12.12.2010 · Julian Assanges Weltsicht kennt keine Grautöne. Wikileaks ist eine bahnbrechende neue Technik, die er entwickelt hat und als Waffe gegen alle Bösen einsetzt. Wer darüber bestimmt, wer böse ist und wer nicht, ist klar: er selbst.
Von Hendrik AnkenbrandAls Julian Assange vor gut einem Jahr beim weihnachtlichen Jahrestreffen des Chaos Computer Clubs in Berlin auftritt, lässt sich kaum erahnen, dass dieser Mann bald für viele Schlagzeilen sorgen wird. Weißes Hemd über schwarzem T-Shirt, die braune Arbeitshose mit den aufgenähten Taschen ist viel zu weit nach oben gezogen. Seine Hände wandern unruhig über seinen Körper, mal vergräbt er sie unter den Achseln, mal legt er sie auf seinen Schultern ab, dann lässt er sie hinter seinem Rücken verschwinden, um sie anschließend vor seinem Bauch zu kneten. Und dann diese schlohweißen Haare und dieses bleiche Bübchengesicht! Julian Assange ist immerhin schon 39 Jahre alt, wirkt aber noch unfertig. Kaum zu glauben, dass er bald als „gefährlichster Mann der Welt“ tituliert werden wird.
Es ist kalt an diesem Sonntag im Dezember 2009. Aber was die Computerfreaks geboten bekommen, wärmt ihre Hacker-Herzen. Assange, so glauben sie, ist einer von ihnen. Einer, der in der Welt der Rechner zu Hause ist, der sich aus Rechnern seine eigene Welt gezimmert hat. Die hier versammelten Hacker arbeiten zumeist, wenn sie denn eine Anstellung haben, an der Verbesserung der elektronischen Sicherheit in ihren Unternehmen. Assange will aber das genaue Gegenteil. Er will nicht für mehr Sicherheit sorgen. Er will mit seiner Enthüllungsplattform Wikileaks Unsicherheit schaffen. Unternehmen möchte er in den Bankrott treiben, Regierungen sollen durch seine Wühlarbeit gestürzt werden, denn: In seinen Augen sind sie alle „Schuldige“.
Die Welt politisch instabiler
Bald treffen sich die Computerfreaks wieder, ob mit oder ohne Assange muss sich erst zeigen. Denn noch sitzt Assange in England im Gefängnis; zwar soll er auf Kaution frei kommen, doch Schweden hat dagegen Berufung eingelegt (Wikileaks-Gründer Assange bleibt vorerst in Haft). Die Staatsanwaltschaft in Stockholm beschuldigt ihn, zwei Frauen zum ungeschützten Geschlechtsverkehr gezwungen zu haben. Über die Umstände ist wenig bekannt, der Fall schwer zu beurteilen. Anhänger Assanges sehen die Vorwürfe als Teil einer Kampagne, um Wikileaks zu schaden. Im Internet gibt es eine große Solidarisierungswelle, wildfremde Menschen jubeln dem Australier zu: „Du hast eine neue Welt geschaffen! Mach weiter!“ In Amerika ist man dagegen hocherfreut über seine Festnahme. Der ehemalige Gouverneur von Arkansas und Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner im Jahr 2008, Mike Huckabee, würde Assange gerne zum Tode verurteilen. Ein früherer Berater des kanadischen Premierministers will sich nicht erst diese Umstände machen und rief im Fernsehen zur Ermordung Assanges auf.
Von den einen wegen der Enthüllung von 250.000 amerikanischen Geheimdokumenten als Licht- und Heilsbringer in einer undurchsichtigen Welt politischer Machtspiele gefeiert. Von den ins Licht der Öffentlichkeit Gezerrten eben dafür gehasst und als Geheimnisverräter beschimpft, der durch seine Indiskretionen die Welt politisch instabiler gemacht habe, allem voran den ohnehin gefährlich unruhigen Nahen Osten.
Assange ist intelligent, und er weiß das
Assange genießt seine Rolle und seine Prominenz. Redaktionen aus aller Welt entsenden Reporter nach Island und Australien, um Weggefährten und Familienmitglieder auszuforschen. Auf fast allen Titelseiten prangt sein Gesicht, und die amerikanische Zeitschrift „Time“ schickt ihn in das von ihr alljährlich veranstaltete Rennen um den Titel „Person des Jahres“. Dürften die Leser entscheiden, hätte er schon gewonnen.
Assange ist wie getrieben, und er ist schwierig, er ist geschieden und hat einen Sohn. Oft schläft er nächtelang nicht, sondern sichtet am Bildschirm Daten und programmiert Suchfunktionen. Flughäfen nennt er sein Zuhause, Island liebt er wegen seiner liberalen Gesetze. Und er will die Welt verändern, sie seinem Willen gefügig machen. Sein Transparenzfuror hat etwas Totalitäres. Der Weltruhm hat sein ohnehin schon beachtliches Ego weiter anschwellen lassen, so dass es fast zu bersten droht. Assange ist intelligent, und er weiß das. Geduld kennt er nicht, seinen Gesprächspartnern eilt er immer mehrere Schritte voraus. Ihm geht alles nicht schnell genug. „Wir liegen hinter dem Zeitplan“, sagt er, denn eigentlich hätte alles doppelt so schnell gehen sollen.
Island ist eine Zäsur
Als er im Frühjahr mit seinen Wikileaks-Mitstreitern nach Island reiste, um seinen ersten großen Coup vorzubereiten, das Video aus dem Irak, auf dem amerikanische Soldaten zu sehen sind, die Zivilisten erschießen, drückt er aufs Tempo, arbeitet manchmal Tag und Nacht. Und er gerät immer öfter mit seinen Mitstreitern aneinander, denn er weiß alles besser. Die Maske des angelsächsischen Charmeurs fällt, für Freundlichkeiten ist keine Zeit mehr. Die Rettung der Welt duldet keine Späße.
Bei den folgenden Veröffentlichungen zieht er die Arbeit immer mehr an sich, verhandelt allein mit den Nachrichtenredaktionen, weiht die anderen Aktivisten kaum noch in seine Pläne ein. Wenn er spricht, bebt seine Stimme vor Ungeduld.
Island ist für Assange und für Wikileaks eine Zäsur. Bisher hatte sich Wikileaks meist zurückgehalten bei der Bewertung veröffentlichten Materials, das aus anonymen Quellen und auf geheimen Wegen in den elektronischen Postkästen gelandet war. Beim Anblick des Irak-Videos gibt Assange jedoch die Neutralität auf und betitelt den Clip mit: „Collateral Murder“. Seine rechte Hand, der Deutsche Daniel Domscheit-Berg, verlässt Assange daraufhin im Zorn, beschimpft ihn als aufbrausend, autoritär, selbstgerecht.
Assanges Weltsicht kennt keine Grautöne
Assange macht jetzt endgültig kein Hehl mehr daraus, dass er die Welt nach seinen Vorstellungen gestalten will. Er steigert sich immer mehr in einen Allmachtswahn hinein. Er will die Ungerechtigkeit besiegen und vor allem der Supermacht Amerika eine Lektion erteilen.
Assanges Weltsicht kennt keine Grautöne, wie bei seinem ersten Computer, einem Commodore C 64, mit dem er mit 16 Jahren erstmals in ein großes Firmennetzwerk einbrach, gibt es nur 0 und 1, ein und aus, Schwarz und Weiß. Wikileaks ist eine bahnbrechende neue Technik, die er entwickelt hat und als Cybermassenvernichtungswaffe gegen alle Bösen einsetzt, und wer die bestimmt, ist klar: er selbst.
Die von ihm veröffentlichten Geheimdokumente sind Assanges Wahrheit, Hintergründe, Zusammenhänge sind ihm nicht wichtig. Er ist ein großer Vereinfacher, das erklärt auch seine Popularität und die überwältigende Solidarität der Netzgemeinde, die bis zur Mobilisierung einer kleinen Armee sogenannter Cyberaktivisten reicht, die begonnen haben, Websites von Unternehmen lahmzulegen, die mit Wikileaks nichts mehr zu tun haben wollen.
Unabhängig, ob er aus dem Gefängnis frei kommt, aufgeben will Assange nicht. Schon plant er weitere Veröffentlichungen. Und dann soll es wieder so richtig krachen. Dass die Welt jemanden wie ihn braucht, daran hat Assange keine Zweifel.
Seine Weltsicht kennt keine Grautöne
Hans Meier (HansMeier555)
- 11.12.2010, 23:05 Uhr
Wikileaks ist keine bahnbrechnede Technik
Stefan Neudorfer (sttn)
- 12.12.2010, 01:11 Uhr
Ist es einfach?
tan mei (tanboe)
- 12.12.2010, 02:34 Uhr
Nachtrag
tan mei (tanboe)
- 12.12.2010, 02:44 Uhr
In China würde der Mann schon längst einsitzen und zwar auf Dauer und an einem
Renate F. Mueller (Rena_F_Mueller)
- 12.12.2010, 12:44 Uhr
Hendrik Ankenbrand Jahrgang 1978, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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