05.11.2005 · In der neunten Nacht in Folge knallte es in Frankreichs Vorstädten. Bilanz: Fast 900 ausgebrannte Autos, mehr als 250 Festnahmen. Brandenburgs Innenminister Schönbohm (CDU) warnt vor ähnlichen Krawallen in Deutschland.
In der Nacht zum Samstag waren Vorstädte von Paris zum neunten Mal in Folge das Zentrum von schweren Ausschreitungen, die an Intensität nochmals zunahmen. Betroffen waren vor allem drei Départements vom Nordwesten bis zum Osten der französischen Hauptstadt. Auch aus den Städten Lille, Toulouse und Rouen wurden Ausschreitungen gemeldet.
Die Polizei zog am Samstag eine Bilanz. Demnach seien fast 900 Autos in Brand gesteckt worden, davon allein 650 in der Region Paris, sagte der Generalstaatsanwalt der Hauptstadt, Yves Bot, im Rundfunksender Europe 1. Mehr als 250 Personen wurden nach Angaben der Polizei festgenommen. Als Jüngster sei ein Zehnjähriger mit einer Brandflasche in der Hand erwischt worden, hieß es. Am Vortag waren es 78 Personen.
Nach Angaben der Polizei fielen auch Schüsse. Randalierer hätten in Sarcelles nördlich von Paris mehrere Schüsse auf einen bereits zerstörten Bus abgefeuert. In Aubervilliers am nördlichen Stadtrand von Paris setzten Gewalttäter ein Lagerhaus in Brand. In Persan nordwestlich der Hauptstadt wurde Feuer in einem unterirdischen Parkhaus gelegt. In Meaux östlich von Paris hinderten Randalierer Sanitäter daran, einen Kranken in ein Krankenhaus zu bringen. Nach Polizeiangaben schleuderten die Jugendlichen Steine auf die Sanitäter, der Krankenwagen wurde angezündet.
„Ein Guerillakrieg“
Auch in Lille gingen Autos in Flammen auf, in einem Vorort von Rouen warfen Jugendliche an einer Haltestelle einen Brandsatz auf einen Bus. Die Fahrgäste konnten den Bus verlassen, verletzt wurde nach Angaben der Präfektur niemand. Der Bus wurde zerstört.
Die Krawalle gingen am Freitag in die zweite Woche. Der Bruder eines der Jungen, deren Tod vor acht Tagen die schweren Krawalle ausgelöst hatte, rief seine Altersgenossen zur Mäßigung auf. 30 Bürgermeister aus dem besonders betroffenen Département Seine-Saint-Denis riefen gemeinsam zur Ruhe auf. Der Bürgermeister von Rosny-sous-Bois, Claude Pernes, sagte, es handele sich um einen regelrechten Guerillakrieg, um einen urbanen Aufstand.
Schönbohm warnt vor Krawallen auch in Deutschland
Der stellvertretende CDU-Vorsitzende und brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm warnte unterdessen davor, daß es in Deutschland zu ähnlichen Jugendkrawallen wie in Frankreich kommen könnte. Derzeit seien solche Ausschreitungen hierzulande zwar nicht akut, sagt Schönbohm der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Solche Verhältnisse drohten aber, wenn es nicht gelinge, zugewanderte Bevölkerungsgruppen besser zu integrieren und vor allem Jugendlichen eine Perspektive zu bieten.
Es gebe „auch in Deutschland Entwicklungen in Richtung Ghettoisierung“, sagte Schönbohm. Die Integration sei „lange Zeit nicht ernst genug“ genommen worden. In diesem Bereich müsse „dringend mehr gemacht werden“. So gebe es in Großstädten eine hohe Zahl von Türkischstämmigen, die auch in zweiter und dritter Generation in Deutschland nicht integriert seien. Als besonders problematisch wertete Schönbohm Sprachdefizite und mangelnde Schulabschlüsse bei Jugendlichen.
Grüne kritisieren Schönbohm
Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen Volker Beck kritisierte Schönbohms Äußerungen. Schönbohm und andere Unionspolitiker hätten maßgeblichen Anteil an einer Integrationsdebatte, die „jahrelang den falschen Fokus“ gehabt habe. „Weder mit einer Leitkultur-Debatte noch mit ausländerrechtlichen Sanktionen wird man das Integrationsproblem lösen“, kritisierte Beck.
Schlüssel zur Eingliederung sei die Bildung. Hierfür müßten „gleiche Bildungs- und Berufschancen für Migrantenkinder“ geschaffen werden. Zudem müsse ihnen stärker dabei geholfen werden, die deutsche Sprache zu erlernen.
Ausgangssperren verhängen!
Fionn Huber (fionn)
- 05.11.2005, 13:50 Uhr