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Jesiden im Nordirak Scheich Adis verfolgte Anhänger

15.08.2007 ·  Die Anschlagsserie in Sindschar steht womöglich im Zusammenhang mit den jüngsten Spannungen zwischen Muslimen und den im Nordirak lebenden Jesiden. Viele Andersgläubige betrachten die religiöse Minderheit als Ketzertum. Von Wolfgang Günter Lerch.

Von Wolfgang Günter Lerch
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In den Bergen im Norden des Irak, im Lalish-Tal, nicht weit entfernt von der Großstadt Mossul, liegt Scheich Adi. Dort gedenkt die Religionsgemeinschaft der Jesiden (Yezidi) ihres größten Heiligen, der dort auch begraben liegt: Scheich Adi Bin Musafir. Die Umgebung von Mossul und der Dschebel Sindschar nahe der syrischen Grenze sind bis heute Hauptsiedlungsgebiete dieser schillernden, weitgehend unbekannten religiösen Minderheit, deren Anhänger nur Kurden sind.

Scheich Adi starb im Jahre 1160 nach Christus. Er war ein Sufi, ein islamischer Mystiker, der heterodoxe Elemente des Islams, wie sie mit dem frühen Asketen Hassan al Basri und mit dem im Jahre 922 in Bagdad hingerichteten Mystiker Husain Ibn Mansur al Halladsch in die Religion Mohammeds gekommen waren, mit den uralten Überlieferungen der Jesiden zu verbinden suchte. Zu diesen Traditionen gehören auch Geschichten, nach denen die Jesiden ursprünglich im Süden des Iraks zu Hause waren und erst später in die unzugänglicheren Gebiete des Nordirak auswanderten.

Muslime nennen sie „Götzendiener“

Dies nicht ohne Grund, denn seit mehr als tausend Jahren können die Jesiden nur in der Abgeschiedenheit überleben. Viele Muslime in der Region bezeichnen sie wegen ihrer vorislamischen, teilweise aus der Religion Zarathustras, ja sogar den altbabylonischen Gestirn-Kulten stammenden religiösen Vorstellungen als Ketzer. Der Ursprung mancher ihrer Lehren ist bis heute ungeklärt, so dass man bisweilen von der „Geheimreligion“ der Jesiden reden hört.

Da sie den Pfau als heiliges Tier verehren, und ein Engelwesen in der Gestalt des Pfaus (Melek Taus) anbeten, nennt man sie bei Muslimen auch „Götzendiener“ oder „Teufelsanbeter“. Der Melek Taus spielt zusammen mit sieben anderen Engelwesen, die vielleicht mit Gestirnen identifiziert werden, in der Endzeitlehre der Jesiden eine wichtige Rolle, ebenso wie Christus, der das Ende des irdischen Äons einleitet.

Ohne Teufel

Immer wieder waren die Jesiden grausamen Verfolgungen durch ihre muslimische Umgebung ausgesetzt, an denen zuweilen sogar die jeweiligen Regime teilnahmen, auch schon in türkisch-osmanischer Zeit, bis man Verträge mit ihren Scheichs abschloss. Unter Saddam Hussein wurden Jesiden in großer Zahl aus dem Norden umgesiedelt. Dies hatte freilich auch damit zu tun, dass sie Kurden sind. Am besten erging es den Jesiden noch, wenn man sie unbehelligt in ihren Bergen und Tälern leben ließ.

Bis heute ist auch die Herkunft des Namens „Yezidi“ nicht genau geklärt. Manche stellen Verbindungen zu dem omajjadischen Kalifen Yazid Ibn Muawija her, der nach 680 in Damaskus regierte. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass das ältere persische Wort für Gott, yazdan oder izad, hinter der Eigenbezeichnung steckt, denn die Jesiden sind durchaus Monotheisten. Auch berichten sie von einem Propheten Izad, der ihren Glauben gestiftet habe. An die Existenz des Teufels glauben sie nicht, im Unterschied zu den Muslimen.

Reinkarnation der menschlichen Seele

Verbreitet ist die Lehre von der Seelenwanderung (Metempsychose), die den gesamten vorislamischen Orient stark geprägt hat und auch bei manchen schiitischen Extremisten, bei den Ahl-e Haqq oder auch den Drusen bis heute weiterlebt. Die Wiederverkörperung der menschlichen Seele kann, wie die Jesiden glauben, auch in einem Tier stattfinden. Scheich Adi gilt manchen als Reinkarnation des Engels Taus.

Die Jesiden kennen Scheichs, Priester (Pir), sowie die Qewals oder Erzähler, die das religiöse Erbe hüten und weitertragen, doch eine komplexere Theologie haben sie nicht entwickelt. Unter dem zweiten Gründer des Jesiden-Glaubens, Scheich Hassan oder Assin, entfernten sich die Jesiden im 13. Jahrhundert endgültig vom offiziellen Islam.

Anscheinend hatten sie schon unter Scheich Adi den vergeblichen Versuch unternommen, durch die Schaffung religiöser Aufzeichnung in den Rang der Schriftbesitzer oder Buchreligionen und damit der Schutzbefohlenen des Islams (ahl al dhimma) zu gelangen. Das Kitab al Dschilweh oder „Buch der Offenbarungen“ wird Fachr al Din zugeschrieben, welcher der Sekretär Scheich Adis gewesen sein soll.

Exil in Deutschland und Amerika

Eine andere heilige Schrift der Jesiden ist das „Maschaf räs“ oder Schwarze Buch. Die Jesiden kennen auch eine Taufe, die durch dreimaliges Eintauchen in Wasser vollzogen wird. Sie ist entweder christlichen Ursprungs oder verweist auf die gnostische Täufersekte der Mandäer oder Johanneschristen, im Südirak, die das Wasser (Moje) heiligen. Dies könnte die alte Überlieferung bestätigen, nach der die Jesiden aus der Gegend von Basra stammen. Die Heiratssitten sind streng endogam, wer außerhalb der Gemeinschaft heiratet, gilt als ausgestoßen.

Die Zahl der Jesiden wird recht unterschiedlich angegeben, zwischen 100.000 und 300.000, manchmal noch mehr. Außer im Nordirak gibt es auch in Syrien und in Westiran, im Gebiet des Rezaiye- oder Urmia-Sees, sowie im Gebiet von Hakkâri in der Südost-Türkei jesidische Siedlungen. Die Kriege und Verfolgungen der vergangenen Jahrzehnte haben viele Jesiden ins Exil getrieben, in die Vereinigten Staaten von Amerika und auch nach Deutschland.

(Siehe dazu: Selbstmordanschläge: Hunderte Menschen im Irak getötet)

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Jahrgang 1946, Redakteur in der Politik.

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