenn auch mit Sicherheit nicht unter solchen Bedingungen“. Danach widmete er sich dem Vortrag seines Manuskripts und beendete auf diese Weise beiläufig den aufregendsten Moment seines Deutschlandbesuches.

Der Inhalt der Präsidentenrede, die auf deutscher Seite doch mit einiger Spannung erwartet worden war, stillte die Neugierde kaum. Kaczynski nahm die Erwartung selber vorsichtig zurück mit der Bemerkung, er wolle nicht so sehr politische, eher persönliche, also zwangsläufig weniger verbindliche Ausführungen machen. Es war eine Vorsicht, die seine gesamte Visite kennzeichnete, eine von Mißtrauen, aber auch internationaler Ungeübtheit gespeiste Reserviertheit. Sie entsprach nicht mehr den Kühnheiten oder der Kritik, die der neue Präsident zuvor in mehreren Zeitungsgesprächen geäußert hatte; ersetzte sie aber auch nicht durch andere, vertrauensvolle oder freundliche Zeichen und Gesten.

Kriege und Krisen

Schon am Beginn, bei dem Empfang durch die deutsche Bundeskanzlerin, ließ der Gast seine Befangenheit erkennen. Während Frau Merkel zuvorkommend von neuen Möglichkeiten, neuen Anfängen in den beiderseitigen Beziehungen sprach, rang Kaczynski sich das Zugeständnis ab, er sei 61 Jahre nach dem Ende des Krieges auch deswegen nach Deutschland gereist, um bestimmte Themen abzuschließen. So blickten die beiden vor ihrem Gespräch aneinander vorbei, die eine nach vorn, der andere zurück.

Kaczynskis Universitätsrede war von derselben Idee geprägt. Es ging ihm stärker darum, Europas Herkunft - und damit auch Polens gegenwärtige Haltung darin - zu beschreiben als Europas Zukunft. Zweimal brachte er die Bemerkung unter, die Zukunft sei ja ungewiß. Es klang fatalistisch, nicht bedauernd in dem Sinne, daß versäumt worden sei, die Zukunft gestaltend zu sichern. Der polnische Präsident verwandte viel Zeit seiner öffentlichen Ausführungen auf die historische Entwicklung Europas, auf seine Prägung durch Kriege und Krisen, auch auf den Fortschritt, den die Gründerväter der Europäischen Union dadurch erreicht hätten, daß sie den europäischen Grundsatz des Gleichgewichts der Kräfte durch den Grundsatz der Zusammenarbeit abgelöst hätten.

„Die Menschheit müßte aussterben“

Das sei der Basiserfolg jenes Europas, dem jetzt auch Polen angehöre. Doch nachdem Kaczynski dies zugestanden hatte, zog er gleich die Integrationsgrenze: Europa habe sich daran gewöhnt, in Nationalstaaten zu leben, die sich durch eine „eindeutige historische Begründung“ definierten. Welche fortwirkende Konsequenzen dies - wenn die Geschichte also das Bewußtsein bestimmte - gerade für Deutsche und Polen haben müßte, ließ Kaczynski unerörtert. Ihm kam es nur auf die Schlußfolgerung an, es sei doch eine Tatsache, daß die einzelnen Staaten in der EU weiterhin die grundlegende Bezugsebene darstellten.

Und der polnische Präsident beteuerte, für ihn persönlich sei nicht das Jahr 2004 das wichtigste gewesen, in dem sein Land der EU beitrat, noch das Jahr 2005, das ihn in das Amt des Staatspräsidenten brachte, sondern 1989, jenes Jahr, in dem Polen sich von der Sowjetunion habe emanzipieren können und seine volle Souveränität zurückgewonnen habe.

Die Frage nach dem Umgang mit der Homosexualität, die Kaczynski in seinem Vortrag nicht hatte behandeln wollen, legte ihm anschließend einer der Aktivisten nochmals am Fragemikrofon vor. Und der polnische Präsident gab zur Antwort, die Förderung einer homosexuellen Kultur würde in letzter Konsequenz doch dazu führen, daß die Menschheit aussterben müßte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in London.

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