05.06.2007 · Mit dem Sechs-Tage-Krieg vor 40 Jahren wurde Jerusalems israelischer Westen mit dem arabischen Osten der Stadt scheinbar „wiedervereinigt“. Tatsächlich zerschneidet heute eine wuchtige Betonmauer die Stadt, die doch beiden Seiten heilig ist. Von Jörg Bremer.
Von Jörg Bremer, JerusalemGrößer könnte der Widerspruch nicht sein: Drei Viertel der Israelis wollen nicht in Jerusalem leben. Das ergaben Umfragen in jüngster Zeit. Dennoch ist die Mehrheit auch dagegen, die heiligen Plätze der Stadt, Klagemauer oder Tempelberg, in einem Friedensabkommen an die Palästinenser abzutreten.
Der Widerspruch besteht seit 1967: Vor genau vierzig Jahren nahm die israelische Armee den Ostteil Jerusalems ein und vereinigte ihn mit den israelischen Stadtteilen im Westen. Seither heißt es, Jerusalem sei „wiedervereint“. Tatsächlich aber empfinden viele ihre Stadt als geteilt, nicht zuletzt, seitdem 60.000 arabische Bürger hinter der wuchernden Mauer wohnen, die Ost-Jerusalem zerschneidet.
„Tempel des Salomon“
Am Übergang nach Ost-Jerusalem im Stadtteil Abu Dis herrscht Ruhe. Zwei Grenzpolizisten warten im Schatten eines verwaisten Geschäfts, einer von ihnen spielt mit seinem Mobiltelefon herum. Als eine Gruppe älterer Araber herankommt, tritt er ihnen höflich entgegen. Sie kommen aus Hebron und wollten zum Haram al Scharif. So nennen die Muslime den Tempelberg, den nach Mekka und Medina drittheiligsten Platz des Islam.
Einst wurde das Heiligtum „Tempel des Salomon“ genannt. Gemeint war die aus der ersten arabischen Epoche stammende omajjadische Moschee, die die Kreuzfahrer zu einer Kirche gemacht hatten. Der Muslim Süleyman, ein mächtiger osmanischer Sultan, wollte damit an den israelitischen Salomon anknüpfen. Die jüdische Tradition gab dem muslimischen Erben des Platzes anscheinend erst seine Legitimation. Heute denken viele Muslime nicht mehr daran, die Traditionen der heiligen Stätten mit der älteren jüdischen Religion zu teilen.
„Berlin lässt grüßen“
Der Grenzer lässt die muslimischen Pilger hinüber. Sie brauchen nicht einmal ihre Passierscheine zu zeigen, die man benötigt, um aus dem Westjordanland nach Jerusalem zu gelangen. Dennoch ist der Zugang zu den heiligen Stätten nicht so frei wie versprochen. Die Mauer, an der die Grenzsoldaten Dienst tun, ist acht Meter hoch und aus schmucklosem Beton. Auf den Zinnen stakt Stacheldraht: „Berlin lässt grüßen“ steht da als Graffiti zu lesen oder „Willkommen im Getto“.
Was sollen die 60.000 Bürger hinter der Mauer von der „Vereinigung“ Jerusalems halten? Ihnen ist der Weg zu den Schulen, Geschäften und der städtischen Verwaltung westlich der Mauer abgeschnitten. Sie müssen erst von Jerusalem nach Osten fahren, Richtung Totes Meer an der Siedlung Maale Adumin vorbei, um über den zentralen Kontrollpunkt nach Jerusalem zurückzukehren.
Die Bürgerbewegung „Frieden Jetzt“ demonstrierte darum gegen die Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der Eroberung Ost-Jerusalems und sprach von „40 Jahren Besatzung“. Man traf sich vor dem prächtigen Damaskus-Tor. Die nationalistische Gruppe „Tempel Heiliger Berg“, die alljährlich am Jerusalem-Tag versucht, auf den Tempelberg zu kommen, um neben der muslimischen Al-Aqsa-Moschee den Grundstein für den „Dritten jüdischen Tempel“ zu legen, forderte vor dem Obersten Gericht eine einstweilige Anordnung, um die Veranstaltung zu verhindern. Die sei ein „ernsthafter Akt des Verrats“. Die Rechtsradikalen der „Tempel Heiliger Berg“ wurden abgewiesen.
„Herz des jüdischen Volkes“
Immer wieder werden dieselben Fragen gestellt: „Wie jüdisch ist Jerusalem?“ „Ist die Stadt wirklich vereint?“ Mit Sorge nehmen israelische Demographen zur Kenntnis, dass es der Stadt anscheinend nicht gelingt, die arabische Bevölkerung auf einem Anteil von 27 Prozent zu halten, wie es in den siebziger Jahren geplant war. Nach Angaben des Zentralbüros für Statistik sind von den 732.000 Einwohnern Jerusalems 475.000 jüdisch und 245.000 arabisch. Also seien bald 35 Prozent Araber, klagen manche. Ein anderes Demographieinstitut stellte kürzlich jedoch fest, dass mittlerweile auch die Geburtenrate der Araber sinke.
Der ultraorthodoxe Bürgermeister Lupolianski warnt dennoch vor einer arabischen Mehrheit im Jahre 2035. Dann werde die Hauptstadt Israels, „das Herz des jüdischen Volkes, zwar vereint sein, aber faktisch von einer fremden Führung regiert werden“. Israel werde seine Hauptstadt verlieren, befürchtet der Bürgermeister. Die Zahl der Religiösen in der Stadt bleibt dabei stabil bei gut 20 Prozent. Auch sie leben – wie die Araber – in ihren eigenen Vierteln, getrennt von der übrigen Bevölkerung. Viele ärmere Bürger und gerade die Religiösen zogen schon wegen der hohen Mietkosten fort.
Dagegen will nun die Knesset mit einem – freilich halbherzigen – Programm vorgehen, das neue Einwohner nach Jerusalem holen soll. Der Staat will der Stadt 130 Millionen Euro schenken. Es soll Steuererleichterungen geben, und eine Schule für Jerusalem-Studien soll gestiftet werden. Derweil hat sich der Planungsstab der Stadt zum Neubau von drei Siedlungen in den arabischen Gebieten entschieden, mit denen „Kontinuität“ zwischen den Siedlungen in Gush Etzion bei Bethlehem und im Norden der Stadt hergestellt werden soll.
„Künstlicher Krampf“
Der Zugang der arabischen Bevölkerung zu ihrem geistigen und wirtschaftlichen Zentrum würde dadurch jedoch zerstört. Der Sprecher des palästinensischen Präsidenten Abbas, Erekat, kritisierte, damit lehne Israel die „arabische Initiative“ ab, in der Ost-Jerusalem als Hauptstadt der Palästinenser vorgesehen sei. Dieser Tage hatte die israelische Außenministerin Zipi Livni in Kairo offizielle Gespräche zur „arabischen Initiative“ aufgenommen, die Israel – abgesehen von einem Rückkehrrecht der Flüchtlinge – als Grundlage für Verhandlungen ansieht.
Der frühere Jerusalemer Vizebürgermeister Benvenisti beschreibt den Fehlschlag der „Vereinigung“: In Jerusalem zu leben sei unattraktiv. Im vergangenen Jahr habe die Stadt mit 12.000 Menschen kaum Zuzug erlebt. Die Stadt sei arm. Ihm erscheine es als „künstlicher Krampf“, stets die Nationalitäten gegeneinander aufzurechnen, anstatt an einer Stadt zu bauen, die offen und vereint Hauptstadt der beiden Nationen sein könne.
Mit künstlichen Grenzen, die möglichst viele Araber ausschließen sollen, versuche Israel, seine „jüdische Hauptstadt“ zu bewahren, sagt Benvenisti. „Es ist Heuchelei, wenn geschworene Demokraten den Verlust der jüdischen Mehrheit beklagen. Ist denn je ein Araber gefragt worden, ob er zu Israel gehören werden will? Werden die Araber jetzt gefragt, ob sie hinter die Trennlinie geraten wollen? Und jedes Mal, wenn Ost-Jerusalem einen Führer hat, wie einst Faisal Husseini, der sich als Partner Israels anbot, tut Israel alles, um ihn zu neutralisieren und die geschaffenen Institutionen zu zerstören.“
Nur eine Geschichte
Seit dem Besuch von Oppositionsführer Scharon Ende September 2000 dürfen nur noch Muslime in die Moscheen. Scharon wollte mit seinem Besuch die jüdische Geschichte des Berges demonstrieren. Zugleich aber markierte das Ereignis den Beginn der „zweiten Intifada“. In den zu Teilen aus herodianischer Zeit stammenden Gewölben unter der al Aqsa, den salomonischen Ställen, richteten die Muslime seither eine viele tausend Menschen fassende dritte Moschee ein.
Auf archäologische Funde achteten sie dabei nicht: Für den Wakf, der die muslimischen Heiligtümer autonom verwaltet, gibt es hier nur eine muslimische Geschichte. Nicht anders für manche Juden: In einem israelischen Tempelinstitut steht ein Modell des Tempelbergs. Darauf sind nicht die beiden Moscheen zu sehen, sondern der dritte jüdische Tempel.
Jörg Bremer Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.
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