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Jurij Schewtschuk Rock ’n’ Roll für Russland

 ·  In Russland demonstrieren derzeit Zehntausende gegen das Ergebnis der Parlamentswahl. Mit dabei ist der Musiker Jurij Schewtschuk, eine Ikone der Opposition. Seine Lieder sind der Soundtrack zu den Protesten gegen das Putin-Regime.

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© REUTERS Bei den Protesten gegen die Regierung zeichnet sich am Samstag eine Rekordbeteiligung ab. Damit wären es die größten Proteste seit dem Machtantritt von Wladimir Putin vor gut zehn Jahren. Die Polizei in Moskau gab die Zahl der Demonstranten offiziell mit 29.000 Menschen an. Das sind deutlich mehr als die 25.000 bei der bislang größten Aktion in Moskau am 10. Dezember. Der Oppositionspolitiker Boris Nemzow sprach von deutlich mehr als 100.000 Demonstranten.

Anfang November sah es noch so aus, als werde die Duma-Wahl so vielversprechend wie das Moskauer Wetter um diese Zeit: grau, nasskalt und ohne Aussicht auf Besserung. Der Wahlkampf hatte gerade offiziell begonnen, es war die Zeit der ersten Skandälchen. Irgendjemand hatte den Auftritt eines Funktionärs von Einiges Russland in einer Provinzstadt aufgenommen, der einer Versammlung von Taxifahrern vorrechnete, welche Verluste es für das örtliche Straßenbaubudget brächte, wenn zu wenige ihrer Mitbürger für seine Partei stimmten.

Und in Moskau war unübersehbar, dass die Städtische Wahlkommission und Einiges Russland zufällig die gleiche Werbeagentur beauftragt hatten - die Plakate und Werbewände, mit denen beide die Stadt überzogen, unterschieden sich nur dadurch, dass auf den Plakaten der zu Neutralität verpflichteten Behörde die Aufforderung fehlte, für die Kreml-Partei zu stimmen. Die Aufregung darüber hielt sich in Grenzen, niemand hatte etwas anderes erwartet.

Am 9. November, dem Mittwoch der ersten Wahlkampfwoche, strömte am frühen Abend eine große Menschenmasse von der Metrostation Prospekt Mira zur Sporthalle „Olimpijskij“. Die Menschen standen friedlich, frierend und freudig erregt in den langen Schlangen vor den Einlasskontrollen der Polizei. Hin und wieder führten Polizisten mit festem Griff junge Männer und Frauen ab, die - mit mäßigem Erfolg - versucht hatten, unter den Wartenden die weißen Schleifen der Wahlboykott-Bewegung „Nach-Nach“ zu verteilen. Ihnen folgten viele Blicke, aber niemand reagierte, niemand sagte etwas.

Das Lied „Schieße nicht!“ (“Ne strelaj!“) aus dem Jahr 1982

Die Menschen waren nicht gekommen, um zu protestieren, sie wollten zu einem Rock-Konzert. Aber kaum hatte in der warmen Halle die Band zu spielen begonnen, noch vor den ersten Worten des ersten Liedes reagierte das Publikum mit einer euphorischen Ernsthaftigkeit auf die Musik, die mit dem treibenden Schlagzeug, den vibrierenden Bässen und den fetten Bläsersätzen allein nicht zu erklären war. Es war mit jeder Faser zu spüren: Wenn es in Moskau zum demokratischen Aufruhr kommt, dann ist das der Soundtrack dazu.

Musik als Ersatz für die fehlende Opposition

Auf der Bühne stand Jurij Schewtschuk mit seiner Band DDT, eine Legende des russischen Rocks. Die Legende begann 1983 damit, dass der damals 26 Jahre alte Schewtschuk und seine Band nicht zu sehen waren: DDT spielte beim Festival „Rock für den Frieden“ im Moskauer Luschniki-Stadion, aber bei der Wiedergabe des Festivals im sowjetischen Fernsehen fehlte ihr Auftritt - die Zensur hatte Schewtschuks Texte richtig verstanden. Es folgten Jahre, in denen Jurij Schewtschuk vom Geheimdienst KGB gezwungen wurde, seine Heimatstadt Ufa in Baschkortostan zu verlassen, in denen er in Leningrad als Hausmeister, Heizer und Nachtwächter arbeitete und nur illegale Konzerte in Privatwohnungen spielen konnte.

Als DDT und einige andere Bands in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre aus dem Untergrund auftauchen durften, eroberten sie das Land im Sturm, weil sie ein Lebensgefühl ausdrückten, das keine Berührungspunkte mehr mit der offiziellen sowjetischen Propaganda hatte. Für eine Mehrheit der Generation, die damals zwischen 15 und 30 Jahre alt war, waren die Gruppen DDT, Akwarium und Kino die eigentlichen Helden der Perestrojka-Jahre. Während des von oben begonnenen Versuchs, die Sowjetunion durch Öffnung zu retten, war ihre Musik der Ersatz für eine Opposition, die es in Russland kaum gab.

Demonstration in Moskau: Schewtschuk singt „Osen“ (“Herbst“)

Viktor Zoi, der Sänger von Kino, dessen Lied „Veränderungen“ die Hymne jener Jahre war, kam 1990 bei einem Autounfall ums Leben, in dem viele bis heute die Handschrift des KGB erkennen wollen; Boris Grebenschtschikow, der Sänger von Akwarium, hat sich ästhetisch anspruchsvoll in fernöstlicher Spiritualität verloren - als politischer Sänger geblieben ist Jurij Schewtschuk. Aber das ist nicht der Grund für seine Popularität: Mit seinen politischen Stellungnahmen bewegt er sich oft gegen die Mehrheit, etwa nach dem russisch-georgischen Krieg 2008. In einer Zeit, in der auch liberale Regimegegner von einer Welle nationalistischer Begeisterung erfasst wurden, gab er in Moskau und Sankt Petersburg gemeinsam mit georgischen und ukrainischen Künstlern Konzerte, die den Titel jenes Liedes als Motto hatten, das ihm Anfang der achtziger Jahre wegen seines unausgesprochenen, aber unmissverständlichen Bezugs zum sowjetischen Krieg in Afghanistan Schwierigkeiten mit dem KGB beschert hatte: „Schieße nicht!“

Alptraumhafte poetische Geschichte Russlands

Die Texte der populärsten Lieder Schewtschuks aus den achtziger und neunziger Jahren sind in einem lyrischen Ton gehalten. Viele von ihnen haben sich im Verständnis der Hörer mit den Jahren von ihrem politischen Subtext gelöst und sind einfach zu guten Liedern geworden, die aus ihrem Leben nicht wegzudenken sind. Ihre politische Bedeutung bekommen solche Texte Schewtschuks dadurch, dass er Begriffe aus der politischen Debatte, Alltagsjargon und hohen literarischen Ton vermengt und in oft surreal wirkenden Sätzen wieder zusammensetzt, die offen sind für unterschiedliche Interpretationen, sich aber durch die Eigenwilligkeit ihrer Bilder mit Widerhaken im Gedächtnis festsetzen.

Schewtschuks neues Programm, mit dem er seit der Premiere am 9. November in Moskau durch Russland tourt, trägt den programmatischen Titel „Anders“. Seine 16 Lieder lassen sich als alptraumhafte poetische Geschichte Russlands zwischen dem Ende der Sowjetunion und dem erhofften Ende des Putin-Regimes verstehen. „Unsere eingefrorenen Gesichter erblassten im Nebel und warteten, kneteten mit den Augen das Licht und den Schmutz des letzten Tages“, beginnt das erste Lied, zu dem auf der Leinwand hinter der Band sowjetische Fahnen, Bilder von Propagandaplakaten und Parteitagspodien in rasender Geschwindigkeit in die Vergangenheit fliegen. „Wir haben eine ganze Ewigkeit geschlafen, haben - der Wettervorhersage glaubend, die Zeit mit Stabilität messend - den Weg zum Frühling vergessen. Es wuchsen Zäune, die die Endlosigkeit begrenzen“, heißt es am Anfang des letzten Liedes, das in dem Satz kulminiert: „Morgen wird alles anders, der Südwestwind hat sich aus der Leere losgerissen.“

Vor 120.000 Zuschauern in Sankt Petersburg: „Rodina“ (“Heimat“)

„Stabilität“ ist eines der Schlüsselwörter der Herrschaft Putins: Nach den Wirren der neunziger Jahre war sie für eine Mehrheit der Russen während seinen ersten beiden Amtszeiten als Präsident ein erfülltes Versprechen, aber seit seiner Ankündigung, für weitere zwölf Jahre in den Kreml zurückzukehren, wird das Wort aber von einem immer größer werdenden Teil der Bevölkerung als Drohung verstanden. In Umfragen war seit einigen Monaten eine wachsende Bereitschaft zu Protesten festgestellt worden, aber vom schlechten Ergebnis der Kreml-Partei Einiges Russland bei er Duma-Wahl und der Wucht der anschließenden Proteste gegen die Wahlmanipulationen, waren fast alle überrascht: Das Regime, die Opposition, die Protestierenden selbst.

Doch eine Ahnung davon, was sich unter der Apathie der vergangenen Jahre angestaut hatte, war schon Anfang November während des DDT-Konzerts in Moskau zu spüren. Bei manchen Liedern ging ein Ruck durch die Masse, vermittelte eine plötzliche kollektive Anspannung die Bereitschaft, sie als Kampfgesänge zu verstehen: Aggressiv in „Das neue Russland“, in dem in Anspielung auf Putins „Vertikale der Macht“ von einer sich drehenden Vertikale die Rede ist - und das heutige Russland beschrieben wird als „Äffin, die ihr totes Junges füttert, ohne zu verstehen, dass die Frucht tot ist“; entspannt in „Schreibe mir“: „Unser Patriotismus ist nicht sehr groß, (...), er ist nicht Keule, nicht Volk, nicht Führer, (...), er ist die Sonne, die im Fluss untergeht.“

Putin machte sich lächerlich, als er Schewtschuk nicht erkannte

An den Protesten nach der Wahl hat sich Jurij Schewtschuk bisher nicht beteiligt - er ist mit „Anders“ unterwegs in der russischen Provinz. Für Samstag, wenn in Moskau die nächste große Demonstration stattfinden soll, steht auf dem Tournee-Plan ein Konzert in Joschkar-Ola, einer 250.000-Einwohnerstadt auf dem halben Weg zwischen der Hauptstadt und dem Ural. In Internet-Abstimmungen darüber, wer auf der Moskauer Kundgebung sprechen soll, steht Schewtschuk aber zusammen mit dem Schriftsteller Boris Akunin und dem Blogger Aleksej Nawalnyj weit vor allen Oppositionspolitikern, die in der Bevölkerung kaum größeres Vertrauen genießen als die Vertreter des Kremls.

Schewtschuk hat in den vergangenen Jahren an vielen Demonstrationen teilgenommen - er war bei den „Märschen der Nichteinverstandenen“, als sich in Petersburg einige hundert Demonstranten Tausendschaften der Sondereinheit Omon gegenübersahen, er trat im August 2010 in Moskau allein mit seiner Gitarre, nur durch ein Megafon verstärkt vor 3000 Menschen auf, die gegen die Abholzung des Waldes von Chimki bei Moskau wegen eines Autobahnbaus protestierten. Am meisten Aufsehen aber hat er mit einer Ein-Mann-Demonstration im Mai 2010 in Petersburg erregt. Während eines Treffens Putins mit den Unterstützern einer karitativen Organisation sprach er den Ministerpräsidenten an: „Ich habe einige Fragen, die sich seit einiger Zeit aufgestaut haben“ - und hielt dann einen mehrminütigen Vortrag über den Abgrund, der sich in Russland zwischen einer Elite, der alles erlaubt sei, und dem rechtlosen, ungeschützten Volk auftue, und fehlende Freiheit und falschen Patriotismus der Herrschenden, der in der Frage endete: „Haben Sie Pläne für eine ernsthafte, aufrichtige, ehrliche Liberalisierung, Demokratisierung des Landes?“

29. Mai 2010: Schewtschuk und Putin im Dialog

Die Filmaufnahme des zehnminütigen Dialogs zwischen dem Rockmusiker und dem Regierungschef zeigt einen verunsicherten, verspannt wirkenden Putin, der seinen Ärger nur mit sichtlicher Mühe unterdrücken kann und sich durch seine Gegenfrage lächerlich macht: „Und wie heißen Sie, bitte?“ Die Antwort: „Jurij Schewtschuk, Musikant“ ist zum geflügelten Wort geworden.

Dieser Auftritt gab den Anstoß zu einer Initiative im Internet, Schewtschuk zum demokratischen Kandidaten für die Präsidentenwahl 2012 zu machen. Er reagierte darauf mit beißender Ironie: „Natürlich kann ich kandidieren, das ist mir scheißegal... Wenn es sonst niemanden gibt, kann ich auch Präsident werden, was soll man tun?“ Der Musikant beharrt immer wieder darauf, dass er Künstler und kein Politiker sei. Einer seiner politischen Auftritte, die Karriere im Internet gemacht haben, war eine mehrminütige Rede während eines Konzertes Anfang 2010, deren Kernaussage war, Russland brauche mehr Rock‘n‘Roll: „Rock, das ist, wenn nicht alles gut ist. Rock heißt, dass man darüber spricht und singt, wenn etwas schlecht ist.“

Dass Schewtschuk in Russland heute tatsächlich politische Bedeutung hat, sagt weniger über ihn als über das von Putin errichtete System und über den Zustand einer Opposition, die keine glaubwürdigen Führer hat. Wenn Schewtschuk in seinen Konzerten mit den neuen Liedern durch ist, fragt er das Publikum, welche der alten er denn nun singen solle - und er weiß offensichtlich, dass er auf diese Frage keine eindeutige Antwort bekommen wird, weil zu viele seiner Lieder in den Leben seiner Fans eine Rolle gespielt haben: „Da gehen eure Meinungen auseinander, und das ist gut so“, sagt er dann. Das ist in Russland ebenso politisch wie die Aussage: „Geht zur Wahl und wählt, wen ihr wollt.“

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Von Klaus-Dieter Frankenberger

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