Eines ist klar: Die ukrainische Gefängnisverwaltung hat in der Zelle der berühmtesten Strafgefangenen des Landes, der Oppositionsführerin Julija Timoschenko, zwei Dosimeter gefunden, Geräte zur Messung radioaktiver Strahlung. Die Geräte wurden beschlagnahmt.
Hier allerdings hört die Klarheit schon auf, und zwei gegensätzliche Erzählungen beginnen. Die erste stammt von der Gefängnisverwaltung. Danach ist dank der Wachsamkeit aufmerksamer Gefängniswärter ein illegales Versteck in Frau Timoschenkos Zelle entdeckt worden, und zwar ausgerechnet in einem ausgehöhlten Exemplar des ukrainischen Strafgesetzbuches, wo neben den Dosimetern auch Medikamente unbekannter Natur gefunden wurden.
Die andere Geschichte hat Serhij Wlasenko dieser Zeitung erzählt, der Verteidiger Julija Timoschenkos, und diese Variante ist wesentlich dramatischer. Nach seiner Darstellung haben die Wärter seiner Mandantin tatsächlich zwei Dosimeter weggenommen, aber nicht, weil sie diese illegal besessen hätte, sondern aus einem ernsteren Grund: Julija Timoschenko, deren Verurteilung zu sieben Jahren Strafkolonie eine Welle internationaler Kritik ausgelöst hatte, habe in ihrer Zelle viermal erhöhte Radioaktivität gemessen. Sie habe geplant, die Dosimeter, die das belegen sollten, Fachleuten zur Prüfung zu übersenden, und nur um dies zu verhindern, sei das Regime eingeschritten, obwohl keine Vorschrift ukrainischen Gefangenen den Besitz von Dosimetern verbiete. Die Geräte seien auch nicht versteckt gewesen, sondern hätten offen auf dem Tisch gelegen.
Konkurrenten mit Dioxin vergiftet?
Frau Timoschenkos Pressestelle fügt hinzu, die Gefangene fürchte, sie werde in ihrer Zelle erhöhten Strahlendosen ausgesetzt, um ihre Gesundheit zu schädigen. Kürzlich hat sie in einem Brief geschrieben, nachdem Präsident Viktor Janukowitsch, ihr Erzfeind, es nicht geschafft habe, sie durch Einkerkerung auszuschalten, werde er möglicherweise bald entscheiden, „dass es ihm nicht reicht, mir nur die Freiheit zu nehmen.“ Während des Präsidentschaftswahlkampfs 2004 hatte Janukowitschs damaliger Konkurrent, der spätere Präsident Viktor Juschtschenko, an einer schweren Dioxin-Vergiftung gelitten.
Im Falle Julija Timoschenkos geht es um Glaubwürdigkeit, und gerade diese ist kürzlich in Zweifel gezogen worden. Zwei ehemalige Zellengenossinnen der Oppositionsführerin haben Interviews gegeben, in denen sie Frau Timoschenko vorwerfen, sie habe sie aus Angst vor Vergiftung gezwungen, ihr Essen vorzukosten, sie habe sie zu „Bediensteten“ degradiert, vor allem habe sie den Bandscheibenvorfall, den deutsche Ärzte bei ihr festgestellt haben, nur simuliert. Vor den Ärzten habe man ihr bei jeder Bewegung helfen müssen, kaum aber seien die Deutschen wieder weg gewesen, sei sie wieder in hochhackigen Schuhen herumspaziert. All das schien die Botschaft zu bestätigen, welche die ukrainischen Behörden seit Monaten verbreiten: Julija Timoschenko lügt, wo sie den Mund auftut.
Falschaussagen nach Isolationshaft?
Allerdings gibt es auch hier eine andere Erzählung, und wieder stammt sie vom Strafverteidiger Wlasenko. Er glaubt, dass zumindest eine von Julija Timoschenkos interviewfreudigen Zellengenossinnen, eine Frau namens Julija Abaplowa, vom Regime zu ihrer Erzählung gezwungen wurde. Das belege eine handschriftliche Erklärung von Frau Abaplowa, in der sie schon im März dargestellt habe, wie sie vom Gefängnispersonal zu Aussagen gegen Frau Timoschenko gedrängt worden sei. Wlasenko führt weiter aus, als sie sich geweigert habe, sei sie in eine Strafzelle verlegt und über Monate isoliert worden.
Das Regime hat nach diesem Vorwurf nicht lange gewartet. Wenige Stunden später äußerte sich die Gefangene Abaplowa abermals, und zwar vor Journalisten, die überraschend zügig Zugang zum Katschaniwka-Straflager in Charkiw erhalten hatten. Sie bestritt nicht, den Brief über die Schikanen verfasst zu haben, behauptete aber, sie habe die Erklärung nur geschrieben, weil Julija Timoschenko ihr das so „diktiert“ habe. Warum die ehemalige Zellengenossin dem Diktat zugestimmt haben soll, und warum sie jetzt das Gegenteil von dem sagt, was sie eigenhändig aufgeschrieben hat? „Jeder Mensch weicht irgendwann dem Druck“, sagt Wlasenko.
Unabhängige Informationen gibt es nun mal nicht...
Marc Schweizer (NemiroffPremium)
- 24.09.2012, 15:28 Uhr
Gerüchte
Simon Eichendorff (S.Eichendorff)
- 17.09.2012, 17:47 Uhr
