08.08.2010 · Jahrzehntelang fanden sich Spuren der ehemaligen Bewohner nur noch auf Gedenktafeln. Nun blüht im Hamburger Grindelviertel wieder jüdisches Leben - koscheres und nichtkoscheres.
Von Judith LembkeDer Ton der Schulglocke beendet die Stille. Türen werden aufgerissen, Kinderstimmen hallen im hohen Flur, Turnschuhsohlen quietschen auf dem frisch gebohnerten Boden. Zwei Jungen mit Kippa auf den kurzen dunkelblonden Haaren laufen um die Wette in Richtung Pausenhof, rennen die Treppe hinab, wobei sie mindestens zwei Stufen auf einmal nehmen. Auf dem Weg passieren sie zwei große Gedenktafeln. Eine nennt die Namen der Schüler und Lehrer, die im Ersten Weltkrieg für Deutschland gefallen sind. Die andere erinnert an Schüler und Lehrer, die im Zweiten Weltkrieg von Deutschen ermordet wurden. Eingerahmt werden die Namen von zwei Vitrinen. Die Glasfenster geben den Blick auf bunte Basteleien frei, die die Schüler zum Pessachfest angefertigt haben.
Neben der Gedenktafel steht eine alte Dame. Sie ist fast neunzig Jahre alt und so zierlich, dass sie inmitten der Schüler kaum auffällt. Mit vielen Namen auf der Tafel verbindet Miriam Gillis-Carlebach Gesichter, mit manchen auch Geschichten. Es sind ihre ehemaligen Lehrer und Mitschüler, die hier verewigt sind. Gillis-Carlebach emigrierte 1938 nach Israel. Wer blieb, wurde in die Vernichtungslager im Osten verschleppt. Ihr wacher Blick gleitet durch den Raum, den sie vor mehr als siebzig Jahren zum letzten Mal betreten hat. Als er auf das Treppengeländer fällt, beginnen ihre Augen zu leuchten. „Diese Metallkugeln hat mein Vater auf dem Geländer anbringen lassen, um die Jungen vom Herunterrutschen abzuhalten“, sagt sie und ihre Hand mit den hellrosa lackierten Fingernägeln streicht über das Messing. „Es macht mich glücklich, dass diese Kugeln nun wieder ihren Zweck erfüllen.“
Mit der Kippa unter der Baseballkappe in die Schule
Von ihrem Vater hat Miriam Gillis-Carlebach den verschmitzten Zug um den Mund, der ihrem Gesicht immer die Andeutung eines Lächelns verleiht, selbst wenn sie etwas Ernstes sagt. Sie ist eine kleine Frau mit rotbraunen Haaren und glockenheller Stimme. Sie sagt, sie sei sehr gern auf diese Schule gegangen, die nun den Namen ihres Vaters trägt. Joseph Carlebach war Rektor der Talmud-Tora-Schule und Hamburger Oberrabiner. 1941 wurde er mit ihrer Mutter und ihren drei jüngsten Schwestern in einem Wald bei Riga ermordet. Doch in dem Klinkerbau am Grindelhof sind Carlebachs Ideen wieder lebendig. Seit drei Jahren werden im Haus der ehemaligen Talmud-Tora-Schule, das die Hamburger Universität zwischenzeitlich als Ausbildungsstätte für Bibliothekare nutzte, wieder jüdische Kinder unterrichtet, aber nicht nur solche - ein Drittel der Schüler stammt aus nichtjüdischen Familien.
Im August 2007 hat die Grundschule mit zwölf Schülern begonnen, nach den Sommerferien werden es knapp hundert sein. Keine andere Hamburger Schule wächst so rasch. Im Grindelviertel blüht wieder jüdisches Leben. Und wie zu Joseph Carlebachs Zeiten ist die Schule dessen Zentrum. Im zweiten Stock setzt Levi noch schnell seine Baseballkappe ab, bevor er das Klassenzimmer betritt. Darunter kommt eine Kippa zum Vorschein. Der Hebräischunterricht beginnt mit einem Lied. Zehn Vorschüler besingen die israelische Flagge. Dass sie weiß ist und blau und in der Mitte der Davidstern prangt. Nicht alle treffen die Töne, aber der Text sitzt. Dann ermuntert die Lehrerin Janne, das hebräische Alphabet aufzusagen. Die ersten Buchstaben kommen noch etwas zögerlich, aber dann wird das blonde Mädchen immer sicherer. „Joffi - super!“, lobt die Lehrerin. Auch Levi, Malte und Jakov können das Alphabet fehlerfrei aufsagen. Nur Anton hat Schwierigkeiten. „Heute ist einfach nicht mein Tag“, seufzt der Fünfjährige und zieht einen blauen Stift aus seiner Federtasche, um den Davidstern auf seinem Bogen auszumalen. Dafür weiß er, wer am 14. Mai Geburtstag hat: „Israel!“ - und wundert sich, dass der Staat mit 62 Jahren jünger ist als seine Großmutter.
Sweatshirt, Jeans und Schläfenlocken
Nicht nur in der Schule gesellen sich Lebenszeichen zu den Erinnerungen. Überall im Viertel zeigt sich die Parallelität von vergangenem und neuem jüdischen Leben. Bis Anfang der dreißiger Jahre lebte fast die Hälfte der etwa 20.000 Hamburger Juden in dem Gebiet westlich der Außenalster, das die Hamburger damals auch „Klein Jerusalem“ nannten. Doch mit Mord und Vertreibung verschwanden auch die koscheren Läden, jüdischen Gemeindeeinrichtungen und Handwerksbetriebe. Nach dem Krieg zogen Studenten und Mitarbeiter in die gründerzeitlichen Altbauten nahe der Universität. Es wurde beliebt beim linksliberalen Bürgertum, bei der jüngsten Bürgerschaftswahl kamen die Grünen auf knapp zwanzig Prozent der Stimmen. Spuren jüdischen Lebens fanden sich vor allem auf Stolpersteinen und Gedenktafeln, die an die ehemaligen Bewohner erinnern.
Doch langsam wandelt sich das Bild des Viertels. In der Apotheke kauft eine Mutter mit knöchellangem Rock Hustensaft für ihren Sohn, der Sweatshirt, Jeans und Schläfenlocken trägt. An den Studenten, die im Straßencafé für ihre Prüfung lernen, gehen zwei Männer mit schwarzem Anzug und Hut, der Kleidung der chassidischen Juden, vorbei. Zwei jüdische Cafés haben in den vergangenen Jahren eröffnet, ebenso wie Geschäfte für koschere Lebensmittel. Die chassidische Organisation Chabad Lubawitsch versucht, religionsferne Juden wieder für den Glauben zu begeistern. Seit 1989 sind mehr als 190.000 Juden als sogenannte Kontingentflüchtlinge aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Etwa 80.000 haben Anschluss an die jüdischen Gemeinden gefunden, deren Mitgliederzahl sich dadurch vervielfachte.
Die Schule macht das Viertel zum Gravitationspunkt
In der Joseph-Carlebach-Schule hat etwa die Hälfte der Schüler einen russischen Hintergrund, die Schilder im Gebäude sind zweisprachig. Die Einwanderung aus Russland ist auch ein Hauptgrund dafür, dass sich immer mehr jüdische Geschäfte und Institutionen im Grindelviertel ansiedeln. Viele Einwanderer wohnen zwar am Stadtrand, weil die Mieten nah der Innenstadt für sie zu hoch sind. Doch vor allem die Schule macht das Viertel zum natürlichen Gravitationspunkt. Außerdem bekommt man nur hier Latkes, Kneidlach und Challot, die süßen Zöpfe, die traditionell am Schabbat gegessen werden. Am Freitagnachmittag, wenn die Schule um 14 Uhr schließt, lässt sich die Stimmung erahnen, die im Grindelviertel vor dem Zweiten Weltkrieg geherrscht hat. Dann führt der Weg viele Mütter von der Schule in die vierhundert Meter entfernte Rentzelstraße, wo drei Geschäfte eröffnet haben, die ihre Eigentümer das „jüdische Zentrum am Grindel“ nennen.
Wie fast jeden Freitag ist auch Levi mit seiner Mutter ins Café Fankoni gekommen, um die vorbestellten Schabbatbrote abzuholen. Der Raum hat nur Platz für drei Tische, in einer Ecke liegt Spielzeug, an den Wänden hängen Konzertplakate aus der Zarenzeit. Im Laufe des Nachmittags kommen immer mehr Menschen ins Café, man wünscht sich „Schabbat Schalom“. Der Inhaber, Vladimir Gurevich, begrüßt alle seine Kunden mit Namen. Seine Erscheinung lässt Rückschlüsse auf seinen Lebensweg zu. An den Ohren trägt er Silberringe, auf dem halblangen blonden Haar eine Kippa. Unter seinem blauen Pullover schauen Gebetsriemen hervor. Einige Gäste holen nur ihre Brote ab und wechseln ein paar Worte auf Deutsch, Russisch oder Hebräisch. Andere bleiben noch auf einen Espresso oder bestellen sich einen Teller Eintopf.
Weniger die Erfüllung eines Lebenstraums als eine kluge Geschäftsidee
Als alle Brote verkauft sind, holt sich Gurevich selbst eine Tasse Kaffee und setzt sich vor die Tür in die Sonne zu seinem Nachbarn Samuel Zach vom koscheren Cateringservice Lechaim nebenan. Die beiden beobachten das Treiben auf der Rentzelstraße, sprechen über ein geplantes Straßenfest. Studenten hetzen zur Nachmittagsvorlesung, zwei Männer in Anzügen kehren von einer späten Mittagspause ins Büro zurück. Auch Zach muss zurück zur Arbeit, eine Israel-Reisegruppe hat koscheres Essen für ihr Nachtreffen bestellt. Gurevich bleibt noch ein bisschen in der Nachmittagssonne sitzen. Für den gläubigen Juden hat der Schabbat schon begonnen. Als er vor neun Jahren nach Deutschland kam, arbeitete der gelernte Bauingenieur zunächst als Möbelpacker und Hausmeister, bevor er seinen Traum verwirklichte. „Ich wollte schon immer ein jüdisches Café betreiben“, sagt er. Als er das „Fankoni“ eröffnete, war es das erste koschere Café in Hamburg seit den vierziger Jahren.
Für seinen Nachbarn, den gebürtigen Israeli Samuel Zach, war das Cateringunternehmen weniger die Erfüllung eines Lebenstraums als eine kluge Geschäftsidee. Der gelernte Koch entdeckte die Zubereitung von koscherem Essen als Marktlücke: „Es gibt immer mehr Menschen, die nach Hamburg kommen, und sich entsprechend der jüdischen Speisegesetze ernähren wollen“, sagt Zach. Er beliefert vor allem ausländische Geschäftsleute, jüdische Familienfeiern und evangelische Kirchengemeinden. Gemeinsam mit dem Zahnarzt Ulrich Michael Lohse, der das Weingeschäft Mezada betreibt, stehen sie nicht nur für das jüdische Zentrum am Grindel, sondern geradezu prototypisch für das jüdische Leben in Deutschland: Der Kontingentflüchtling Gurevich, der smarte Kosmopolit Zach und der gebürtige Hamburger Lohse, dessen Familie schon seit Jahrzehnten in der Hansestadt lebt.
Ein Lokal, das Strenggläubige bestenfalls als jüdische Folklore empfinden
Lohse steht in seinem Geschäft und sortiert Weinflaschen in die Regale. Ein Zahnarztstuhl in der Mitte des kleinen Raums erinnert an seinen Hauptberuf. Wie viele orthodoxe Juden in der Hansestadt ärgert er sich darüber, dass in der Öffentlichkeit das Café Leonar für den Mittelpunkt des jüdischen Lebens gehalten wird, ein Lokal, das Strenggläubige bestenfalls als jüdische Folklore empfinden. „Im Café Leonar gibt es weder koscheres Essen noch werden die höchsten Feiertage eingehalten. Ich frage mich, was daran jüdisch ist“, ereifert sich Lohse. „Wenn Sie wirklich etwas über das jüdische Leben am Grindel erfahren möchten, müssen Sie mit Rabbiner Bistritzky von Chabad Lubawitsch sprechen“, sagt er.
Bistritzkys Büro liegt schräg gegenüber von Lohses Weingeschäft in einem schmucklosen Gewerbehaus auf dem Gelände einer Tankstelle. Unter der abgehängten Decke stapeln sich Matze-Packungen, auf den Tischplatten klebt noch Uhu, das die Kinder von der Hebräischen Sonntagsschule beim Basteln darauf verteilt haben. In seinem schmal geschnittenen grauen Anzug und der randlosen Brille könnte man Bistritzky auch für einen Manager halten - wären da nicht der lange Bart und der schwarze Hut.
Mit der Veranstaltung von Festen zu den hohen Feiertagen, Bildungsprogrammen und Gottesdiensten, will Bistritzky zeigen, was lebendiges Judentum bedeutet. Ziel ist die innere Mission. „Man muss sehr kreativ sein, um die Leute zu gewinnen, denn wir stehen in Konkurrenz zu einem riesigen Freizeitangebot in Hamburg“, sagt Bistritzky. Es scheint ihm zu gelingen. Mittlerweile finden sich nicht nur am Freitag, sondern auch Montag und Donnerstag genügend Männer für einen Gottesdienst.
Das Verständnis vom Judentum könnte kaum unterschiedlicher sein
Als der gebürtige Amerikaner Bistritzky vor sieben Jahren nach Hamburg zog, sprach er kein Wort Deutsch. Dabei stammt seine Familie aus der Hansestadt. Sein Großvater wurde am Grindel geboren, ging in die Talmud-Tora-Schule. Die besucht nun Bistritzkys Tochter, und seine Frau Chani unterrichtet dort Hebräisch. Der Rabbiner stellte nie die Frage, ob es richtig sei, als Jude in Deutschland zu leben - im Gegenteil: Als er seinem Großvater erzählte, er würde nach Hamburg ziehen, sagte dieser: „Das ist die beste Antwort, die wir Hitler geben können.“ Wie Lohse vom koscheren Weinladen würde Bistritzky das Café Leonar niemals besuchen, auch wenn er zu diplomatisch ist, um offene Kritik daran zu üben. Zwischen dem Chabad-Zentrum und dem Café liegt kaum ein Kilometer, und doch sind es Welten. Das Verständnis vom Judentum könnte kaum unterschiedlicher sein: Während Cafébesitzerin Sonia Simmenauer ihren Gästen auch Fleisch in Sahnesauce serviert, reicht der orthodoxe Rabbiner fremden Frauen zur Begrüßung nicht die Hand. Und samstags, wenn die Ladenbesitzer aus der Rentzelstraße Schabbat feiern, macht Simmenauer den größten Umsatz.
Selbst am Mittwochnachmittag sind im Café Leonar die meisten Tische besetzt. Sonia Simmenauer sitzt an der Theke und unterhält sich mit einem Gast. Auch sie kennt viele ihrer Gäste persönlich, schließlich lebt sie schon fast dreißig Jahre im Grindelviertel. Auf die Verachtung der Orthodoxen reagiert Sonia Simmenauer mit einem Achselzucken. „Sie müssen ja nicht kommen“, sagt sie mehr gleichgültig als trotzig. Simmenauer hat genügend andere Besucher. Morgens trinken Nachbarn ihren Kaffee an der Theke und lesen dabei die Tageszeitung. Nachmittags treffen sich Freundinnen zum Kaffeeklatsch und wenn am Wochenende in den Kammerspielen gegenüber die Theatervorstellung endet, findet sich kein freier Platz. Als das Café mit dem jüdischen Salon für Kulturveranstaltungen vor zweieinhalb Jahren eröffnete, berichtete nicht nur die Lokalpresse darüber. Aus vielen Artikeln klang der Stolz der Autoren, dass „so etwas“ in Deutschland heute wieder möglich ist.
Zur Identität gehört es, Jude und Deutscher zu sein
Die Idee, dieses Café zu eröffnen, entsprang einem sentimentalen Gefühl. Simmenauers Großvater besaß eine Firma für Fotopapier in Hamburg, bis er vor den Nazis nach Frankreich fliehen musste. Im Café erinnern alte Druckwaren an den ehemaligen Besitz. Auch ihr Vater war Schüler der Talmud-Tora-Schule, die direkt gegenüber liegt. Sonia Simmenauer verschlug der Zufall nach Hamburg. Sie heiratete einen Deutschen, zog ins Grindelviertel, bekam Kinder, blieb. Als sie hörte, dass der Drucker am Grindelhof 59 aufgeben wollte, kam sie auf den Gedanken, ein jüdisches Café in den Räumen zu eröffnen.
Ihr schwebte ein Kaffeehaus Wiener Art vor, wo Menschen diskutieren, lesen, sich austauschen. „Seit der Eröffnung des Cafés fühle ich mich befreit“, sagt Simmenauer. Befreit von dem Schuldgefühl, als Jüdin in Deutschland zu leben - und sich dabei auch noch wohl zu fühlen. Es ist ein Gefühl, das ihr Sohn Arnold, der mittlerweile die Geschäftsführung übernommen hat, nicht kennt. „Ich bin die erste Generation, für die es kein Konflikt mehr ist, Jude und Deutscher zu sein“, sagt der Zweiundzwanzigjährige. Für ihn ist dieses Selbstverständnis auch ein Grund, warum sich Spuren jüdischen Lebens wieder im Grindelviertel finden. „Zu unserer Identität gehört es, Jude und Deutscher zu sein. Und das wollen wir auch zeigen.“
Komisch
Dirk Gruenwald (DirkGruenwald)
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Die Heimkehrer
Angela Ansbacher (freeangela)
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