http://www.faz.net/-gpf-9bmnb

Erdogans Wahlsieg : „Europa muss mit einer sehr aggressiven Türkei rechnen“

Umgeben von Anhängern: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan lässt sich von seinen Anhängern in Istanbul feiern. Bild: AFP

Die Nationalisten und die türkische Wirtschaft sind für den amerikanischen Türkei-Kenner Joshua-Walker zwei Hebel, mit denen Europa noch Einfluss auf Erdogan ausüben kann. Das ist die gute Nachricht. Ein Interview.

          Herr Walker, alle Hoffnungen sind verschwunden. Präsident Erdogan hat die Wahlen klar gewonnen und seine Macht auf Jahre hin zementiert. Was glauben Sie bedeutet der Sieg für die Ausrichtung seiner Außenpolitik?

          Die gute Nachricht ist, dass Erdogans Sieg vermutlich rund um die Türkei mehr Stabilität schaffen wird. Die Beziehungen zu Russland, China – und sogar Israel – mit ihren autoritären Führern werden sich weiter verbessern. Die schlechte Nachricht ist: Der Westen, insbesondere die EU, wird sich aus Erdogans Sicht bei fast jeder Frage auf der falschen Seite wiederfinden. Er wird mit einer sehr aggressiven Türkei handeln müssen, die sich als eine revisionistische Macht versteht und alles tut, um Europa das Leben schwer zu machen.

          Mit seinem Kurs, weg von Europa, beendet Erdogan eine 150 Jahre alte Tradition der Türkei und ihres Vorgängers, des Osmanischen Reiches. Was folgt daraus?

          Ich glaube nicht, dass die Türkei sich völlig von Europa abwenden wird. Es ist mehr die Version, von der wir beide denken, dass sie Europa ist. In Ungarn, Polen und Italien pflegen manche ziemlich ähnliche Vorstellungen wie Recep Tayyip Erdogan. Und die sind auch alle europäisch. Das Problem der Transatlantiker war immer, dass sie versucht haben, die Türken amerikanischer, britischer oder deutscher zu machen als sie waren. Das wird niemals der Fall sein. Wir sprechen im Westen immer davon, dass sich die Türkei entweder nach Osten oder nach Westen ausrichtet. Ich denke, sie versucht ein eigenständiger Akteur dazwischen zu werden und Europa nach ihrer Vorstellung zu transformieren.

          Was sollte Europas Ziel sein und wie sollten sich die Regierungen verhalten?

          Es geht jetzt erst einmal nicht um eine breit angelegte Strategie, sondern um Krisenmanagement. Der politische Prozess zwischen Europa und der Türkei ist nahezu tot. Hinzu kommt die Schwäche der europäischen Regierungschefs, insbesondere die von Kanzlerin Merkel. Jedes zustande gekommene Abkommen wie zum Beispiel der Flüchtlingsdeal droht extrem kurzlebig zu sein. Aber die wirtschaftlichen Beziehungen sind nach wie vor höchst lebendig. Die Türken sind nach wie vor höchst interessiert daran Visa zu erhalten, um ihre Angehörigen in Deutschland zu besuchen. Europa sollte berechnender werden und solche Sachen als Hebel nutzen.

          Das würde aber voraussetzen, dass man in Ankara auch gewillt ist zuzuhören.

          Die Art und Weise, wie die staatlichen Führer Europas reagieren, wird entscheidend sein. Die Türken tendieren dazu sich auf die extremsten Antworten zu konzentrieren. Erdogan hat mit Einschränkungen zu kämpfen. Über die Türkei zu reden als ob es ein Mann wäre, würde die Möglichkeit einschränken die Richtung des Landes zu beeinflussen. Die Nationalisten sind die Königsmacher gewesen. Die Europäer sollte mit ihnen versuchen ins Gespräch zu kommen. Ein Signal des Respekts mit Blick auf die türkischen Gefühle bei der Kurdenfrage könnte ein Anfang sein.

          Joshua Walker arbeitet für die Eurasia Group, eine politische Risikoberatungsfirma mit Sitz in New York. Zuvor arbeitete er unter anderem im amerikanischen Außenministerium und im Pentagon. Er ist Transatlantic Fellow des German Marshall Fund of the United States.

          Wenn sich Erdogan so positioniert, wie Sie es annehmen, was erwarten Sie von ihm auf dem kommenden Nato-Gipfel in Brüssel?

          Er wird die Spannungen in der Allianz für sich zu nutzen versuchen. Die Beziehungen zwischen den Amerikanern und den Europäern sind problematisch. Merkel und Trump sind die beiden Pole. So lange das so bleibt hat die Türkei viel Raum. Es ist ein wenig so wie bei einem Kind, dass zu dem anderen Elternteil geht, wenn es nicht die gewünschte Antwort von dem einen erhält.

          Die Türkei kauft russische Luftabwehrraketensysteme und steht in Nordsyrien amerikanischen Truppen gegenüber, die mit kurdischen Milizen verbündet sind. Für wie groß halten Sie die Gefahr, dass Ankara aus der Nato ausscheidet?  

          Solange es keinen geschlossenen anti-türkischen Block in der Allianz gibt wird das folgenlos bleiben. Mit den russischen S400 könnte die Nato aber auch leben, wenn sie wie vorgesehen zum Schutz türkischer Paläste eingesetzt werden und nicht als Teil eines integrierten Luftverteidigungssystems zur Abwehr von Langstreckenraketen. Erdogan muss vor den Nationalisten seine Unabhängigkeit demonstrieren. Und wenn die übrigen Verbündeten das akzeptieren, wird es kein Desaster geben. Mich beunruhigt die Einstellung meines eigenen Präsidenten zur Nato deutlich mehr als die von Präsident Erdogan.

          Joshua Walker arbeitet für die Eurasia Group, eine politische Risikoberatungsfirma mit Sitz in New York. Zuvor arbeitete er unter anderem im amerikanischen Außenministerium und im Pentagon. Er ist Transatlantic Fellow des German Marshall Fund of the United States.

          Weitere Themen

          Warum sind wir nicht die Besten?

          Brief aus Istanbul : Warum sind wir nicht die Besten?

          Spitzenreiter bei den Gefängnissen, unter ferner liefen bei den Universitäten: Präsident Erdogan versteht seine Türkei nicht mehr. Mit Geld kann er den Braindrain des Landes sicher nicht aufhalten.

          Applaus für Merkel nach Konter gegen Weidel Video-Seite öffnen

          Affäre um AfD-Parteispenden : Applaus für Merkel nach Konter gegen Weidel

          Bundeskanzlerin Angela Merkel lässt im Bundestag die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel auflaufen. Weidel hatte ihre Redezeit während der Haushaltsdebatte vor allem dazu genutzt, die ihr vorgeworfene Spendenaffäre zu relativieren und andere Parteien für ihre eigenen Spendenaffären zu attackieren.

          Trump warnt Truthähne vor Demokraten Video-Seite öffnen

          Nach Begnadigung : Trump warnt Truthähne vor Demokraten

          Die im Rahmen der Thanksgiving-Amnestie freigesprochenen Tiere Peas und Carrots würden vielleicht dennoch durch die Demokraten vorgeladen werden, sagte der amerikanische Präsident.

          Topmeldungen

          Merkel im Bundestag : Ein Satz wie Blei

          Wenn es um Migration geht, bemüht die Kanzlerin stets die Unantastbarkeit der Menschenwürde. Dabei treibt sie nicht nur Multilateralismus, sondern Wiedergutmachung. Das ist Wasser auf die Mühlen ihrer Kritiker. Ein Kommentar.

          Flugzeug mit Ionenmotor : Lautlos fliegen wie bei Star Trek

          Der Traum existiert schon lange, jetzt konnten Ingenieure am MIT ihn erstmalig realisieren: Sie konstruierten ein Flugzeug, das von einem rein elektrisch erzeugten Ionenwind getragen wird.
          Er als erster in stillem Protest auf dem Taksim-Platz, aber er stand nicht lang allein:  Erdem Gündüz gehört zu den vierzehn Verhafteten.

          Brief aus Istanbul : Warum sind wir nicht die Besten?

          Spitzenreiter bei den Gefängnissen, unter ferner liefen bei den Universitäten: Präsident Erdogan versteht seine Türkei nicht mehr. Mit Geld kann er den Braindrain des Landes sicher nicht aufhalten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.