05.01.2005 · Es hätte nicht viel gefehlt, und Julija Timoschenko wäre womöglich im Moskauer Gefängnis „Matrosenruhe“ gelandet. Jetzt landet sie womöglich auf dem Sessel des ukrainischen Ministerpräsidenten.
Von Michael LudwigEs hätte nicht viel gefehlt, und Julia Timoschenko wäre womöglich in Moskaus „Matrosenruhe“ gelandet, dem Gefängnis, in dem Michail Chodorkowskij, der einstige Yukos-Chef, seit mehr als einem Jahr sitzt.
Als der ukrainische Präsidentschaftswahlkampf im Oktober seinem Höhepunkt zustrebte, luden russische Staatsanwälte Timoschenko nach Moskau vor - einer alten Geschichte wegen, von der die Öffentlichkeit nicht sicher sein kann, ob sie stimmt. Selbstverständlich kam Julia Timoschenko nicht; ihr Glück war, daß sie als Abgeordnete der Werchowna Rada, des ukrainischen Parlaments, nicht einfach ausgeliefert werden konnte. Daraufhin baten die Russen Interpol um Hilfe, aber der internationale Haftbefehl wurde nach nur einem Tag zurückgenommen. Die Russen hätten zu wenig Details, um das Ganze einschätzen zu können, hieß es zur Begründung.
Bestechungsvorwürfe
Durchgesickert war schon vor längerer Zeit, daß die Russen Frau Timoschenko vorwarfen, sie habe Mitte der neunziger Jahre für die Bestechung von Beamten des russischen Verteidigungsministeriums gesorgt, um überhöhte Preise für Ausrüstungen und Energie zu erzielen, die ihre Firma an die russische Armee lieferte. Timoschenko erklärte, sie werde nicht nach Moskau fahren, denn erstens seien die Anschuldigungen grundlos und nur erdacht, um sie auszuschalten. Und zweitens sei sie in der Ukraine unabkömmlich.
Zierliche Frau mit gewaltigem Mundwerk
In der Tat, ohne die zierliche Frau mit dem gewaltigen Mundwerk und einer großen Portion Mutterwitz wären Juschtschenkos Wahlkampfveranstaltungen kaum so unterhaltsam gewesen. Die Arbeitsteilung bei den gemeinsamen Auftritten, wenn Juschtschenko ukrainisch sprach und Timoschenko die Massen in russischer Sprache erreichte, war eine blendende Idee, vor allem im Osten und im Süden der Ukraine, weil dort viele russischsprachige Ukrainer und ethnische Russen leben. Und was wäre der "Majdan" in Kiew, was wäre die Revolution in Orange ohne sie gewesen, die die Massen mit ihrer suggestiven Stimme verzaubert.
Mit Chodorkowskij hat Frau Timoschenko gemein, daß sie die Chancen nutzte, die sich umtriebigen Leuten mit guten Kontakten im Chaos der Übergangszeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion boten. Sie gehörte zur Generation der "Golden Kids, die damals rasch viel Geld machten und ihren neuen Reichtum auch gern herzeigten. Mit einem Videokassettenverleih in Dnepropetrowsk im Südosten der Ukraine hatte die diplomierte Wirtschaftswissenschaftlerin 1989 noch ziemlich bescheiden begonnen. Dann ging es steil bergauf.
Offenherzige Berichte
Die Familie - Julias Ehemann Aleksandr war der Sohn einer früheren Parteigröße in der Region - begann, landwirtschaftliche Betriebe mit Treibstoff zu beliefern. Bis Mitte der neunziger Jahre hatte Timoschenko es bereits zum Generaldirektor der „Vereinigten Energiesysteme der Ukraine“ gebracht, eines Unternehmens, das mit russischen Energieträgern handelte. Ein halbes Jahrzehnt später berichtete sie offenherzig über diese Zeit: Während es noch keinen richtigen Gesetzesrahmen für privates Wirtschaften gegeben habe, habe man nach den Regeln der korrupten Staatsbeamten spielen müssen, die jedes Unternehmen, das sich bildete, auszusaugen suchten.
Jonglieren mit den Gesetzen
Steuern habe man auch gespart, durch Jonglieren mit den Gesetzen und unter Einsatz von „Off-shore-Firmen“. Vom Staatsvermögen habe sie jedoch keine einzige Kopeke gestohlen. Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft sah das anders und ließ sie im Frühjahr 2001 verhaften. In den „Kiewer Nachrichten“ waren zuvor Texte mit angeblichen Auszügen aus dem Behördenmaterial erschienen, während Frau Timoschenko einen Koffer mit den notwendigsten persönlichen Sachen in ihrem Büro hatte, weil sie stets damit rechnete, abgeholt zu werden.
Es war nicht irgendein Büro, sondern das Amtszimmer der stellvertretenden Ministerpräsidentin, die unter Regierungschef Juschtschenko für den Energiesektor zuständig war und dort mit eisernem Besen fegte, ein Jahr lang fegen konnte, weil sie alle Schliche kannte und den verdeckten „Cash-flow“ der Dunkelmänner trockenlegte. Damit machte sie sich Feinde fürs Leben - und wurde entlassen. Für mehr als einen Monat mußte sie „in den Bau“, „w tjurmu“, wie es in einem Lehnwort aus dem Deutschen (Turm) heißt.
Der Weg in die Politik bleibt ihr Geheimnis
Was sie an der Seite eines Mannes wie Pawlo Lasarenko in die Politik gebracht hatte, der wie sie aus der alten sowjetischen Kaderschmiede Dnepropetrowsk stammte und sich als politisches Talent entpuppte, aber zugleich auch als einer der größten Gauner der jüngsten ukrainischen Geschichte gilt, bleibt ihr Geheimnis. Mit Lasarenkos Machenschaften, der es bis zum Ministerpräsidenten brachte, bevor er sich 1998 ins Ausland absetzte und dort der Polizei in die Hände fiel, habe sie nichts gemein gehabt, hat sie immer wieder beteuert. Aber ihre „Vereinigten Energiesysteme“ machten während Lasarenkos Amtszeit offenbar glänzende Geschäfte.
Aufbau der Vaterlandspartei „Batkiwschtschina“
Die Anklage gegen sie wurde jedoch bald fallengelassen - zu einer Zeit, als Timoschenkos Gegner noch an der Macht waren. Mit einem Teil der Hromada-Partei Lasarenkos, in der sie bis zur stellvertretenden Vorsitzenden aufgestiegen war, baute sie eine neue Partei, die Vaterlandspartei „Batkiwschtschina“, auf, die Ende 1999 als Mehrheitsbeschafferin für die Reformregierung Juschtschenkos diente, während sie selbst daranging, im Energiesektor aufzuräumen. Damals sagte sie, daß sich die Ukraine nicht entwickeln könne, wenn nicht endlich die Rahmenbedingungen für Unternehmertätigkeit verrechtlicht würden. Daran hat sie festgehalten, und daran will die 44 Jahre alte Politikerin auch jetzt weiterarbeiten.
DJ für die Massen
Einige Beobachter sagten abschätzig, Timoschenko sei in der orangefarbenen Revolution nur so etwas wie ein DJ für die Massen gewesen. Man will sie damit zum politischen Leichtgewicht stempeln, auf das nun verzichtet werden könne. Anderen ist sie zu radikal. Es mag zwar sein, daß sie in der Zeit der orangefarbenen Revolution oft radikalere Ansichten als der zum Kompromiß neigende Juschtschenko geäußert hat. Aber das hat sie schon früher getan, ohne daß es der Zusammenarbeit Abbruch getan hätte.
Ganz im Gegenteil, Juschtschenko stand in den vergangenen drei Jahren mehrmals davor, sich von Kutschma einbinden zu lassen. Es war nicht zuletzt dem Einfluß Timoschenkos zu verdanken, daß Juschtschenko nach langem Hin und Her klar Stellung gegen das „System Kutschma“ und den Präsidenten selbst bezog, der ihn aus dem Amt gejagt hatte, weil es Juschtschenko mit den Reformen zu ernst gemeint hatte.
Triebfeder der Revolution
Ohne die Dynamik dieser Frau und deren politische Treue über Jahre hinweg wäre die Geschichte sicherlich weniger erfolgreich für die ukrainische Opposition verlaufen, und die dreißig Abgeordneten von Timoschenkos Partei sind als Hilfstruppen für den Reformer Juschtschenko in kommenden Auseinandersetzungen auch nicht zu unterschätzen. Dennoch gibt es weiter Versuche, die Ikone der Revolution beiseite zu drängen. Sie gefährde, heißt es, den notwendigen Kompromiß mit dem politischen Gegner.
Ausdauernde Kämpferin für die Rechtsstaatlichkeit
Derweil geben sich ausgerechnet die hochrangigen Repräsentanten des Systems Kutschma und auch der unterlegene Mitbewerber um das Präsidentenamt, Viktor Janukowitsch, als Freunde von Demokratie und Freiheit - ebendie Leute, die rücksichtslose Wahlfälschungen zu verantworten haben und die mit einer Abspaltung ganzer Landstriche drohten, um doch noch Janukowitsch in das höchste Staatsamt zu hieven. Verglichen mit ihnen, verdient Julia Timoschenko dann doch etwas mehr Vertrauen: In den wilden Wirren der ersten postkommunistischen Jahre reich und einflußreich geworden, kämpft sie doch seit Jahren mit Ausdauer für eine rechtsstaatliche Ukraine.
Michael Ludwig Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
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